Straßenverkehr und große Industriebetriebe tragen die Hauptverantwortung für klimaschädliche Emissionen und Begleitverschmutzung wie Feinstaub oder Lärm. Gleichzeitig sind sozioökonomisch vulnerable Gruppen überproportional stark betroffen. Maßnahmen zur Emissionsreduktion adressieren daher nicht nur die Klimakrise, sondern bringen auch lokale Umwelt- und Verteilungsvorteile. Am Beispiel der österreichischen Bahnindustrie zeigt sich, wie eine vorausschauende Politik ökologische Entlastung mit wirtschaftlicher Stärke und sozialem Ausgleich verbinden kann.
Umwelt und Ungleichheit
Klimawandel und Umweltverschmutzung sind ökologische Krisen und zugleich Ausdruck tiefgreifender Verteilungsungleichheiten. Zum einen ist die Belastung gegenüber Umweltgefahren sozial ungleich verteilt, zum anderen die Verantwortung für eben jene: Wer wie viel von Umweltverschmutzung belastet ist bzw. zu ihr beträgt, hängt – auf Individualebene – von sozioökonomischen Faktoren ab. Auf sektoraler Ebene sind der Verkehr- und Industriesektor die zwei Hauptverursacher globaler und lokaler Umweltverschmutzung. Um nur einige Beispiele umweltrelevanter Verteilungsachsen zu nennen. Im folgenden Beitrag sollen neue Forschungsergebnisse präsentiert und Implikationen mit Fokus auf Mobilitäts- und Wirtschaftspolitik in Österreich diskutiert werden.
Von sozialen Bewegungen zum Forschungsfeld: Umweltgerechtigkeit im Wandel
Die öffentliche und politische Debatte zu Verteilungsfragen in der Umweltpolitik gewann in Europa insbesondere durch die Gelbwestenproteste zwischen 2018 und 2019 in Frankreich an Dynamik, die sich gegen steigende Treibstoffsteuern bei gleichzeitigen sozialpolitischen Kürzungen richteten. Auch die empirische Forschung zur sozioräumlichen Verteilung von Umweltgefahren hat ihre Wurzeln in sozialen Bewegungen: Bereits in den frühen 1980er Jahren protestierten afroamerikanische Communitys gegen giftige Mülldeponien in ihren Wohngebieten. In den folgenden Jahrzehnten etablierte sich in den USA Umweltgerechtigkeit (Environmental Justice) als politisches Leitprinzip – wobei die praktische Wirksamkeit nicht erst seit der Regierung Trump fraglich ist – und Umweltungleichheit (Environmental Inequality) als Forschungsfeld. Parallel dazu wurde der Begriff „Just Transition“ von Gewerkschaften geprägt, um die soziale Absicherung von durch Umweltmaßnahmen betroffenen Arbeiter:innen zu fordern. Seit den 2000er Jahren wurde das Konzept der Just Transition zu einem umfassenderen Ansatz einer sozial eingebetteten Klimapolitik weiterentwickelt. Die europäische Forschung zu Umweltungleichheiten hat sich erst in den letzten zehn Jahren – begünstigt durch bessere Daten und politisches Momentum – verstärkt entwickelt.
Emissionen, Luftverschmutzung und Lärm: Verkehr und Industrie als Hauptverursacher
Bestehende Untersuchungen zeigen: Fast die Hälfte aller Treibhausgasemissionen (THG) in Österreich stammen aus dem Verkehrssektor, davon fast zur Gänze aus dem Straßenverkehr. Die Industrie ist der zweitgrößte Verursacher, mit extremen Konzentrationen innerhalb des Sektors: In der EU sind die Top 100 Industrieanlagen für 40 Prozent aller industrieller und für 20 Prozent der gesamten EU-weiten CO2-Emissionen verantwortlich. In Österreich zählt eine Stahlproduktionsanlage zu den größten CO2-Verursachern.
Bisher wenig Beachtung in klimapolitischen Diskursen wird der aus Industrie und Verkehr resultierenden Begleitverschmutzung geschenkt: Neben klimaschädlichen THG emittieren diese Sektoren signifikante Mengen an Luftschadstoffen, wie Feinstaub und Stickstoffdioxid, und Lärm, welche der Gesundheit der lokalen Bevölkerung schaden. Luft- und Lärmverschmutzung sind immer noch die zwei größten umweltbedingten Gesundheitsrisiken in Europa und Österreich. Zur Veranschaulichung: Etwa zwei Drittel der österreichischen Bevölkerung sind gesundheitsschädlichen Stickstoffoxidwerten ausgesetzt, was jährlich über 500 frühzeitige Todesfälle zur Folge hat. Über zwei Millionen Österreicher:innen sind zudem gesundheitsschädlichem Verkehrslärm ausgesetzt, was jedes Jahr rund 400 vorzeitige Todesfälle verursacht.
Die von den Top 100 Industrieanlagen produzierte Luftverschmutzung verursacht jedes Jahr Gesundheitskosten von Hunderten Milliarden Euro. Gemeinsam mit den verursachten Klimaschäden übersteigen diese Kosten häufig die regionale Wertschöpfung der Betriebe. Zugleich sind diese bedeutende regionale Arbeitgeber und Industriestandorte mit wirtschaftspolitischem Einfluss, etwa die Stahlindustrie in Österreich. Dies zeigt: Eine Konversion (z. B. zu grünem Stahl) ist ökologisch notwendig, muss jedoch sozial abgefedert werden, um Beschäftigung und Wertschöpfung zu erhalten.
Diese Herausforderung als umweltpolitische und industriepolitische Aufgabe zu begreifen und entsprechende Maßnahmen zu setzen birgt erhebliches Potenzial, wie weiter unten anhand der österreichischen Bahnindustrie illustriert wird.
Umweltbelastungen treffen sozial benachteiligte Gruppen überproportional
Wer wie stark von Luft- und Lärmverschmutzung belastet ist, ist sozial nicht gleich verteilt. Aktuelle empirische Studien, welche die Exposition gegenüber Feinstaub, Stickstoffdioxid und Lärm anhand von sozioökonomischen Merkmalen für Österreichs Gemeinden untersuchen, zeigen signifikante Ungleichheiten auf: So sind nicht-österreichische Staatsbürger:innen überproportional stark von Feinstaub belastet. Dieses Muster gilt sowohl im Vergleich zwischen Gemeinden als auch innerhalb von Bundesländern und politischen Bezirken. Das Ausmaß der Ungleichheit ist in Städten besonders hoch, in denen drei Viertel der nicht-österreichischen Staatsbürger:innen leben. Im ländlichen Raum hingegen sind vor allem Menschen mit niedrigem Bildungsabschluss überdurchschnittlich stark betroffen. Ein ähnliches Muster zeigt sich auch bei Stickstoffdioxid und Straßenverkehrslärm: Steigt der Anteil nicht-österreichischer Staatsbürger:innen um 1 Prozent, erhöht sich die Lärmbelastung im Durchschnitt um 0,6 Prozent und die Stickstoffdioxidbelastung um 1,7 Prozent. In Gebieten mit einem höheren Anteil von Personen mit niedriger formaler Bildung ist der Anstieg der Stickstoffdioxidbelastung mit 2 Prozent noch ausgeprägter. Speziell die Segregation innerhalb von Gemeinden deutet auf bestehende Diskriminierungsmuster am Wohnungs- und Arbeitsmarkt hin: So leben armutsgefährdete Personen aufgrund niedriger Mieten vermehrt an stark befahrenen Straßen oder in der Nähe von Industrien.
Jene Gruppen würden von politischen Maßnahmen zur Reduktion von verkehrsbedingter und industrieller Umweltverschmutzung überdurchschnittlich profitieren.
Politische Implikationen: Warum Umweltpolitik ohne Verteilungsperspektive scheitert
Verteilungspolitische Analysen von Umweltverschmutzung und daraus resultierenden Gesundheitsbelastungen haben also politische Relevanz in mehrerlei Hinsicht: Zum einen setzen effiziente Mitigations- und Adaptionsmaßnahmen voraus, zu wissen, wo Emissionen, Luftschadstoffe und Lärm verursacht werden und wie sie sozioräumlich verteilt sind. Zum anderen geht die Konzentration – insbesondere industrieller – Umweltverschmutzung mit einer Bündelung politischer und ökonomischer Macht einher, die über markt-, regulierungs- und energiepreisbedingte Abhängigkeiten effektiven Umweltschutz strukturell erschwert. Zusätzlich verschärfen Ungleichheiten in der Belastung gegenüber Umweltgefahren bestehende und schaffen neue sozioökonomische Ungleichheiten. Umweltverschmutzung und dadurch resultierende Klima- und Gesundheitsschäden produzieren hohe gesamtgesellschaftliche Kosten.
Verursacher in die Pflicht nehmen: Bahnindustrie als Hebel der Transformation
Sozial gerechter Umweltschutz ist also keine Ideologie, sondern eine ökonomische Notwendigkeit für resiliente und zukunftsfähige Gesellschaften. Aktuell zeigt sich jedoch das Gegenteil: Klimaziele werden abgeschwächt, Regulierungen aufgeweicht und klimaschädliche Subventionen fortgeführt, ohne dass die Hauptverursacher – insbesondere Industrie und Verkehr – konsequent zur Verantwortung gezogen werden. Statt durch die Abschaffung des Dieselprivilegs oder CO2-Mautzuschläge dringend benötigte Einnahmen zu generieren, werden zusätzliche Kosten verursacht, die vor allem Umwelt und sozial benachteiligte Gruppen tragen.
Neben regulativen Maßnahmen sind vor allem strukturelle Veränderungen in Industrie und Mobilität notwendig. Die österreichische Bahnindustrie stellt in diesem Kontext einen zentralen Ansatzpunkt für eine sozial-ökologische Transformation dar, deren Potenziale sowohl ökologisch als auch verteilungspolitisch relevant sind. Als öffentlich kontrollierter Sektor ermöglicht sie durch langfristige Investitionen und strategische Vergabekriterien eine aktive Industriepolitik und kann als „Technologietreiber“ die Dekarbonisierung anderer Kernbranchen wie Stahl oder Elektronik beschleunigen. Durch gezielte wirtschafts- und industriepolitische Maßnahmen könnten rund 25 Milliarden Euro an zusätzlicher regionaler Wertschöpfung und mehr als 230.000 Arbeitsplätze geschaffen werden. Die Integration von Arbeitskräften aus der strukturell unter Druck stehenden Automobilbranche sowie die Transformation energieintensiver Sektoren hin zu klimaneutralen Verfahren, wie etwa bei grünem Stahl, birgt zusätzliche Triebkraft.
Vor dem Hintergrund ökonomischer Unsicherheiten stärkt dies zugleich die regionale Resilienz und strategische Handlungsfähigkeit. Indem ökologische Entlastungen mit konkreten sozioökonomischen Verbesserungen verbunden werden, kann eine solche Transformation vor allem auch die gesellschaftliche Akzeptanz für ambitionierte Umweltpolitik erhöhen.
Was braucht es konkret?
- Stärkung des öffentlichen Bewusstseins über die Co-Benefits von Umweltschutz: Maßnahmen, die Emissionen aus Verkehr und Industrie senken, sind notwendig, um die globale Klimakrise zu adressieren, bringen vor allem aber auch positive Umwelt- und Verteilungseffekte auf nationaler und lokaler Ebene, von denen besonders vulnerable Bevölkerungsgruppen profitieren.
- Eine vorausschauende Wirtschaftspolitik, die verlässliche Rahmenbedingungen für zukunftsfähige Mobilität und Industrie schafft. Die kürzlich präsentierte Industriestrategie 2035 setzt erste wichtige Leitplanken (u. a. die Definition und Förderung von Schlüsseltechnologien der Mobilitätswende, insbesondere der Bahnindustrie) und eröffnet ein entscheidendes Zeitfenster für weitere notwendige Schritte, das es jetzt zu nutzen gilt.
- Neben politischen Maßnahmen wäre eine verbindliche Verankerung von Umweltgerechtigkeit als rechtliches und politisches Leitprinzip eine weitere wichtige Voraussetzung, um soziale und ökologische Ungleichheiten systematisch zu reduzieren.
- Zudem braucht es mehr gezielte Forschung, die die ökologischen, ökonomischen und verteilungspolitischen Vorteile einer sozial-ökologischen Wende sichtbar macht und politische Entscheidungen untermauert.
Die in diesem Beitrag vorgestellten Ergebnisse basieren auf publizierten Artikeln im Rahmen ihrer Dissertation.