Mit der Industriestrategie 2035 hat die österreichische Bundesregierung am Beginn des neuen Jahres den Anspruch formuliert, den Industriestandort Österreich langfristig abzusichern und gleichzeitig in eine klimaneutrale, digitale und widerstandsfähige Zukunft zu führen. Die Strategie versteht sich dabei als Antwort auf die tiefgreifenden Umbrüche, die wir derzeit erleben: geopolitische Unsicherheiten, der globale Wettlauf um Zukunftstechnologien, Fachkräfteknappheit und hohe Energiepreise. Ein Erfolg kann die Strategie aber nur dann werden, wenn sie konsequent umgesetzt wird.
Den Detaildiskussionen über die Qualität, Tiefe und Treffsicherheit der neuen österreichischen Industriestrategie muss eines vorangestellt werden: Allein ihre Existenz stellt einen strategischen Fortschritt dar, denn die letzten zwei Versuche, der Industriepolitik in Österreich einen strategischen Rahmen zu geben, sind politisch gescheitert. Lange Zeit dominierte ein industriepolitischer Blindflug, der von Einzelmaßnahmen, unkoordinierten Förderprogrammen und Standortmarketing geprägt war. Was fehlte, war ein übergeordnetes Leitbild. Die Industriestrategie 2035 liefert genau das und einen strategischen Rahmen sowie ein Fortschrittsmonitoring.
Industriestrategie 2035 im Fokus – was steht drinnen?
Die Industriestrategie ist entlang von sechs übergeordneten Zielen und sieben Handlungsfeldern aufgebaut und umfasst 114 Einzelmaßnahmen. Ein großer Teil davon ist schon aus dem Regierungsprogramm bekannt, soll nun aber erstmals systematisch gebündelt und auf die strategischen Zielsetzungen ausgerichtet werden. Zu den ausgewiesenen Top-Maßnahmen zählen ein Industriestrompreis, eine Offensive für Schlüsseltechnologien, gezielte Investitionen in Fachkräfte, Kreislaufwirtschaft, strategische Beschaffung nach dem Prinzip „Made in Europe“ und ein Schwerpunkt im Bereich Mobilität. Darüber hinaus enthält die Strategie leider das aus dem Regierungsprogramm bekannte Bekenntnis zur Senkung der Lohnnebenkosten, eine Entbürokratisierungsoffensive sowie die geplante Vereinheitlichung des Außenwirtschafts- und Kriegsmaterialgesetzes, um Exporte zu erleichtern.
Erstmals Schlüsseltechnologien als Wegweiser in die industrielle Zukunft
Der Industriestrategie gelingt etwas, was lange Zeit in Österreich für undenkbar galt: die Festlegung von Schlüsseltechnologien für den Standort Österreich. Das ist ein wichtiger Schritt hin zu mehr Orientierung und Planungssicherheit: nicht nur für Unternehmen und ihre Beschäftigten, sondern auch für Forschungseinrichtungen und Forschungsförderer. Gleichzeitig bleibt der technologische Fokus mit insgesamt neun Schlüsseltechnologien sehr breit angelegt.
Zwar ist der Fokus auf Schlüsseltechnologien ein richtiger, jedoch wählen diese Schlüsseltechnologien nicht nur Österreich, sondern viele Länder. Man spricht in diesem Fall von einer Technologiekonvergenz. Die Industriestrategie müsste daher weiter gehen und gezielt auf Nischen innerhalb dieser Schlüsseltechnologien fokussieren und bestehende Stärkefelder bündeln. Entscheidend für den Erfolg der angekündigten Schlüsseltechnologieoffensive ist daher weniger die Breite der Themen als deren konsequente Umsetzung. Diese ist eng mit dem FTI-Pakt verknüpft, der bereits im Dezember 2025 hätte beschlossen werden sollen. Die für den FTI-Pakt vorgesehenen Budgetmittel von 2,6 Milliarden Euro sind größtenteils im Regierungsprogramm verankert und sollen nun stärker gebündelt eingesetzt werden. Dem FTI-Pakt sollen beschleunigte Genehmigungsverfahren, gezielte Ansiedlungsunterstützung sowie regulatorische Experimentierräume zur Seite gestellt werden, welche Innovationen schneller vom Labor in die Anwendung bringen sollen.
Leistbare Energie als Lebensader, nicht nur die Industrie
Energie ist ein zentrales industrie- und wirtschaftspolitisches Handlungsfeld. Dies wurde in der Strategie erkannt. Angesichts der hohen Energiepreise muss eine leistbare, saubere und sichere Energieversorgung höchste Priorität haben, um Standort, Wertschöpfung und Beschäftigung zu sichern. Die Industriestrategie schlägt dazu Maßnahmen wie einen Industriestrompreis und die Verlängerung des Stromkostenausgleichgesetzes (SAG) vor. Das sind teure Maßnahmen, die zwar kurzfristig entlasten, aber Übergangslösungen bleiben. Sie verschaffen Zeit, ersetzen aber keine strukturelle Neuausrichtung der Energieversorgung. Nur ein ambitionierter Ausbau der erneuerbaren Energien, Speicher, Netze und Investitionen in Energieeffizienz werden helfen, die Energiekosten langfristig zu senken. Neben dieser kurzfristigen Unterstützung braucht es vor allem einen systemischen und bedarfsgerechten Gesamtansatz, welcher leistbare und saubere Energie nicht nur der Industrie, sondern auch den KMUs und den Haushalten bringt.
Ohne Fachkräfte geht es nicht!
In der Industriestrategie wurde die Bedeutung des Themas Fachkräfte erkannt. Damit folgt sie dem bekannten Draghi-Bericht. Die Strategie ist jedoch nicht davor gefeit, dass Thema Lohn- und Lohnnebenkostensenkung anzusprechen: eine Sichtweise, die viel zu kurz greift, denn die großen Herausforderungen in Europa – und dies gilt auch für Österreich – liegen vor allem in der Innovationsfähigkeit und in den hohen Energiekosten. Gut ausgebildete Fachkräfte, stabile Arbeitsbeziehungen und hohe Qualitätsstandards zählen vielmehr zu den entscheidenden Standortvorteilen, die langfristige Wertschöpfung ermöglichen und internationale Wettbewerbsfähigkeit absichern. Positiv hervorzuheben ist der stärkere Einbezug von Arbeitssuchenden und das Thema Weiterbildung in der Arbeitszeit. Entscheidend wird jedoch sein, einen ganzheitlichen und sachorientierten Ansatz zu verfolgen, der gemeinsam mit den Sozialpartnern entwickelt wird und wirtschaftliche Erfordernisse ebenso berücksichtigt wie gesellschaftliche Aspekte.
Kreislaufwirtschaft aufbauen, Bioökonomie nutzen und Transformation vorantreiben
Die Weiterentwicklung einer Kreislaufwirtschaft ist für Österreich nicht nur eine Herausforderung, sondern eine große Chance. Jahrzehntelange Erfahrung in Umwelt- und Kreislaufwirtschaftstechnologien bieten günstige Voraussetzungen. Der FTI-Monitor 2025 bescheinigt Österreich deutliche Wettbewerbsvorteile in diesem Zukunftsfeld. Umso wichtiger ist es, dass das Thema Kreislaufwirtschaft in der Industriestrategie einen prominenten Platz findet. Geplante Maßnahmen zielen darauf ab, die Versorgung aus heimischen Quellen zu stärken, Rohstoffimporte zu diversifizieren und die Wiederverwertung sowie Aufbereitung von Materialien auszubauen, beispielsweise durch lokale Recycling- und Aufbereitungscluster. Auch die Entwicklung von Materialinnovationen rückt dabei in den Fokus. Positiv ist das klare Bekenntnis zum Aufbau einer Kreislaufwirtschaft „Made in Austria“. Entscheidend wird es jedoch sein, verbindliche Transparenzanforderungen, klare rechtliche Verpflichtungen und öffentlich zugängliche Rohstoff- und Materialdaten zu schaffen sowie Anforderungen an die Produktgestaltung konsequent zu verankern.
Infrastrukturen und Mobilität der Zukunft fördern und wirtschaftliche Widerstandskraft stärken
Ohne moderne und gut ausgebaute Infrastrukturen gibt es keine Wettbewerbsfähigkeit und keinen industriellen Erfolg. So einfach lautet die Losung. Die Industriestrategie setzt deshalb einen ihrer Schwerpunkte bewusst auf die Beschleunigung von Genehmigungs- und Umsetzungsverfahren, einen klaren Fokus auf die Bahnindustrie sowie die konsequente Realisierung von bestehenden Infrastrukturvorhaben. Aber auch Zukunftstechnologien spielen hierbei eine Rolle. Österreich soll für automatisierte Mobilität fit gemacht werden. Gezielte Forschungsförderungen sollen in die Bereiche der Automatisierung und Sensorik sowie den weiteren Breitbandausbau fließen. Auch der Ansatz, über öffentliche Beschaffung und flankierende Maßnahmen den Aufbau einer autarken europäischen Dateninfrastruktur zu unterstützen, ist wichtig und richtig. Auffällig ist jedoch, dass der Schutz kritischer, insbesondere digitaler Infrastrukturen und der Kampf gegen Cyberkriminalität kaum angesprochen werden. Das ist ein strategischer Mangel insbesondere vor dem Hintergrund der aktuellen internationalen Entwicklungen.
Österreichs Platz in Europa und geopolitische Herausforderungen
Österreich liegt im Herzen von Europa. Der europäische Binnenmarkt wird daher zu Recht als zentraler Hebel industriepolitischer Bemühungen in der Industriestrategie 2035 hervorgehoben. Vorgesehen sind dafür fünf Maßnahmenblöcke, darunter das Prinzip „Made in Europa & by Partners“ in der öffentlichen Beschaffung sowie ein Aktionsplan für strategische Beschaffung, beispielsweise durch Local-Content-Bestimmungen und die Novellierung der EU-Vergaberichtlinien. Dies sind alles positive Punkte, denn es ist klar, dass Österreich wirtschaftlich nur in Kooperation und innerhalb des EU-Binnenmarkts den großen globalen industriellen Umbrüchen trotzen und weiterhin erfolgreich sein kann. Der Teufel liegt aber wie so oft im Detail und es wird vieles von der konkreten Ausgestaltung und Umsetzung der Maßnahmen abhängen. Kritisch ist jedoch zu beobachten, dass die handelspolitische Ausrichtung der Industriestrategie insgesamt vage bleibt und die Verteidigungs- und Sicherheitswirtschaft überbetont prominent platziert ist. Dabei kommt es teils zu einer problematischen Vermengung von Wirtschafts- und Sicherheitspolitik, zum Beispiel bei der Reform des Kriegsmaterialiengesetzes und der angekündigten „gesamthaften“ Neuausrichtung der Exportkontrolle.
Ein falsches Versprechen der Entbürokratisierung und die offenen Fragen der Finanzierung
Der Erfolg oder Misserfolg von Industriestrategien wird durch deren Effektivität in der Umsetzung bestimmt. Der starke Fokus auf „weniger Bürokratie“ verkennt die wissenschaftliche Evidenz und blendet die notwendige Stärkung von Kapazitäten und Kompetenzen in der öffentlichen Verwaltung ebenso aus wie den notwendigen Aufbau lernender, koordinierender und anpassungsfähiger staatlicher Institutionen. Dies wäre aber gerade in Zeiten hoher Unsicherheit und disruptiver Entwicklungen Gebot der Stunde – ein grober Mangel in der gesamten Strategie.
Gleichzeitig steht die Industriestrategie 2035 in einem generellen Spannungsverhältnis zwischen ihren Zielsetzungen und den begrenzten Finanzierungsspielräumen. Vorgesehen ist unter anderem die Einrichtung eines Rot-Weiß-Rot-Standortfonds mit öffentlichen Ankerinvestitionen sowie ein Bekenntnis zur bestmöglichen Nutzung europäischer Förderinstrumente. Die Zusicherung der Finanzierung des FTI-Pakts, der weitere Infrastrukturausbau und die geplante stärkere Zielorientierung des Förderwesens sind trotz des stark begrenzten Finanzierungsspielraums positive Signale. Dasselbe gilt für den verstärkten Einsatz risikoteilender, budgetschonender Instrumente wie Garantien und Haftungen. Kritisch bleibt jedoch, dass viele Maßnahmen zu sehr national gedacht sind und ein europäischer Maßstab weitgehend fehlt.
Monitoring oder wie geht es weiter?
Eine Strategie, die nur eine einmalige Präsentation eines Papiers ist, ist keine Strategie. Deshalb ist es ein großer Fortschritt, dass die Industriestrategie nicht als statisches Dokument, sondern als lernender Prozess verstanden wird. Die geplante Monitoring-Struktur zur laufenden Weiterentwicklung und Überprüfung der Zielerreichung unter Einbindung relevanter Stakeholder stellt dabei einen wesentlichen Fortschritt dar. Auch die Übertragung dieser verantwortungsvollen Aufgabe an den Produktivitätsrat, ergänzt durch den qualitativen Input der geplanten „Task Force Industrie“, der auch die Sozialpartner angehören sollen, ist ein richtiger und wichtiger Schritt. Darüber hinaus soll die Industriestrategie alle drei Jahre einer wissenschaftlichen Evaluierung unterzogen werden. Entscheidend wird jedoch sein, dass dieser Ansatz als ernsthafter Weiterentwicklungsprozess mit konkret überprüfbaren Ergebnissen umgesetzt wird.
Fazit: Auf die Umsetzung kommt es jetzt an!
Die Industriestrategie stellt einen wichtigen Fortschritt zur bisherigen Situation dar. Sie adressiert zentrale Herausforderungen korrekt und setzt in vielen Bereichen sinnvolle Akzente. Energie, Fachkräfte, Schlüsseltechnologien, Infrastruktur, Kreislaufwirtschaft und Binnenmarkt werden zu Recht als Schlüsselhebel benannt und einzelne Maßnahmen weisen in die richtige Richtung. Viele Ansätze bleiben national verengt, während ein europäischer Maßstab sowie institutionelle Reformen und Umsetzungskapazitäten zu wenig ausgeprägt sind. Positiv ist aber jedenfalls der Anspruch, die Strategie als lebendigen Prozess mit Monitoring und Stakeholder-Einbindung zu gestalten. Der Erfolg der Strategie hängt letztlich davon ab, ob sie verbindlich betrieben und zu konkret überprüfbaren Ergebnissen führen wird.