Geschlechterungleichheiten zeigen sich auch in gesellschaftlichen Normen, die festlegen, wie Männer und Frauen zu sein haben und welche Fähigkeiten, Verhaltensweisen und Lebensentwürfe anerkannt werden. Von Frauen wird erwartet, die Hauptverantwortung für Haus- und Sorgearbeit zu tragen und zugleich erwerbstätig zu sein. Diese oft widersprüchlichen Anforderungen werden als belastend erlebt und führen zu Nachteilen wie geringerem Einkommen, höherem Armutsrisiko und mehr Stress.
Die Frauenabteilung der AK Wien hat mit dem Ansatz der „aufsuchenden Interessenpolitik“ zentrale Herausforderungen im Spannungsfeld von Erwerbs- und Sorgearbeit eingefangen, wie sie Frauen täglich erleben. In dialogisch angelegten Gesprächsrunden wurde ein geschützter Raum geschaffen, in dem Frauen ihre Anliegen, Sorgen und Erfahrungen teilen konnten. Die Teilnehmerinnen kamen aus unterschiedlichen Lebensphasen, Bildungs- und Berufskontexten sowie mit verschiedenen ethnischen und nationalen Hintergründen. Die Ergebnisse wurden visuell als Comics übersetzt und auch in einer Blog-Serie verarbeitet: Nachdem wir im ersten Beitrag Mehrfachbelastungen durch bezahlte und unbezahlte Arbeit thematisiert und im zweiten Beitrag Mehrfachdiskriminierung in Ausbildung und Arbeitsmarkt beleuchtet haben, richtet sich der Blick nun auf die gesellschaftlichen Erwartungen, die Frauen in ihrem Handlungsspielraum beschränken.
Hinten anstellen, bitte: Erwartungsdruck ein Frauenleben lang
Die aktuellen Geschlechterverhältnisse spiegeln sich darin wider, wofür Männer und Frauen Wertschätzung erfahren oder eben auch mit Abwertung konfrontiert sind. Beides ist eng mit Rollenbildern verbunden. Frauen und Männern werden unterschiedliche Eigenschaften und Fähigkeiten zugeschrieben (z. B. empathisch, fürsorglich vs. rational, mutig). Diese Eigenschaften sind aber nicht neutral, sondern werden in einen „hierarchischen Bewertungszusammenhang“ gesetzt. Das bedeutet, als weiblich markierte Eigenschaften und Tätigkeiten werden strukturell geringer anerkannt, was sich u. a. in niedrigeren Löhnen in typischen Frauenberufen oder in der Geringschätzung von unbezahlter Haus- und Sorgearbeit zeigt. Über diese Anerkennungsordnung wird auch Macht und Kontrolle ausgeübt, die Frauen in ihrem Alltag schließlich als Einschränkungen und Fremdbestimmung erleben. Grund dafür ist, dass Anerkennung an die Erfüllung der gängigen geschlechtsspezifischen Normen (z. B. gute Mutter, einfühlsame Kollegin) geknüpft ist. Die geschlechterbezogenen Machtverhältnisse prägen auch unsere inneren Maßstäbe dafür, was angemessen ist. Diese verinnerlichten Wahrnehmungs- und Handlungsmuster lenken Entscheidungen im Alltag. Deshalb schreiben sich viele Frauen selbst die Verantwortung für Sorgearbeit zu oder stellen eigene berufliche Ambitionen hinter familiäre Pflege- und Betreuungsaufgaben.
Dieses System der Zuschreibungen und normativen Erwartungen durchdringt unsere ganze Gesellschaft – von der Kindheit über die Schule bis in die Berufswelt und später auch das Beziehungs- und Familienleben. Für kindbezogene Tätigkeiten beispielsweise – wie Anziehen, bei Krankheit kümmern oder bei den Hausaufgaben helfen – fühlen sich Frauen deutlich häufiger zuständig als Männer, selbst dann, wenn die Frauen in Vollzeit arbeiten. Damit im Einklang steht, dass die Beteiligung von Vätern an der Kinderbetreuung in Österreich im europäischen Vergleich sehr gering und in den letzten Jahren sogar rückläufig ist. Ländervergleichende Umfragedaten zeigen außerdem, dass in Österreich die Ablehnung einer geteilten Elternkarenz ausgesprochen hoch und die Zustimmung dazu sehr niedrig ist, insbesondere bei Männern.
Die unterschiedliche gesellschaftliche Bewertung von Erwerbs- und Sorgearbeit, aber auch geschlechtlich konnotierten Eigenschaften und Fähigkeiten finden ihren Ausdruck in der geschlechtlichen Arbeitsteilung. Zwar sollen Männer wie Frauen dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, Männer gelten aber nach wie vor als „Haupternährer“. Gleichzeitig sollen Frauen Verantwortung für die unbezahlte Haus- und Sorgearbeit übernehmen und dem Ideal einer „guten“ Mutter entsprechen.
„Eine Frau, die früh wieder arbeiten geht, ist eine Rabenmutter, das sagen auch Leute in meinem Alter, da ist man relativ zügig. Und übersieht völlig, dass es da auch den Vater gibt. Das ist in den Köpfen nicht mitgedacht.“ (Teilnehmerin, Gesprächsrunde 7)
Eine andere Frau ergänzt: „Also wenn ich irgendwo war, auf einem Konzert oder irgendwo, kam die Frage: ‚Wo sind die Kinder?‘ – ‚Die haben einen Vater‘. Das hat meinen Mann nie jemand gefragt. Wenn er mit dem Motorrad irgendwo hingefahren ist. Das bin immer nur ICH gefragt worden.“ (Teilnehmerin, Gesprächsrunde 7)
Dazu gehört auch, für den Schul- und Bildungserfolg der Kinder verantwortlich zu sein, und sie darüber hinaus bei Schulproblemen und -ängsten sowie Diskriminierungserfahrungen zu unterstützen. Eine Frau mit Wurzeln in Ostafrika meint dazu: „Wir als Mütter, wir haben ja auch die Aufgabe – wir müssen in Psychologie viel lernen, weil die Kinder Hilfe brauchen. Wir müssen sie unterstützen und es ihnen erklären, weil ihnen auch viel Hass begegnet.“ (Teilnehmerin, Gesprächsrunde 5)
Viele der jüngeren Gesprächsteilnehmerinnen, die noch keine Kinder hatten, berichten von Sorgen, wie sie ihre eigenen, berechtigten Ansprüche nach partnerschaftlicher Teilung der unbezahlten Arbeit einlösen sollen, während sie dafür wenig gesellschaftliche Unterstützung bekommen und auch noch mit den Erwartungen an „gute“ Mutterschaft konfrontiert sind, die sich mit ihren eigenen Vorstellungen widersprechen.
„Aber was mich schon beschäftigt, ist das Thema ,Mental loadʻ und damit einhergehend dann Arbeitszeit. Weil meine Angst ist, dass der sehr stark bei mir liegt, dass wenn wir Kinder haben und ich trotzdem weiter arbeiten will – und ich hätte gern, dass wir circa fifty-fifty arbeiten –, dass mein Partner nicht so am Schirm hat, wie viel dann wirklich die Kinderbetreuung ausmacht. […] Gleichzeitig ist da viel gesellschaftlicher Druck. Zum Beispiel von meiner Schwiegerfamilie bekomme ich sehr viel. Da wird stark kritisiert, wenn Frauen früh wieder arbeiten gehen.“ (Teilnehmerin, Gesprächsrunde 2)
Geteilter Arbeitsmarkt: wenig Geld und Anerkennung für Frauen
Die geschlechtliche Anerkennungsordnung zeigt sich auch auf dem Arbeitsmarkt. In Österreich arbeitet ein großer Teil der Frauen in den Bereichen Soziales, Pflege, Einzelhandel und Bildung, während ein großer Teil der Männer in der Industrieproduktion, Technik oder IT arbeitet. So liegt der Frauenanteil in der Elementarpädagogik bei 98 Prozent, in den Betreuungsberufen im Gesundheitswesen bei 85 Prozent und im Einzelhandel bei über 70 Prozent, in den ingenieurtechnischen oder ingenieurwissenschaftlichen Berufen hingegen bei rund 10 bzw. 15 Prozent. Die sozial konstruierten Kategorien „typisch weiblicher“ Tätigkeiten werden häufig über das Argument der besonderen Eignung legitimiert. Tätigkeiten wie Pflege oder Erziehung erscheinen dadurch als „natürlich“ weiblich – auch weil sie an unbezahlte Sorgearbeit im privaten Raum anknüpfen. Gerade diese Naturalisierung führt jedoch zur Abwertung: Wenn Kompetenzen als angeboren gelten, erscheinen sie nicht als besondere Qualifikation, die monetär anerkannt werden muss. So stabilisiert das Eignungsargument sowohl die Konzentration von Frauen in bestimmten Berufsfeldern als auch deren geringere gesellschaftliche Anerkennung.
Diese fehlende Anerkennung zeigt sich in unterschiedlichen Formen: in der Aberkennung von Qualifikationen, Benachteiligung bei der Bezahlung oder auch als Ausschluss von Aufstiegschancen. Eine Teilnehmerin erzählt, dass sie erst nach einem beruflichen Wechsel innerhalb der Firma erkannt hat, dass sie deutlich unter den firmeninternen Vorgaben eingestuft war:
„Nach der Karenz hat der neue Chef zu mir gesagt: ‚Frau K., eine erfreuliche Nachricht habe ich gleich einmal für Sie. Sie kriegen gleich einmal eine Gehaltserhöhung.‘ Und ich bin dort gesessen und hab mir gedacht – okay, Sie sind ja unfassbar! Unter dieser Benchmark, was Sie da verdienen. Mir war das überhaupt nicht bewusst.“
Eine andere Teilnehmerin sagt dazu: „Ich weiß auch, was meine Kollegen verdienen, wir tun es teilweise transparent behandeln, weil wir alle wirklich genau dieselbe Tätigkeit haben, und die Männer verdienen alle wesentlich mehr“ (Teilnehmerin, Gesprächsrunde 4). Abwertung und damit Diskriminierung von Frauen entsteht aber auch dort, wo Weiterbildungsmöglichkeiten vorenthalten oder auch Zuschläge anders geregelt werden:
„Wir Assistentinnen dürfen keine Überstundenpauschale haben. Obwohl wir oftmals mehr arbeiten als die Berater. Wir müssen Zeitausgleich nehmen und betteln, dass man es sich auszahlen lassen darf.“ Hier vermischt sich Sexismus mit Klassismus, da hier die Tätigkeiten von (überwiegend weiblichen) „einfachen“ Dienstleistungsberufen mehrfach abgewertet werden. „Und wenn ein Mann aber um drei geht, weil er früher da war, dann heißt es: Super, hast du brav gearbeitet schon in der Früh. Und bei uns heißt es dann: Aha, die Assistentin, die geht früher, die macht sich die Nägel dann am Nachmittag.“
Geschlechter-, Status- und Klassenhierarchien sind im Kontakt mit arbeitsvermittelnden Institutionen, Schulen und anderen Behörden besonders spürbar. Mit abwertenden Zuschreibungen und Hürden bei der Arbeits- oder Jobsuche sowie Umschulungen sind viele der Gesprächsrunden-Teilnehmerinnen konfrontiert. Eine Erfahrung, die vor allem migrantische Frauen teilen, ist, dass Sie vom AMS sehr stark in – frauendominierte – Sorgeberufe und die Reinigungsbranche vermittelt werden, da hier eine große Nachfrage an Arbeitskräften besteht. Insbesondere dort, wo Frauen klar abweichende Berufs- oder Ausbildungswünsche äußern, wird diese Vorgehensweise als deutliche Fremdbestimmung erlebt. Eine andere Teilnehmerin, die gerne in einen technischen Beruf wechseln wollte, erzählt:
„Als ich nach einer Ausbildung im Softwareentwicklungs-Bereich gesucht habe, haben sie mir beim AMS gesagt: Derzeit gibt es keine Ausbildungen in diesem Bereich. Du kannst dir überlegen, du kannst eine Sekretärinnen-Ausbildung machen.“ (Teilnehmerin, Gesprächsrunde 5)
Einfach nur Mensch sein können: Das erfordert gesamtgesellschaftliche Maßnahmen
Der Mangel an Selbstbestimmung durch den hohen gesellschaftlichen Erwartungsdruck trifft Frauen im beruflichen und privaten Kontext und weist ihnen fast die gesamte Last der Vereinbarkeit beider Sphären zu. Die Befragten erleben einen großen Normendruck und nehmen sich als stark fremdbestimmt wahr. Der Wunsch, „einfach nur als Mensch“ – wie es eine Teilnehmerin formuliert – mit den eigenen Wünschen, Bedürfnissen und Neigungen angenommen zu werden, ist groß.
„Und wir müssen dorthin, dass wir Menschen sind. Dass wir nicht Männer, nicht Frauen, nicht XY, was auch immer sind, sondern dass wir uns als Menschen sehen und akzeptieren und miteinander gut umgehen. Dass es allen gut geht. Das müssen wir schaffen.“ (Teilnehmerin, Gesprächsrunde 2)
Um Frauen ein möglichst hohes Maß an Entscheidungsfreiheit zu eröffnen, bedarf es unterstützender institutioneller und rechtlicher Rahmenbedingungen. Dazu gehören eine bedarfsgerecht ausgebaute Kinderbetreuung sowie eine tragfähige Pflege- und Mobilitätsinfrastruktur. Ebenso wesentlich ist ein armutsfester Sozialstaat, dessen Leistungen allen Menschen ein würdevolles Leben sichern. Unverzichtbar bleibt darüber hinaus ein wirksamer Schutz vor Diskriminierung in sämtlichen Lebensbereichen. Zudem sollten Institutionen der Arbeitsmarktvermittlung die Bildungs- und Berufsinteressen der Menschen stärker berücksichtigen, um selbstbestimmte Lebensentwürfe nachhaltig zu ermöglichen. Schließlich sind gezielte Anreize erforderlich, die eine gerechtere Aufteilung der Sorgearbeit, etwa bei der Kinderbetreuung, zwischen Männern und Frauen fördern.