Die Abteilung Frauen und Gleichstellungspolitik der Arbeiterkammer Wien hat die „aufsuchende Interessenpolitik“ von Käthe Leichter, der ersten Leiterin der Frauenabteilung, anlässlich des 100-jährigen Bestehens neu interpretiert. Ziel ist dabei, die Erfahrungen und Bedürfnisse von Frauen sichtbar zu machen, ihren Anliegen eine Stimme zu geben und sie politisch zu ermächtigen. Im Fokus dieses Beitrags stehen Frauen, die ihre Wurzeln in anderen Ländern haben und jetzt in Österreich leben.
Aufsuchende Interessenpolitik
Wir haben dialogische Gesprächsrunden organisiert, in denen es darum ging, einen vertrauensvollen Raum zu schaffen, in dem Frauen über ihre dringlichsten Herausforderungen hinsichtlich Erwerbs- und Sorgearbeit sprechen konnten. Teilgenommen haben Frauen unterschiedlicher ethnischer und nationaler Herkunft, mit vielfältigen Bildungs- und Berufshintergründen sowie in unterschiedlichen Lebensphasen. Die Ergebnisse dieser Gespräche stellen wir in einer Blogserie vor: Während sich der erste Beitrag mit Mehrfachbelastungen durch das Zusammenspiel bezahlter und unbezahlter Arbeit befasst, rückt nun das Thema der Mehrfachdiskriminierung in Ausbildung und am Arbeitsmarkt von Frauen, die ihre Wurzeln in anderen Ländern haben, ins Zentrum.
„Du wirst die Ausbildung niemals schaffen“: Diskriminierung im Zugang zu Bildung
Dies deckt sich mit Studien, die zeigen, dass Frauen mit Migrationshintergrund im Bildungsbereich überdurchschnittlich oft Benachteiligung und Abwertung erfahren. Berichtet wird von Ungleichbehandlung, abwertenden Bemerkungen durch Lehrer:innen sowie von rassistischen Beleidigungen durch Ausbildner:innen und Hochschulpersonal.
„Es ist passiert in meiner Ausbildung. Da hat der Deutschlehrer gesagt zu mir: Ich kann kein Deutsch. Ich muss zum Deutschkurs gehen. Er hat gesagt, du wirst die Ausbildung niemals schaffen [...]. Ich habe gesagt, du wirst das einfach sehen. Ich habe am Ende die Ausbildung geschafft. Ich habe gesagt: Schau! Was ist das hier? Einser. Er hat nichts gesagt. Hat einfach seine Klappe gehalten.“ (Teilnehmerin, Gesprächsrunde 5)
Eine junge Frau erzählt, dass sie mit elf Jahren in der Schule mit dem Vorwurf konfrontiert war, etwas gestohlen zu haben, und dann auch noch rassistisch beleidigt wurde. Bis heute belastet sie dieses Erlebnis schwer: „Ich habe das noch immer in meinem Gehirn. Das geht niemals weg. Die haben immer zu mir gesagt: Bitte schau dich an! Du bist so schwarz. Du bist so wie ein Kacki. Entschuldige, dass ich das gerade sage. Sie sagten zu mir: Du bist ein Kacki“ (Teilnehmerin, Gesprächsrunde 5).
Auch die für den Zugang zu Bildungsinstitutionen und Arbeitsmarkt entscheidende Anerkennung von im Ausland erworbenen Qualifikationen stellt Zugewanderte vor große Probleme. Die Nostrifizierung von ausländischen Studien- oder Ausbildungsabschlüssen ist mit Kosten verbunden, die Anerkennung ist oft sehr restriktiv. Die Frauen stoßen auf Hürden beim Zugang zu Berufen und Weiterbildungen, auch solchen, in denen ein Mangel an Fachkräften bzw. qualifizierten Absolvent:innen herrscht, wie in der Elementarbildung, in Schulen, in Pflege oder Technik.
„Also in meinem Bereich, also Pädagoginnen. Ich finde, es gibt so viel Personalmangel und die lassen das nicht einfach, die Zertifikate zu nostrifizieren zum Beispiel oder die Ausbildungen zu machen. [...] Und dann kam eine Kollegin zu uns, die ist in der EU. Ihr Zertifikat ist aus Spanien. Und sie braucht nur C1 und eine Prüfung bei MA 11. Und ich brauche so viel, weil ich außerhalb EU bin. Das finde ich unfair.“ (Teilnehmerin, Gesprächsrunde 3)
Der Zugang zum Arbeitsmarkt wird zusätzlich dadurch erschwert, dass Frauen mit Migrationsgeschichte häufig ohne Berücksichtigung ihrer Ausbildung oder Berufserfahrung systematisch in Tätigkeiten wie die Reinigung vermittelt werden. Viele berichten, dass ihre Wünsche nach anderen Berufs- oder Ausbildungswegen unbeachtet bleiben. So schilderte eine Teilnehmerin mit Doktortitel und langjähriger Berufserfahrung als Stadtplanerin im Sudan, dass ihr lediglich eine Stelle als Reinigungskraft angeboten wurde. Obwohl sie sich bewarb, wurde sie wegen ihres hohen Bildungsabschlusses abgelehnt: „Ich bin dort hingegangen, ich hab kein Problem. Aber die [von der Reinigungsfirma] sagen: Nein, du hast ein Doktorat, du kannst nicht bei uns arbeiten.“
Von großer Bedeutung ist für geflüchtete und zugewanderte Frauen das Angebot an guten und zugänglichen Deutschkursen. Mitunter dauert es jedoch lange, bis Kurse begonnen werden können. Häufig wird auf die mangelnde Qualität der Deutschkurse hingewiesen. Manche Frauen berichten, dass sie sich deshalb selbst kostenpflichtige Kurse organisieren, auch wenn dies das Haushaltsbudget belastet. Die von den Frauen geschilderten Erfahrungen im Zugang zu Bildung und Arbeit decken sich mit den Ergebnissen einer vom AMS in Auftrag gegebenen Studie, aber auch Ergebnissen des Schattenberichts zur UN-Frauenrechtskonvention und zeigen, dass es sich um strukturelle Probleme handelt.
Frau, Alter, Religion, Kopftuch … Mehrfachdiskriminierung im Zugang zum Arbeitsmarkt
Neben dem Geschlecht wirken zusätzliche Diskriminierungsdimensionen wie das Alter, die Hautfarbe oder das Tragen eines Kopftuches. Diese zeigen sich abseits vom Bildungsbereich auch im Zugang zum Arbeitsmarkt. Viele Teilnehmerinnen erzählen von negativen Erfahrungen bei Bewerbungen.
„Bei meiner alten Firma – mein Chef hat mir sofort gesagt, wir schauen nur den Namen und Foto fünf Sekunden an. Alle Lebensläufe nur fünf Sekunden, nicht mehr. Name, Foto, das war’s. Wir haben viel Erfahrung gemacht. Und ich habe einen Turban, und das geht gar nicht. Aber es geht auch nicht der Name Abdullah.“ (Teilnehmerin, Gesprächsrunde 5)
Eine andere Frau mit Wurzeln in Somalia erzählt von einer ähnlichen Erfahrung in einem Bewerbungsgespräch und beschreibt die Reaktion der Personalverantwortlichen: „Oh, du bist eine Frau, du bist schwarz, du hast ein Kopftuch. Und sie war wirklich schockiert. Und dann: Ja wir haben keinen Platz.“ Eine andere Frau, die dort arbeitete, sagte ihr im Anschluss: „Tut mir leid, sie ist rassistisch und sie möchte keine Ausländer. Das ist die Realität hier.“
Die Erfahrungen decken sich mit empirischen Befunden, die zeigen, dass Menschen mit Migrationsbiografie in Bewerbungsverfahren seltener zu Bewerbungsgesprächen eingeladen und gegenüber gleich qualifizierten Personen ohne Migrationshintergrund diskriminiert werden. Eine Studie im Auftrag der AK zeigt: Bewerber:innen mit einem österreichischen Namen werden mehr als doppelt so häufig zu Vorstellungsgesprächen eingeladen wie etwa afghanische Bewerber:innen.
Viele Frauen berichten zudem von Altersdiskriminierung, die sich bei einem erkennbaren Migrationshintergrund noch verstärkt. Eine Teilnehmerin übersetzt in der Gesprächsrunde die Erfahrungen einer 55-jährigen Frau: „Sie sucht Arbeit. Bis jetzt, sie findet nichts. Sie hat einmal eine gefunden, eine Arbeit. Reinigungssache. Und dort haben sie gesagt: Oh, du bist alt, kannst du das? Und sie hat gesagt: Ich kann das machen, ich habe diese Energie.“ Die Stelle hat sie trotzdem nicht bekommen. Die Teilnehmerin ergänzt: „Du bist nach 40 Jahren alt, geht nicht, kein Job zur Verfügung.“ (Teilnehmerin, Gesprächsrunde 5)
Das ist unser zweites Leben
Den Frauen ist es wichtig zu betonen, dass in der Ankunftsgesellschaft oftmals vergessen wird, dass sie sich schon an einem anderen Ort ein Leben aufgebaut haben. Sie haben dort gelebt, gelernt, gearbeitet und mussten alles zurücklassen. Die Flucht nach Österreich ist ein Bruch, den eine Teilnehmerin als „zweites Leben“ beschreibt:
„Wir beginnen unten, Alphabet lernen und danach alles andere. ... Das zweite Leben ist nicht einfach. Wir suchen Arbeit ... wir beginnend die Sprache zu lernen. Auch die Sprache ist schwierig. Es ist wie ein Meer, ein großes Meer, man kann lernen zu schwimmen.“ (Teilnehmerin, Gesprächsrunde 5)
Die Belastung der Sprachlosigkeit, durch Schwierigkeiten beim Spracherwerb, beschreibt sie weiters: „Wenn man krank ist, braucht man auch Sprache. Alles, was du fühlst, kannst du nicht sagen. Und wenn du es nicht sagen kannst, wirst du im Herzen krank.“ Und man müsse erst lernen, wie das „System“ in Österreich funktioniert, erklärt eine Teilnehmerin, vor allem wenn man nicht aus Europa kommt.
Hinzu kommen spezifische Herausforderungen für Frauen aufgrund der Hauptverantwortung für Haushalts- und Betreuungsarbeiten. „Lernen braucht auch Zeit. Kindern fällt das leichter, aber wir Erwachsene haben viele Probleme. Mit Kindern, mit dem Mann, mit alles“ (Teilnehmerin, Gesprächsrunde 1). Die gleichzeitige Verantwortung für die eigene (berufliche) Integration, Care-Arbeit und für die tägliche „Ankommensarbeit“ der ganzen Familie führt bei vielen Frauen zu Gefühlen der Überlastung und Überforderung, wie auch andere Studienergebnisse zeigen.
So erzählt eine alleinerziehende Mutter, wie anstrengend für sie ein Arbeitstag ist: „Ich arbeite nicht in meiner Muttersprache. Ich muss den ganzen Tag alles verstehen, mich wirklich geistig so ganz woandershin [versetzen] und dann muss ich checken gleichzeitig die Kinder, sind die aus der Schule? Ist jemand krank. Unmachbar. Aber bis man wirklich so im Burnout ist.“ Viele Frauen wünschen sich eine „faire Chance“, aber auch Zeit und Verständnis der Ankunftsgesellschaft.
Besonders belastend ist für die Frauen, wenn ihre Kinder rassistische Diskriminierung erfahren. Die damit verbundenen Beschämungen und Herabwürdigungen waren für viele kaum zu ertragen – das zeigte sich deutlich in den Gesprächsrunden. Eine Teilnehmerin berichtete, dass ihr Sohn in der Volksschule vom Direktor vor der gesamten Klasse bloßgestellt wurde, weil er drei Euro für einen Kostenbeitrag vergessen hatte. Häufig wollen die Kinder jedoch nicht, dass ihre Mütter eingreifen, aus Angst vor schlechteren Noten.
Zum Gender Pay Gap kommt der Migrant Pay Gap
Personen mit Migrationshintergrund gehören zu den am stärksten armuts- und ausgrenzungsgefährdeten Gruppen. Dass das Einkommen nicht zum Leben reicht, ist bei Arbeitnehmer:innen mit anderen Staatsbürgerschaften mehr als doppelt so häufig der Fall wie bei solchen mit österreichischer. Entsprechend allgegenwärtig sind bei vielen Teilnehmerinnen die Sorgen um die eigene Existenz und jene ihrer Familie: „Ich habe immer Angst, wenn ich diesen Job verliere, dass es schwierig ist, einen anderen Job zu finden“ (Teilnehmerin, Gesprächsrunde 3).
Um finanziell über die Runden zu kommen, haben die Frauen oft mehrere Jobs, häufig befristet und mit niedriger Bezahlung. Das Nebeneinander von mehreren prekären Jobs ist für Frauen ein Drahtseilakt; die Vereinbarkeit der Erwerbsarbeit mit der Sorgearbeit besonders schwierig und kräfteraubend. Ein abgesichertes Arbeitsverhältnis in Vollzeit ist für sie trotz großer Bemühungen in den seltensten Fällen erreichbar.
Von der Teuerung der letzten Jahre sind Haushalte mit niedrigem Einkommen in besonderem Maße betroffen. Haushalte, deren Mitglieder Migrationshintergrund haben, weisen die höchste Armuts- und Ausgrenzungsgefährdung auf. Viele der Frauen erzählen von der Schwierigkeit, mit ihrem Einkommen über die Runden zu kommen. „Ich habe früher bei dieser Hilfsorganisation 20 Stunden gehabt. Und als ich zurück aus dem Urlaub komme, haben sie gesagt, tut mir leid, ich habe jetzt ganz wenige Stunden für drei Monate. Ich konnte die Miete nicht bezahlen“ (Teilnehmerin, Gesprächsrunde 5).
Frauen mit Migrationsbiografie weisen aufgrund von Unterbrechungen der Erwerbskarriere, unterjähriger und prekärer Beschäftigung und Mehrfachbelastungen aus Sorgearbeit und der Arbeit an der eigenen Integration im Ankunftsland (Spracherwerb, Aus- und Weiterbildung, Arbeitssuche usw.) eine geringere Erwerbsintegration auf. Zudem sind sie häufiger in Niedriglohnbranchen mit besonders belastenden Arbeitsbedingungen beschäftigt als Personen mit österreichischer Staatsangehörigkeit. Infolgedessen haben sie deutlich geringere Pensionsansprüche und sind von Altersarmut besonders betroffen.
Was muss sich ändern?
Damit sich die Lebenssituation von Frauen mit Migrationsgeschichte verbessert, ist eine Vielzahl an Maßnahmen erforderlich:
- Deutschkurse müssen in guter Qualität und Zugänglichkeit angeboten werden, um einen Spracherwerb von Anfang an und ohne lange Wartezeiten zu ermöglichen.
- Hürden bei der Anerkennung von im Ausland erworbenen Ausbildungs- und Berufsabschlüssen müssen verringert werden, um Potenziale zu nutzen und den Zugang zu qualifizierten Jobs zu verbessern.
- Faire Chancen im Job und ein diskriminierungsfreier Zugang zu Beruf, Aus- und Weiterbildung müssen sichergestellt werden.
- Aus- und Weiterbildungswege müssen auch in Teilzeit möglich sein und eine Existenzsicherung vorsehen.
- Ein hochqualitatives, verlässliches und leistbares Angebot an Kinderbildung und -betreuung sowie Pflege, um Erwerbs- und Sorgearbeit besser vereinbaren zu können.
Wo kann ich mich hinwenden?
- Diskriminierung am Arbeitsplatz ist verboten – wie sich Betroffene wehren können, erklärt AK-Juristin Biljana Savić in diesem Video.
- Die Gleichbehandlungsanwaltschaft berät und unterstützt bei rassistischer Diskriminierung.
- Die Beratungsstelle ZARA berät und unterstützt Menschen, die Rassismus erfahren haben.