Nach langem Warten liegt mit dem FTI-Pakt (Forschungs-, Technologie- und Innovationspakt) 2027-2029 der Fahrplan sowie die gesetzliche und budgetäre Grundlage für die technologische und wissenschaftliche Zukunft Österreichs vor. Mit dem FTI-Pakt investiert die Republik rund 5,6 Milliarden Euro in Wissenschaft und Forschung. Das Ziel: Österreich dauerhaft im internationalen Spitzenfeld der Innovationsnationen zu verankern und einen Beitrag zur technologischen Souveränität Europas zu leisten. Damit Innovation nicht nur ein Papiertiger bleibt, kommt der konkreten Umsetzung besondere Bedeutung zu.
Innovation als Souveränitätsfrage
In einer Zeit tiefgreifender technologische Sprünge, zunehmender geopolitischer Konflikte und eines sich verschärfenden globalen Wettbewerbs muss ein kleines, offenes und rohstoffarmes Land wie Österreich auf seine Stärken fokussieren, um Beschäftigung und Wohlstand abzusichern und weiterzuentwickeln. Investitionen in Bildung, Qualifizierung, Wissenschaft und Forschung sind der Garant für die Zukunftsfähigkeit unseres Wohlstandsmodells. Der Pakt definiert dabei Forschung, Technologie und Innovation ausdrücklich als Beitrag zur Grundlage für Wohlstand, Widerstandsfähigkeit und des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Angesichts geopolitischer Spannungen, eines sich zunehmend verschärfenden Standortwettbewerbs und der Entwicklung disruptiver Technologien kann es dabei nicht nur um Exzellenz in der Forschung gehen, sondern es müssen auch Fragen der technologischen Souveränität, der europäischen Zusammenarbeit und nach Kompetenzen und Fähigkeiten beantwortet werden. Auch das erkennt der FTI-Pakt an und setzt drei grundsätzliche Leitplanken für die Ausrichtung des österreichischen Forschungs- und Innovationsystems: Schlüsseltechnologien, Wirksamkeit und Talente.
Die Schlüsseltechnologieoffensive im Fokus
Das Gesamtbudget des FTI-Pakts 2027-2029 beträgt rund 5,6 Milliarden Euro, davon entfallen 2,6 Milliarden Euro explizit auf den Schwerpunkt der Schlüsseltechnologien – ein klares politisches Signal für eine Fokussierung auf Stärke- und Potenzialfelder der österreichischen angewandten Forschung. Zu den benannten Schlüsseltechnologien zählen unter anderem:
- Künstliche Intelligenz & Dateninnovation
- Halbleiter, elektronische Komponenten & Systeme
- Quantentechnologien & Photonik
- Life Sciences & Biotechnologie
- Mobilitätstechnologien
- Fortgeschrittene Produktionstechnologien & Robotik
- Fortschrittliche Materialien
- Energie- und Umwelttechnologien
- Weltraum und Luftfahrttechnologien
Österreichs Forschungslandschaft zeigt bereits heute in diesen Feldern seine Stärke. Bei Quantentechnologien gehört das Land zu den europäischen Spitzenreitern, während beispielsweise Biotechnologien, Materialforschung und Umwelttechnologien enorme Wachstumsperspektiven in den kommenden Jahren bieten. Ziel der Schlüsseltechnologie-Offensive ist es daher, nicht nur neues Grundlagenwissen zu erarbeiten, sondern Forschungsergebnisse deutlich schneller in marktfähige Produkte und Anwendungen zu überführen. Schlüsseltechnologien gelten hierzu als besonders wirkungsvoll, da sie Innovationen nicht nur in einem einzelnen Bereich anstoßen, sondern positive Effekte in vielen Teilen der Wirtschaft auslösen können. Damit sollen die Schlüsseltechnologiefelder nicht nur die technologische Wettbewerbsfähigkeit stärken, sondern auch Arbeitsplätze sichern und zum Wohlstand in Österreich beitragen. Der Pakt soll dazu über die reine Mittelbereitstellung hinaus gehen. Die Programme der Österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft (FFG) und des Austrian Wirtschaftsservice (AWS) sollen entsprechend neu ausgerichtet werden, mit dem Ziel Schlüsseltechnologien systematisch zu adressieren.
Die Krux mit der Wirksamkeit
Österreich zählt zu einem der forschungsstärksten Staaten in Europa. Der Anteil der Gesamtausgaben, insbesondere auch der öffentlichen Finanzierung für Forschung und Entwicklung gemessen am Bruttoinlandsprodukt, ist hoch. Österreich hat die dritthöchste Forschungsquote innerhalb der Europäischen Union. Gleichzeitig zählt Österreich im EU-Vergleich nicht als Innovationführer. Daraus wird eine strukturelle Schwachstelle des österreichischen Innovationssystems erkennbar: die Umsetzung von exzellenten Forschungsergebnissen in die praktische Anwendung. Trotz der starken und international sichtbaren Forschungsbasis kämpft Österreich seit Jahren mit begrenzter Diffusion in Richtung industrieller Anwendungen. Die Voraussetzungen sind gut, Österreich hat eine hohe Forschungsquote und starke Einzelinstitutionen, aber gleichzeitig einen ausbaufähigen Transfer in Wertschöpfung, Produktivität und gesellschaftliche Anwendung.
Wie kann das Thema Wirksamkeit im FTI-Pakt angegangen werden? Der Schlüssel liegt in der Verbindung von hochkarätiger Forschung mit wirtschaftlicher Schlagkraft. Dieses Verständnis schlägt sich in strategischen Entscheidungen im FTI-Pakt nieder:
- Stärkung themenoffener Grundlagenforschung als Sprungbrett für disruptive Innovationen
- Gezielter Ausbau von Forschungsinfrastrukturen wie Hochleistungsrechner und Datenzentren, welche eine international wettbewerbsfähige Wissenschaft ermöglichen sollen
- Förderung des Transfers in die Wirtschaft, etwa durch maßgeschneiderte Programme für Start-Ups, Spin-offs und KMU-Kooperationen
Der FTI-Pakt identifiziert des Weiteren die Fragmentierung des österreichischen Fördersystems als eine der zentralen Herausforderungen. Diese Kleinteiligkeit aus vielen Programmen, vielen Zuständigkeiten und wenig Übersicht möchte die Bundesregierung mit dem Pakt verbessern. Dazu sollen Förderprogramme gebündelt und stärker auf größere, strategische Schwerpunkte ausgerichtet werden. Für zentrale Themen wie die Schlüsseltechnologien oder die Klima- und Energieziele soll es einen ressortübergreifenden „Whole-of-Government“-Ansatz geben, also eine engere Abstimmung zwischen Ministerien und der Wirtschafts-, Hochschul- und Forschungspolitik. Geplant ist außerdem eine systematische Erfassung der Forschungslandschaft, Verbesserungen in der Koordination von Infrastrukturen und eine Vereinfachung der Prozesse auf Basis des Forschungsförderungsgesetzes (FoFinaG). Eine Beschleunigung und Vereinfachungen in der Förderabwicklung sind ebenfalls vorgesehen. Digitale und teilweise KI-gestützte Förderabwicklung sollen Prozesse beschleunigen.
Ob all diese Maßnahmen jedoch tatsächlich zu mehr Wirkung führen, wird stark von der Evaluierungspraxis abhängen. Zwar ist eine wirkungsorientierte Steuerung vorgesehen, viel entscheidender wird jedoch sein, dass klare Ziele und messbare Indikatoren für Transfer, wirtschaftlichen Nutzen und Breitenwirkung festgelegt und diese regelmäßig und unabhängig überprüft werden. Darüber hinaus braucht es nicht nur eine Evaluierung der Wirkung im Nachhinein. Vielmehr ist es notwendig, das Innovationsystem und seine Akteure flexibel und lernfähig zu gestalten. Ansätze des Roadmapping sowie der strategischen Vorausschau sind für die Planung als auch die Umsetzung ebenso wichtig wie die Fähigkeiten, Kompetenzen und Ressourcen der Verwaltung.
Von Menschen, Wissen und Talenten
Ohne Fachkräfte bleibt jede Innovations- und Technologiepolitik ein achtbarer Wunsch, denn ohne exzellent ausgebildete Fachkräfte fehlt das unverzichtbare Fundament eines starken Innovationsstandorts. Der FTI-Pakt legt deshalb zu Recht Nachdruck auf den Aufbau und die Bindung von Talenten quer durch Bildungsphasen und Karrierewege und setzt früh in der Bildungskette an. Schon in den Kindergärten und Schulen sollen Kinder spielerisch für MINT-Themen (Mathematik, Information, Naturwissenschaften und Technik) begeistert werden. Praktika, Orientierungsjahre und eine starke duale Ausbildung sollen den Weg in technische Berufe erleichtern. An den Hochschulen soll die Zahl der Absolvent:innen in den MINT-Studien gesteigert werden und Technik stärker mit Geistes- und Sozialwissenschaften verbunden werden. Praxisnahe Initiativen, internationale Programme wie Erasmus+ sowie strukturierte Doktorats-Programme mit Wirtschaftskooperationen sollen schlussendlich den Übergang in den Arbeitsmarkt verbessern.
Doch die Bildungskette ist breiter und vielfältiger als das. Auch bestehende Arbeitskräfte sind Teil davon. Mit Re- und Up-Skilling-Programmen versucht der Pakt auf die digitale und grüne Transformation zu reagieren. Der Wechsel von Forschenden in Unternehmen oder in die Verwaltung soll gezielt gefördert werden, um Wissen schneller in die Praxis zu bringen. Schon bisher erfolgreiche Initiativen, wie „Diversitec“, sollen mehr Frauen für Technikberufe gewinnen, während die Erwachsenenbildung verstärkt digitale Kompetenzen unterstützen soll. Koordiniert sollen die Maßnahmen durch den ressortübergreifenden Aktionsplan „MI(N)Tmachen“ werden, welcher eine durchgängige Talentförderung von der frühen Bildung bis zur Weiterbildung sicherstellen soll.
Alles gelöst? Die Baustellen des österreichischen FTI-Systems
Dass der FTI-Pakt nun endlich vorliegt, ist ein wichtiger Schritt, da er den Weg und die Schwerpunkte der kommenden Jahre aufzeigt. Der Kampf gegen die „Umsetzungslücke“, die Entwicklung von Fähigkeiten und Kompetenzen entlang der gesamten Bildungslaufbahnen sind wichtige Bausteine eines zukunftstauglichen Forschungs- und Innovationsystems. Die strategische Ausrichtung und Fokussierung auf Schlüsseltechnologien helfen, Klarheit zu schaffen und Orientierung zu bieten. Doch ist damit alles getan und gesagt? Die Antwort lautet: Nein! Es bleibt weiterhin viel zu tun.
Wie aktuelle Studien zeigen, verliert ein Teil der kleineren und mittleren Unternehmen kontinuierlich an Innovationsdynamik. Viele Betriebe investieren zu wenig in Forschung, Entwicklung und die Qualifikationen ihrer Beschäftigten. Gleichzeitig verläuft die Digitalisierung im KMU-Sektor im EU-Vergleich leicht unterdurchschnittlich. Auch finden wissenschaftliche Erkenntnisse im Vergleich zu den führenden Innovationsnationen (z. B. Schweden, Finnland, Dänemark) seltener den Weg in marktfähige Produkte oder neue Geschäftsmodelle. Die Gefahr ist damit vorgezeichnet, denn es droht, dadurch die breite Innovationsbasis der österreichischen Wirtschaft auszudünnen.
Hinzu kommt der Faktor „Mensch“. Der demografische Wandel und der dynamische technologische Fortschritt, insbesondere mit Blick auf technische oder digitale Berufe, stellen neue Anforderungen an Unternehmen, Beschäftigte und die Bildungs- und Arbeitsmarktpolitik. Selbst ambitionierte Programme können rasch an ihre Grenzen stoßen, wenn gleichzeitig zu wenig für soziale Absicherung und gegen die Wissenschafts- und Technologieskepsis unternommen wird. Gerade diese Skepsis ist es, welche die gesellschaftliche Akzeptanz neuer Technologien erschwert und Transformationsprozesse erheblich verlangsamen kann. Ebenso erhöhen die geopolitischen Spannungen den Druck. Österreichische Forschungseinrichtungen sind stärker als früher mit strategischer Einflussnahme und Abzug von Wissen und Know-how konfrontiert. Es braucht hier eine Balance aus Schutz europäischer Interessen und verstärkter Kooperation – eine Gradwanderung mit sicherheitspolitischer Dimension. Zu guter Letzt unterstreicht die Notwendigkeit der Effizienzsteigerung und die angespannte budgetäre Lage, welche sich in einem budgetären Abschlag von rund 196 Millionen im FTI-Pakt niederschlägt, dass auch die Innovationspolitik nicht in einem finanzpolitischen Vakuum stattfindet und sich unter wachsendem Spardruck in ihren Prioritäten behaupten muss.