Österreich im Life-Science-Boom: Bio­technologie und Forschung mit Rücken­wind aus der EU

13. Januar 2026

Wien/Graz/Innsbruck – Österreich hat sich in den vergangenen Jahrzehnten zu einem der führenden Biotech- und Life-Science-Standorte Europas entwickelt. Von Salzburg bis Innsbruck, von Graz bis nach Linz: In ganz Österreich gibt es innovative Cluster, forschungsstarke Universitäten und international tätige Unternehmen mit ihren Beschäftigten, die das gesamte Land zur Vorzeigeregion für die europäische Life-Science-Strategie machen. Welche Chancen ergeben sich aus der neuen Life-Science-Strategie der EU für Österreich?

Die Erfolgsgeschichte in den Lebenswissenschaften in Österreich reicht weit zurück in die Vergangenheit dieses Landes und hat ihre Ursprünge in der Kaiserzeit. Österreich blickt dadurch zurück auf eine lange medizinische Tradition, welche auch heute noch zum Ruhm des Standorts beiträgt. Pioniere wie Semmelweis und Landsteiner bis zu modernen Institutionen und Unternehmen prägten und prägen diese Tradition. Weltweite Standards entstanden auf Basis österreichischer Forschung. Heute zählen die in den 1980er Jahren wirtschafts- und innovationspolitisch gezielt aufgebauten Biotech-Cluster zum Rückgrat des österreichischen Innovationsstandorts. Zentren wie das Vienna BioCenter, der Life-Science-Cluster in Tirol oder die Medical Science City in Graz sind Magnete für Forschende, Start-ups und Unternehmen aus der ganzen Welt. Mehr als 1.000 Unternehmen, 56 Forschungseinrichtungen und über 70.000 Personen sind in Österreichs Life-Science-Sektor beschäftigt. Medizintechnik, Biotechnologie und Pharmaindustrie umfasst dieser dynamische und weiterhin stark wachsende Sektor.

Europa will an die Weltspitze – Österreich ist dazu Schlüsselland

Mit der im Frühjahr verabschiedeten Life-Science-Strategie „Choose Europe for Life Sciences“ will die Europäische Kommission Europas Forschung und Gesundheit durch Innovation an die Weltspitze bringen. Österreich spielt bei dieser Mission durch seine Tradition und exzellenten Life-Science-Standorte eine Schlüsselrolle. Die Dichte der Unternehmen, Forschenden und die enge Kooperation zwischen Wissenschaft und Wirtschaft sowie ein Fokus auf Ausbildung und Fähigkeiten machen Österreich für die Ziele der Union zu einer Modellregion. Beiträge kann Österreich hier insbesondere im Bereich herausragender Krebsforschung, der digitalen Medizin, der Entwicklung nachhaltiger Bioprozesse und exzellenter Medizintechnik liefern.

Neue Chance für Österreich durch die EU-Initiativen

Die neue EU-Strategie eröffnet Spielräume für gezielte Investitionen in Forschung und Entwicklung, die Integration in internationale Daten- und Forschungsnetzwerke sowie die Anwendung von künstlicher Intelligenz und der digitalen Medizin. Österreich kann durch seine starke Position gezielt von den neuen Programmen wie europäischen Cluster-Kooperationen, Fördermitteln für angewandte Forschung und der Unterstützung von Karrierewegen profitieren. Wichtig dafür ist es, mehr Europa und mehr Kooperation zu wagen, inhaltliche Schwerpunkte in Österreich zu forcieren und auf die bestehenden Stärken aufzubauen. Potenziale für eine österreichische Beteiligung liegen insbesondere in fünf Bereichen der europäischen Life-Science-Strategie:

  1. Teilnahme an internationalen biomedizinischen Forschungsallianzen,
  2. Ausbau nachhaltiger und ressourcenschonender Bioökonomie und Medizintechnik,
  3. Kommerzialisierung innovativer Life-Science-Produkte mit hoher Exportorientierung,
  4. Stärkung von Ausbildung, Kompetenzen durch gezielte nationale Förderprogramme und Einbindung in EU-weite Initiativen,
  5. Nutzung der Rolle als Drehscheibe zwischen West-, Ost- und Südeuropa.

Die soziale und gesellschaftliche Dimension der Life-Sciences

Doch die Lebenswissenschaften sind kein Forschungs- und Geschäftsfeld wie jedes andere. Nicht nur die wirtschaftliche Dimension muss in einer tragfähigen Life-Science-Strategie Platz finden, sondern auch das Gemeinwohl, da sie unmittelbar in einen der wesentlichen Bereiche der Daseinsvorsorge hineinwirkt: die Gesundheit. Gesundheit, Prävention, Pflege und medizinische Innovation sind Grundpfeiler des sozialen Zusammenhalts und zentrales Thema sozialer Gerechtigkeit. Daher müssen sie als öffentliche Aufgaben verstanden werden. Gerade weil die Life-Sciences an der Schnittstelle von Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft wirken, braucht es klare Leitplanken, damit ihre Entwicklungen nicht nur den Märkten, sondern den Menschen dienen. Die Förderung von Forschung, Bildung und innovativen Technologien sollte mit sozialer Verantwortung, Transparenz und ethischer Reflexion verbunden sein. Österreich kann mit seiner starken Forschungslandschaft eine Vorreiterrolle einnehmen und zeigen, wie sich technologischer Fortschritt mit Gemeinwohlorientierung und sozialer Verantwortung verbinden lässt.

Herausforderungen und Ausblick für Europa und Österreich

Europa hat aus der Covid-Pandemie eines schmerzhaft erfahren: die Abhängigkeit von Drittstaaten in der Erzeugung und Bereitstellung von Medikamenten und Medizinprodukten. Mit der Life-Science-Strategie will die Europäische Kommission nun eine Antwort liefern und kann auf das Wissen und die Erfahrung Österreichs zurückgreifen. Umgekehrt kann Österreich als Standort von den Bemühungen Europas, zur Weltspitze aufzuschließen und die Versorgung sicherzustellen, profitieren. Doch auf diesem Weg liegen noch Hürden vor Europa, welche es zu überwinden gilt. Während die USA nach wie vor noch führend in biomedizinischer Forschung und Kommerzialisierung sind, holt China in einem rasanten Tempo auf. China investiert massiv in Biotechnologie, Künstliche Intelligenz und digitale Gesundheit. Mit staatlich geförderten Biotech-Clustern und strategischen Förderprogrammen versucht China neue Technologien schneller zu vermarkten und großflächig zu verbreiten. Diese Vorgaben führen zu einem enormen Wachstum im Bereich der Genomforschung, personalisierter Medizin und der biobasierten Industrie.

Für Europa bedeutet dies nachzulegen, um Versorgung, Wissen und Wertschöpfung langfristig, gerade in diesem gesellschaftlich wichtigen und kritischen Bereich, abzusichern. Gezielte Investitionen, engere Kooperation sowie das Vorantreiben der Digitalisierung sind dazu die Schlüssel. Für Österreich bedeuten die Entwicklungen auf europäischer Ebene vor allem eines: Chancen! Chancen, sich in internationale Netzwerke stärker einzubinden und den Innovationszyklus zu beschleunigen. Gerüstet ist Österreich für diese Herausforderungen allemal, doch bisher mangelt es an politischen Diskussionen über die Chancen und Potenziale Österreichs als Vorreiter in der modernen Medizin. Die in Entwicklung befindliche Industriestrategie wäre dazu ein guter Anlass!

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