Zwischen Blackbox und Prüfungs­angst: Wege zu einem erfolg­reichen Lehr­abschluss

13. Juli 2026

Die Lehrabschlussprüfung (LAP) markiert für zuletzt rund 36.000 junge Menschen den Übergang vom Lehrling zur qualifizierten Fachkraft und stellt einen der wichtigsten Meilensteine im dualen Ausbildungssystem dar. Gleichzeitig wird dieser Übergang für viele Jugendliche zunehmend schwieriger. Während 2015 noch 81 Prozent der Lehrabschlussprüfungen positiv absolviert wurden, lag die Erfolgsquote 2025 nur mehr bei 76 Prozent.

Zusätzlich sind 6 Prozent der Lehrlinge, die 2024 ihr Lehrverhältnis beendet haben, bis Ende 2025 nicht zur Lehrabschlussprüfung angetreten. Die Herausforderung besteht somit nicht nur darin, die Erfolgsquote zu erhöhen, sondern auch mehr Lehrlinge überhaupt bis zum Prüfungsantritt zu begleiten.

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Erfolgreiche LAP als Beitrag zu Chancengerechtigkeit und beruflicher Teilhabe

Ohne erfolgreiche LAP beendet eine relevante Gruppe von Lehrlingen ihre Ausbildung ohne formal anerkannten Berufsabschluss. Dies kann die Arbeitsmarktchancen und Erwerbsbiografie der Betroffenen langfristig beeinträchtigen und verringert zugleich das Angebot an formal qualifizierten Fachkräften, was vor dem Hintergrund des steigenden Fachkräftebedarfs auch arbeitsmarktpolitisch von Bedeutung ist.

In diesem Kontext stellt sich die Frage, welche Faktoren den erfolgreichen Abschluss der Lehre beeinflussen und welche strukturellen sowie individuellen Ansatzpunkte bestehen, um mehr Lehrlingen einen erfolgreichen Prüfungsantritt zu ermöglichen.

Die Lehrabschlussprüfung als „Blackbox“

Für viele Lehrlinge ist die Lehrabschlussprüfung die erste große formale Prüfung ihres (Berufs-)Lebens. Im Gegensatz zu anderen Abschlussprüfungen wie der Matura findet die LAP jedoch häufig unter Bedingungen statt, die für Lehrlinge schwer einschätzbar sind. Prüfungsort und -setting sind meist unbekannt, die Abläufe sind wenig transparent und die Prüfungen selbst finden unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Somit sind Begleitpersonen nicht zugelassen. Für viele Lehrlinge könnte jedoch die Anwesenheit einer vertrauten Person eine wichtige Ressource zur Bewältigung dieser herausfordernden Situation darstellen.

Die strukturellen Rahmenbedingungen tragen dazu bei, dass die LAP von vielen Lehrlingen als „Blackbox“ wahrgenommen wird. Neben den fachlichen Anforderungen und der inhaltlichen Vorbereitung entstehen Unsicherheiten hinsichtlich organisatorischer Abläufe, der Erwartungen der Prüfer:innen oder des eigenen Auftretens. Diese Ungewissheit verstärkt die ohnehin hohe Bedeutung der Prüfungssituation und kann sich negativ auf die Vorbereitung und den Prüfungsantritt auswirken.

Im Unterschied zu anderen Bildungspfaden ist die LAP zudem institutionell vom Ausbildungsprozess entkoppelt: Die Lehrausbildung endet formal mit dem Ende des Lehrverhältnisses, nicht mit der erfolgreich abgelegten Lehrabschlussprüfung. Anders als etwa in Deutschland oder der Schweiz wird die Prüfungsvorbereitung damit häufig nicht als integraler Bestandteil der Ausbildung verstanden. Die Vorbereitung auf die LAP wird vielfach an die Eigeninitiative der Lehrlinge oder punktuelle Angebote wie zum Beispiel LAP-Vorbereitungskurse ausgelagert.

Prüfungsangst als reale Barriere

Ein zentraler, bislang oft unterschätzter Faktor im Kontext der Lehrabschlussprüfung ist Prüfungsangst. Studien zeigen, dass Personen mit ausgeprägter Prüfungsangst nicht nur die Prüfungssituation selbst, sondern bereits die Vorbereitungsphase als stark belastend erleben. Prüfungsangst kann dazu führen, dass vorhandene Kompetenzen in der Prüfungssituation nicht vollständig abgerufen werden können und sich die Leistungsfähigkeit trotz guter Vorbereitung deutlich verschlechtert.

Physiologisch handelt es sich dabei um eine Stressreaktion des Körpers: In einer als bedrohlich wahrgenommenen Situation wird das autonome Nervensystem aktiviert, Stresshormone wie Adrenalin und Cortisol werden ausgeschüttet. Während ein gewisses Maß an Aktivierung leistungsförderlich sein kann, führt eine ausgeprägte Prüfungsangst häufig zu Blockaden, Blackouts oder Vermeidungsverhalten.

Für die Prüfungskandidat:innen bedeutet dies eine doppelte Herausforderung: Sie müssen nicht nur die fachlichen Anforderungen bewältigen, sondern gleichzeitig mit einer psychischen Belastung umgehen, die ihre Leistungsfähigkeit unmittelbar beeinflussen kann. Dennoch werden psychosoziale Faktoren wie Stress oder Prüfungsangst in der Prüfungsvorbereitung bislang kaum systematisch berücksichtigt.

Unterstützung als Schlüsselfaktor für den Prüfungserfolg

Wenn Prüfungsangst nicht ausschließlich auf individuelle Faktoren zurückzuführen ist, stellt sich die Frage, welche Rolle das Ausbildungssystem und die Lehrbetriebe bei der Vorbereitung auf die Lehrabschlussprüfung spielen.

Die jüngsten Ergebnisse des 6. Österreichischen Lehrlingsmonitors der AK und des ÖGB zeigen erneut, dass der erfolgreiche Abschluss der Lehre sowie ein nachhaltiger Verbleib im erlernten Beruf eng mit der wahrgenommenen Qualität der Ausbildung und der Unterstützung durch den Betrieb zusammenhängen.

Gleichzeitig wird eine Diskrepanz sichtbar: Zwar geben rund neun von zehn Lehrlingen an, dass ihrem Betrieb der Antritt zur Lehrabschlussprüfung besonders wichtig ist. Jedoch berichten nur etwa sechs von zehn, dass sie bei der konkreten Vorbereitung ausreichend unterstützt werden. Knapp die Hälfte der Lehrlinge hat mit ihren Ausbilder:innen über die Anforderungen der LAP gesprochen. Zwei von fünf Lehrlingen fühlen sich gegen Ende der Lehrzeit nicht ausreichend auf die Prüfung vorbereitet.


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Die Ergebnisse des Lehrlingsmonitors verdeutlichen, dass Prüfungserfolg nicht ausschließlich als individuelle Verantwortung verstanden werden kann. Vielmehr handelt es sich um ein Zusammenspiel aus Ausbildungsqualität, betrieblicher Unterstützung und den Rahmenbedingungen der Lehrabschlussprüfung. Damit rücken jene strukturellen Faktoren in den Fokus, die Lehrlinge während der Vorbereitung auf die Lehrabschlussprüfung begleiten und entlasten können.

Ansatzpunkte für eine strukturelle Weiterentwicklung

Ein zentraler Ansatzpunkt liegt in einer höheren Transparenz der Lehrabschlussprüfung. Eine klarere Kommunikation von Abläufen, Erwartungen und Bewertungskriterien sowie die Öffentlichkeit der Prüfung könnten dazu beitragen, Unsicherheiten abzubauen und die LAP stärker an vergleichbare Abschlussprüfungen im Bildungssystem anzugleichen. Entsprechende Vorhaben finden sich auch im aktuellen Regierungsprogramm, etwa hinsichtlich einer größeren Transparenz und Öffentlichkeit der mündlichen Prüfungen sowie der Einsichtnahme in die Prüfungsunterlagen.

Darüber hinaus würde eine stärkere Nutzung bzw. Weiterentwicklung von Zwischenprüfungen es ermöglichen, einzelne Prüfungsteile bereits während der Lehrzeit abzulegen und auf die Abschlussprüfung anzurechnen. Dadurch würde sich der Charakter der LAP als einmalige Entscheidungssituation relativieren und der Prüfungsdruck reduziert werden. Für Lehrlinge und Betriebe entstünde zudem die Möglichkeit, frühzeitig Rückmeldung über den Lern- und Ausbildungsstand zu erhalten und gezielter auf Nachholbedarfe zu reagieren.

Ebenso bedarf es einer stärkeren Qualitätssicherung und Standardisierung von Vorbereitungskursen. Derzeit bestehen deutliche Unterschiede hinsichtlich Umfang, Ausgestaltung und Einbindung von Prüfungssimulationen. Gerade realitätsnahe Simulationen könnten einen wichtigen Beitrag leisten, Lehrlinge mit dem Prüfungssetting vertraut zu machen und Unsicherheiten abzubauen.

Prüfungsangst verweist zugleich auf die zentrale Bedeutung mentaler Gesundheit. Lehrlinge stehen am Beginn ihres Berufslebens. Gerade in dieser Phase werden wichtige Grundlagen für den späteren Umgang mit Belastungen, Herausforderungen und Selbstwirksamkeit gelegt. Niederschwellige Informationsangebote, Sensibilisierung von Ausbilder:innen sowie die Einbindung bestehender Unterstützungsstrukturen wie Jugendvertrauensrät:innen oder Betriebsrät:innen können Lehrlinge stärken. Informationen über den Ablauf der Lehrabschlussprüfung, Wiederholungsmöglichkeiten oder bestehende Unterstützungsangebote schaffen Orientierung, reduzieren Unsicherheit und stärken die Selbstwirksamkeit der Lehrlinge im Umgang mit der Prüfungssituation.

Fazit

Die Lehrabschlussprüfung ist weit mehr als eine formale Abschlussprüfung, sie markiert den Übergang in das Erwerbsleben als qualifizierte Fachkraft und entscheidet maßgeblich über die weiteren Chancen am Arbeitsmarkt. Die aktuellen Entwicklungen machen jedoch deutlich, dass dieser Übergang für immer mehr Lehrlinge nicht allein von ihren fachlichen Kompetenzen abhängt. Transparente Prüfungsbedingungen, eine qualitätsvolle Vorbereitung und die Berücksichtigung psychosozialer Belastungen können entscheidend dazu beitragen, mehr Jugendliche erfolgreich bis zum Lehrabschluss zu begleiten.

Die Gestaltung der LAP beeinflusst nicht nur den individuellen Prüfungserfolg, sondern ist damit auch eine bildungs- und arbeitsmarktpolitische Frage. Vor dem Hintergrund der eklatanten Lehrstellenlücke und des steigenden Fachkräftebedarfs gewinnt jeder erfolgreich absolvierte Lehrabschluss zusätzlich an Bedeutung. Wie gut es gelingt, Lehrlinge bei diesem Schritt zu begleiten, entscheidet darüber, wie erfolgreich das duale Ausbildungssystem junge Menschen auf ihrem Weg zur qualifizierten Fachkraft unterstützt.

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