Fachkräfte fallen nicht vom Himmel: Qualität in der Lehr­ausbildung stagniert

24. Februar 2026

Eine moderne Lehrausbildung ist kein Selbstläufer. Sie braucht gute Rahmenbedingungen, engagierte Betriebe und berufliche Perspektiven sowie politische Weichenstellungen, die junge Menschen auf ihrem Weg zu Fachkräften unterstützen. Mit dem seit 2015 etablierten Lehrlingsmonitor wird alle zwei Jahre die Situation von Lehrlingen in der betrieblichen Lehrausbildung repräsentativ erhoben. Die aktuellen Ergebnisse liefern einen klaren Auftrag für eine zukunftsfitte und qualitätsvolle Lehrausbildung.

Die immer gleichen Klagen

In regelmäßigen Abständen rufen Arbeitgeber:innen nach mehr Fachkräften. Gleichzeitig sinkt das Interesse von Unternehmen, diese Fachkräfte selbst auszubilden. 2025 haben die Unternehmen einen historischen Tiefstand bei der Lehrausbildung erreicht. Sie nahmen nicht einmal 28.000 Jugendliche im ersten Lehrjahr auf (genau: 27.546). Das sind um 10.000 Lehrlinge weniger als vor 20 Jahren. Die Konsequenz: Gut 24.500 Jugendliche suchen derzeit eine Lehrstelle (genau: 24.506) – so viele wie schon lange nicht. Entweder sind sie beim Arbeitsmarktservice als lehrstellensuchend vorgemerkt oder sie besuchen eine durch das AMS organisierte Schulung bzw. eine überbetriebliche Ausbildung. Dem standen österreichweit lediglich 5.963 offene Lehrstellen gegenüber, woraus sich für Jänner 2026 eine konstant hohe Lehrstellenlücke von 18.543 fehlenden Lehrstellen ergab. Auch die Zahl der Lehrbetriebe geht seit vielen Jahren zurück. Klar ist: Wer nach Fachkräften ruft, muss sie auch ausbilden – in hoher Qualität und mit viel Engagement!

Neuester Lehrlingsmonitor liefert Einblicke in die Lehrausbildung

Der sechste Lehrlingsmonitor im Auftrag der Arbeiterkammer und des Österreichischen Gewerkschaftsbundes ist mittlerweile ein fixer Bestandteil des Steuerungssystems für die Lehrausbildung. Das Österreichische Institut für Berufsbildungsforschung befragte dafür im Jahr 2025 6.102 Lehrlinge in ihrem letzten Ausbildungsjahr, wie sie ihre Ausbildungssituation und ihren Ausbildungsverlauf bewerten. Es zeigt sich deutlich, an welchen Stellen die Ausbildungsbedingungen noch verbessert werden müssen. Viele Probleme sind schon seit vielen Jahren bekannt.

Stark unterschiedliche Ausbildungsbedingungen

Insgesamt liefert der Lehrlingsmonitor ein polarisiertes Bild der Ausbildungsbedingungen. Auf der einen Seite bezeichnen 38 Prozent – der höchste Wert seit 2015 – ihre betrieblichen Rahmenbedingungen als „sehr gut“. Gleichzeitig erreicht auch der Anteil der Lehrlinge mit sehr schlechten Bedingungen mit 16 Prozent einen Höchstwert. Schlechte Ausbildungsbedingungen führen dazu, dass Betriebe ihre Fachkräfte selbst vertreiben. Im Schnitt gibt mehr als ein Viertel der Lehrlinge an, nicht im erlernten Beruf verbleiben zu wollen. Dort, wo die betrieblichen Bedingungen am schlechtesten bewertet werden, wollen fast zwei Drittel nicht im Beruf bleiben.

Konflikte und Probleme während der Lehre

Während der Ausbildung sind rund 6 von 10 Lehrlingen mit belastenden Problemen konfrontiert gewesen, rund ein Fünftel sogar mit großen Problemen. Die häufigsten Schilderungen beziehen sich auf den betrieblichen Kontext: Persönliche Konflikte mit Mitarbeiter:innen (46%), Konflikte mit Vorgesetzten und Ausbildner:innen (46%) sowie schlechtes Arbeitsklima (43%) und nicht passende Arbeitsbedingungen (36%). Dabei besteht ein signifikanter Geschlechterunterschied: Weibliche Lehrlinge (73%) berichten wesentlich häufiger von Problemen als die männlichen Lehrlinge (55%).

Ausbildungsordnung: Planung und Dokumentation

In der Ausbildungsordnung sind gesetzliche Ausbildungsziele festgelegt. Sie dient als verbindliche Grundlage für eine qualitativ hochwertige Lehre. Der Ausbildungsbetrieb muss den Lehrlingen klar definierte Kenntnisse und Fertigkeiten vermitteln. Am Ende der Lehrzeit sind ca. 7 von 10 Lehrlingen (sehr) gut damit vertraut, was sie in ihrer Ausbildung erlernen sollen. Gleichzeitig weiß jeder bzw. jede Zehnte nur wenig über die zu vermittelnden Inhalte Bescheid.

„Schuhe vom Chef putzen“: zwischen Ausbildung und Ausnutzung

Das Berufsbild gut zu kennen, ist nicht zuletzt deswegen wichtig, da Lehrlinge nach dem Berufsausbildungsgesetz nur für Tätigkeiten herangezogen werden dürfen, die mit dem Wesen der Ausbildung vereinbar sind. Das trifft allerdings nur auf 40 Prozent der Befragten zu. Ein Fünftel der Lehrlinge muss hingegen (sehr) häufig auch ausbildungsfremde Tätigkeiten verrichten. „Schuhe vom Chef putzen“ (Zahnärztliche Fachassistenz) oder „Haus vom Chef ausmalen oder spachteln“ (Tischlerei) sind nur zwei Beispiele für Tätigkeiten, die absolut nichts mit der Ausbildung zu tun haben und daher nicht von den Lehrlingen verrichtet werden sollten.

Eine gesetzliche Verpflichtung zur systematischen Ausbildungsplanung und -dokumentation gibt es leider nicht. Fast 60 Prozent der Lehrlinge haben keinen betrieblichen Ausbildungsplan oder nehmen diesen nicht bewusst wahr. Eine regelmäßige Ausbildungsdokumentation wird sehr selten durchgeführt, daran hat sich seit dem letzten Lehrlingsmonitor 2023 wenig verändert. Drei Viertel sagen, dass es für sie keine regelmäßige Dokumentation der Ausbildung gibt oder sie nichts davon wissen. Den Ausbildungsbetrieben werden allerdings auf freiwilliger Basis Ausbildungsleitfäden übermittelt. In diesen Leitfäden haben die Ausbildungsplanung und -dokumentation einen großen Stellenwert für eine qualitativ hochwertige Ausbildung. Regelmäßige Ausbildungsdokumentationen und laufende Feedbackgespräche helfen dabei, die ausgeführten Tätigkeiten der Lehrlinge besser abzubilden, einen wertschätzenden Umgang mit den Lehrlingen zu fördern und damit die Qualität der Lehrausbildung zu steigern.

Mehr Unterstützung bei der Lehrabschlussprüfung

Anders als etwa in Deutschland oder der Schweiz ist die Lehrabschlussprüfung (LAP) strukturell vom Ausbildungsprozess entkoppelt und kein Bestandteil der betrieblichen Ausbildung. Das heißt, die Lehrzeit endet mit Ende des Lehrvertrages und nicht mit der LAP. Der Lehrlingsmonitor zeigt eine stabile Diskrepanz zwischen der Wichtigkeit der LAP für die Lehrbetriebe einerseits und der (fehlenden) konkreten Unterstützung in der Vorbereitung auf die LAP andererseits. Zwar glauben rund 90 Prozent der Lehrlinge, dass ihrem Betrieb der Antritt zur LAP wichtig ist. Allerdings werden nicht einmal sechs von zehn tatsächlich bei der Vorbereitung auf die Prüfung vom Betrieb unterstützt. 33 Prozent der jungen Menschen beklagen, dass sie bis dato noch nicht mit ihren Ausbildner:innen darüber gesprochen haben, was sie bei der Lehrabschlussprüfung können müssen.

Image der Lehre

Im aktuellen Lehrlingsmonitor wurde erstmals auch das Image der Lehre aus der Perspektive der Lehrlinge erhoben und ins Verhältnis zum Image von AHS- und BHS-Matura gesetzt. Die Lehrlinge schätzen das Image der Lehre beinahe gleich hoch ein wie jenes von höheren Schulen. Je eher die Lehrlinge in ihrem Wunschberuf arbeiten, desto höher schätzen sie auch das Image der Lehre in der Gesellschaft ein. Es ist positiv zu bewerten, dass Lehrlinge ihren beruflichen Stellenwert in der Gesellschaft so hoch einordnen.


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Zunächst braucht es einheitliche Qualitätsstandards für Lehrstellenförderungen: Lehrstellenförderungen sollten an nachvollziehbare Qualitätskriterien geknüpft werden – etwa an verpflichtende Ausbildungspläne, eine regelmäßige Dokumentation und die Erfolgsquote bei der Lehrabschlussprüfung. Gleichzeitig braucht es eine Modernisierung der Lehrabschlussprüfung: Die Lehrabschlussprüfung soll transparent und österreichweit einheitlich gestaltet werden. Prüfungen sollen öffentlich stattfinden, damit Lehrlinge den Ablauf im Vorfeld beobachten und Unsicherheiten abbauen können. Kostenlose Fragenkataloge und zwei Wochen bezahlte Freistellung zur Prüfungsvorbereitung würden faire Bedingungen schaffen. Zusätzlich sollte die Lehrabschlussprüfung durch einen anrechenbaren Kompetenzcheck zur Mitte der Lehrzeit ergänzt werden. Dadurch erhalten Lehrlinge und Betriebe frühzeitig Rückmeldung über den Ausbildungsstand. Durch die Anrechnung positiv absolvierter Teilprüfungen wird der Druck einer einmaligen großen Abschlussprüfung reduziert. Letztlich muss die Lehrausbildung auf die Anforderungen der Zukunft adäquat reagieren: Digitale Kompetenzen – einschließlich Künstlicher Intelligenz – müssen in allen Lehrberufen verbindlich verankert und durch moderne Ausstattung sowie Weiterbildungsmöglichkeiten abgesichert werden.

Lehrlinge sollen am Ende ihrer Ausbildung jene berufliche Handlungsfähigkeit entwickeln, die sie als Fachkräfte auszeichnet. Eine hochwertige Lehrausbildung ist entscheidend für die weitere berufliche Zukunft. Der aktuelle Lehrlingsmonitor zeigt deutlich den Einfluss der betrieblichen Ausbildungsbedingungen auf den Verbleib im Beruf und somit, ob die Lehrlinge als zukünftige Fachkräfte zur Verfügung stehen. Daher sind vor allem die Betriebe gefordert, in eine qualitätsvolle und attraktive Ausbildung der Fachkräfte von morgen zu investieren.

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