Ein Arbeitsmarkteinstieg in wirtschaftlichen Krisenzeiten geht mit einer Vielzahl von negativen Konsequenzen für Berufseinsteiger:innen im Allgemeinen einher: Niedrigere Gehälter, schlechtere Jobs und geringere Aufstiegsmöglichkeiten sind einige Beispiele hierfür. Die Corona-Pandemie hat kurzfristig zur höchsten Arbeitslosigkeit seit dem Zweiten Weltkrieg gesorgt. Dementsprechend war der Übertritt von einer Ausbildung in den Arbeitsmarkt in diesen Zeiten von einigen Herausforderungen geprägt. Ein Vergleich von Erwerbsverläufen der Lehrabschlusskohorten 2016 und 2019 zeigt, dass der Großteil der Jugendlichen es geschafft hat trotz der schwierigen Arbeitsmarktbedingungen eine langfristige Beschäftigung zu finden.
Arbeitsmarkteinstieg in wirtschaftlichen Krisenzeiten
Aus einigen Studien in Folge der Großen Rezession 2008/09 geht hervor, dass der Start ins Berufsleben in diesem Zeitraum von einigen Herausforderungen geprägt war. Berufseinsteiger:innen aus diesem Jahrgang hatten langfristig gesehen deutliche Einkommenseinbußen. Das liegt zum Beispiel daran, dass Absolvent:innen gezwungen waren, auf niedriger qualifizierte Jobs auszuweichen, wenn auf ihrem Bildungsniveau keine Jobs verfügbar waren. Durch das geringe Angebot an Arbeitsplätzen im Allgemeinen mussten ebenfalls schlechter bezahlte Stellen angenommen werden. Zusätzlich war das Risiko erhöht, den eigenen Arbeitsplatz zu verlieren.
Mit dem Aufkommen der Corona-Pandemie kam es nach der Großen Rezession zur nächsten großen Wirtschaftskrise. Durch die Schutzmaßnahmen im Zuge der Covid-19-Pandemie und die damit einhergehenden Lockdowns kam es trotz vielfältiger staatlicher Unterstützungsleistungen zu negativen Folgen für einzelne Betriebe und für die wirtschaftliche Entwicklung im Gesamten. Im April 2020 waren 588.000 Personen arbeitslos gemeldet, was der bisherige Höchststand nach dem Zweiten Weltkrieg war. Die Arbeitslosenquote lag im Mai 2020, nach der ersten Phase der Pandemie, bei 11,5 Prozent (im Vergleich zum Vorjahr ist das ein Anstieg von 4,7 Prozentpunkten). Vorhandenes Personal konnte durch die arbeitsmarktpolitische Maßnahme der Kurzarbeit gehalten werden, neues Personal wurde jedoch kaum aufgenommen. Es wird somit angenommen, dass gerade Berufseinsteiger:innen in diesem Zeitraum einige Schwierigkeiten beim Arbeitsmarkteinstieg hatten.
Mit Lehrabschluss geht es einfacher: Der Weg in den Arbeitsmarkt im System der beruflichen Bildung
In der Literatur wird von zwei Schwellen des Arbeitsmarkteinstiegs gesprochen: der ersten Schwelle nach dem Ende der Pflichtschule und der zweiten Schwelle nach dem Ende der Lehrausbildung. Die Schwierigkeiten ergeben sich im dualen System vor allem nach dem Ende der Pflichtschule. An dieser ersten Schwelle entscheiden Betriebe, welche Jugendlichen sie als geeignet für eine Lehre empfinden. Bei der Lehrplatzsuche spielen individuelle Faktoren wie das Engagement, die Fähigkeiten und Noten der Jugendlichen eine Rolle sowie deren besuchte Schule; aber auch strukturelle Faktoren wie die verfügbaren Lehrstellen. Ebenso entscheidend sind die Netzwerke der Jugendlichen und ihrer Eltern sowie das Einstellungsverhalten der Personalverantwortlichen. Bei Letzterem kommt es auch zu Diskriminierung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund.
Sobald Jugendliche im System der beruflichen Bildung sind, stellt der Weg in den Arbeitsmarkt nur mehr für wenige eine Hürde dar. Durch das duale System im deutschen Sprachraum haben Jugendliche nach dem Ende ihrer Lehre die Möglichkeit, von ihrem Ausbildungsbetrieb direkt als Fachkraft übernommen zu werden. Das ist im Vergleich zu Ländern mit einer schulischen Lehrausbildung ein großer Vorteil, da die Jugendlichen in vielen Fällen nicht erneut auf Arbeitsplatzsuche gehen müssen.
Einstieg in den Arbeitsmarkt im Jahr 2019 und 2016 – ein Vergleich
Um den Arbeitsmarkteinstieg von Lehrlingen im Zeitraum von Corona zu untersuchen, wurden zwei verschiedene Abschlusskohorten verglichen: Lehrlinge mit einem Arbeitsmarkteinstieg in Pandemiezeiten (Lehrabschluss im Jahr 2019) und Lehrlinge mit Arbeitsmarkteinstieg im Zeitraum eines Wirtschaftsaufschwungs (Lehrabschluss im Jahr 2016). Für beide Kohorten wird der Erwerbsverlauf in den drei folgenden Jahren nach Lehrabschluss untersucht. Dafür wurden die Erwerbsverläufe der Jugendlichen mit Lehrabschluss anhand österreichischer Sozialversicherungsdaten aus der Arbeitsmarktdatenbank analysiert und typologisiert. Insgesamt wurden sieben verschiedene Erwerbsverlaufstypen identifiziert.
Anschließend wurde mit einer Regression untersucht, ob sich die extrahierten Typen zwischen den beiden Abschlusskohorten unterscheiden. Das Ziel war es herauszufinden, ob der Arbeitsmarkteinstieg im Jahr 2019 die Zugehörigkeit zu einem oder mehreren Erwerbsverlaufstypen beeinflusst hat. Signifikante Unterschiede zwischen den beiden Gruppen gab es nur in den Typen „Normalarbeit mit Arbeitslosigkeitsepisoden“, „stabile Erwerbstätigkeit im Normalarbeitsverhältnis“ und beim Typus „Bundesheer/Zivildienst und Normalarbeitsverhältnis“. In Ersterem waren mehr Personen aus der Kohorte 2019 vorhanden. In den beiden letzteren Typen waren weniger Jugendliche aus der Kohorte 2019. Das bedeutet: Die Wahrscheinlichkeit für einen stabilen Erwerbsverlauf ohne Unterbrechungen war für die Kohorte 2019 niedriger.
Drei Jahre nach Ende des Lehrabschlusses sind 77 Prozent der Lehrabsolvent:innen aus dem Jahr 2019 erwerbstätig im Normalarbeitsverhältnis und nur 9 Prozent arbeitslos. In der Kohorte 2016 sind im gleichen Zeitraum 79 Prozent erwerbstätig im Normalarbeitsverhältnis und 8 Prozent arbeitslos. Es kam zu keinen langfristigen negativen Folgen für die österreichischen Lehrlinge mit Berufsbeginn im Zeitraum der Corona-Pandemie. Grund für die Unterschiede in den beiden Kohorten ist der höhere Anteil an Personen in Kurzarbeit in der Kohorte 2019. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Arbeitsplatzverluste im Zeitraum der Pandemie vollständig durch die arbeitsmarktpolitische Maßnahme der Kurzarbeit abgefangen wurden. Das ist anhand der folgenden Grafik besonders gut ersichtlich.
Fazit: Mehr betriebliche Ausbildungsplätze in der Lehre nötig
Die Ergebnisse dieser Studie zeigen klar, wie erfolgreich ein Lehrabschluss Jugendliche auch in wirtschaftlichen Krisenzeiten vor Arbeitslosigkeit schützt. Besonders für Jugendliche, die eine betriebliche Lehre absolviert haben, ergibt sich durch die Möglichkeit, vom Ausbildungsbetrieb als Facharbeiter:in übernommen zu werden, ein direkter Arbeitsmarkteinstieg. Um diese positiven Entwicklungen auch weiterhin gewährleisten zu können braucht es eine steigende Beteiligung von Unternehmen bei der Lehrausbildung. Ebenfalls ist eine langfristig gesicherte Finanzierung der überbetrieblichen Lehrausbildung (ÜBA) nötig, um möglichst vielen Jugendlichen einen Lehrabschluss zu ermöglichen.