Wenn über das österreichische Bildungssystem gesprochen wird, kommen Polytechnische Schulen (kurz: PTS) kaum vor. Dabei begleiten wir Lehrerinnen und Lehrer an Polytechnischen Schulen die Jugendlichen in einer entscheidenden Phase nach der Mittelschule oder Unterstufe: dem Übergang zu weiteren Ausbildungen und letztlich zum Beruf. Trotzdem gilt die PTS gesellschaftlich häufig als „Restschule“ für jene, die keinen anderen Bildungsweg geschafft hätten. Dieses Image prägt auch unseren Alltag als Lehrkräfte stärker als vielen bewusst ist.
Mehr als 60 Jahre „Poly“
1962 wurde die PTS (damals noch „Polytechnischer Lehrgang“) als verpflichtendes 9. Schuljahr für Jugendliche eingeführt, die keine AHS oder berufsbildenden Schulen besuchten. Seit damals erhalten Jugendliche an einer PTS eine Berufsvorbildung und Berufs- und Bildungswegorientierung. Während zu Beginn noch rund die Hälfte eines Jahrgangs ihre Schulpflicht in einer PTS beendete, sind es heute nur noch 16 Prozent.
Es stimmt: Viele Schüler:innen kommen mit Brüchen in ihrer Bildungsbiografie, negativen Schulerfahrungen oder ohne klare Perspektive zu uns. Gleichzeitig bringen sie aber auch viele praktische Fähigkeiten, soziale Kompetenzen und Lebenserfahrung mit, die im klassischen Schulsystem oft zu wenig sichtbar werden.
Ein Schulalltag zwischen Beziehungsarbeit und Dauerbelastung
Der Alltag an einer PTS ist genauso vielfältig wie die Schüler:innen selbst. In einer Klasse sitzen Jugendliche mit völlig unterschiedlichen Voraussetzungen und Leistungsniveaus – manche mit klaren Berufswünschen, andere noch orientierungslos oder durch schwierige familiäre Situationen belastet. Für uns Lehrkräfte bedeutet das weit mehr als „klassischen“ Unterricht: Wir übernehmen gleichzeitig Rollen als Lehrkraft, Mentor:in, Vertrauensperson und Sozialarbeiter:in. Viele Herausforderungen enden nicht im Klassenzimmer. Auch die Elternarbeit ist oft anspruchsvoll – etwa durch sprachliche Barrieren, fehlende Rückmeldungen oder Situationen, in denen Eltern kaum greifbar sind. Dazu kommt ein hoher bürokratischer Aufwand (zum Beispiel das Erstellen von behördlichen und schulinternen Berichten), der im Alltag viel zu viel Zeit und Energie beansprucht.
Gerade Jugendliche, die sich im bisherigen Schulsystem wenig gesehen gefühlt haben, brauchen oft zu Beginn Stabilität und Vertrauen, bevor das Lernen wieder funktionieren kann. Dafür bleibt an der einjährigen PTS allerdings wenig Zeit – besonders dann, wenn zunächst Grundkenntnisse und Selbstvertrauen aufgebaut werden müssen.
Wenn Jugendliche plötzlich aufblühen
Gerade im praxisnahen Zugang liegt aber auch die große Stärke der PTS: Berufspraktische Tage, Exkursionen oder Workshops mit Betrieben schaffen handfeste Erfolgserlebnisse, die im Klassenzimmer oft fehlen. Besonders wertvoll sind dabei die verschiedenen und einzigartigen Fachbereiche wie z. B. Tourismus, Handel und Büro, Mechatronik oder Gesundheit und Soziales. Die Jugendlichen haben einen fixen Fachpraxistag pro Woche, an dem sie intensiv in einem gewählten Bereich arbeiten können. Dadurch bekommen sie die Möglichkeit, unterschiedliche Berufsfelder praktisch auszuprobieren, und merken oft erst so, wo ihre Interessen und Stärken liegen. Die Polytechnischen Schulen bieten damit jene umfassende Berufs- und Bildungsorientierung, die Jugendliche an Mittelschulen oder AHS-Unterstufen oft zu wenig und zu sporadisch erhalten.
Man erlebt immer wieder, dass Jugendliche, die in klassischen Leistungssettings als „schwach“ gelten, in diesen praktischen Situationen plötzlich aufblühen. Wer handwerklich geschickt ist oder Verantwortung übernimmt, bekommt dort oft erstmals Anerkennung für Fähigkeiten, die gesellschaftlich noch immer zu wenig zählen.
„Du gehst eh nur ins Poly“
An der PTS zeigt sich gleichzeitig sehr deutlich, wie eng Bildungswege, das Ansehen mancher Ausbildungen und soziale Herkunft in Österreich noch immer miteinander verbunden sind. Viele Jugendliche erleben früh, dass ihnen weniger zugetraut wird. Aussagen wie „Du gehst eh nur ins Poly“ wirken oft lange nach. Dahinter steckt ein gesellschaftliches Problem: Praktische und handwerkliche Begabungen werden häufig noch immer geringer bewertet als akademische Leistungen. Das ist eigentlich paradox: Gerade viele Betriebe im Handwerk, in technischen Berufen oder im Dienstleistungsbereich suchen derzeit dringend Fachkräfte. Trotzdem hält sich hartnäckig die Vorstellung, dass nur ein akademischer Bildungsweg als Erfolg gilt.
Dabei merkt man schnell, dass die Maßstäbe bei uns an der PTS oft andere sind als in anderen Schulformen. Erfolg zeigt sich hier häufig in Entwicklungsschritten, die auf den ersten Blick selbstverständlich wirken, für manche Jugendliche aber große Herausforderungen darstellen: regelmäßig und pünktlich in die Schule zu kommen, Material dabeizuhaben, mehr Selbstvertrauen zu entwickeln, soziale Kompetenzen auszubauen oder erstmals eine berufliche Perspektive zu finden.
Viel Verantwortung, aber zu wenig Unterstützung
Was viele nicht wissen: PTS-Lehrer:innen haben in Österreich keinen eigenen Studiengang und werden oft fachfremd eingesetzt oder über Quereinsteiger-Wege rekrutiert – auch das spiegelt die geringe institutionelle Wertschätzung wider. Zum strukturellen Mangel an Anerkennung kommt ein konkretes Finanzierungsproblem. Die Schulen erhalten keine direkten Budgets, sondern Planstellen auf Basis von Schüler:innenzahlen – unabhängig davon, wie herausfordernd die Zusammensetzung der Klassen tatsächlich ist. Wer uns stärken will, muss vor allem an diesen Punkten ansetzen:
- kleinere Klassen und mehr individuelle Betreuung,
- dauerhaft verfügbare Sozialarbeiter:innen und Psycholog:innen,
- mehr Ressourcen für digitale Ausstattung,
- Entlastung bei bürokratischen Aufgaben
- und eine gesellschaftliche Aufwertung beruflicher Bildung.
Wir sind weit mehr als eine bloße Übergangslösung. Die PTS zeigt, welches Potenzial entsteht, wenn Jugendliche praktische Fähigkeiten entwickeln, Selbstvertrauen gewinnen und einen realistischen Zugang zur Arbeitswelt bekommen. Die bildungspolitische Debatte sollte deshalb weniger fragen, warum Jugendliche „nur“ ins Poly gehen – sondern vielmehr, warum praktische Bildung in Österreich noch immer so oft unterschätzt wird. Wir zeigen jeden Tag, dass Bildungserfolg mehr sein kann als Noten und Abschlüsse allein.