(K)eine Krise wie damals?

22. April 2026

Kaum ist die letzte Energiekrise überstanden, da steigen seit März 2026 die fossilen Energiepreise aufgrund des Irankriegs wieder an. Doch die jetzige Krise ist gerade für Europa und Österreich anders als 2022, denn wir haben viel dazugelernt. Jetzt brauchen wir vor allem strukturelle Lösungen, um uns aus der fossilen Abhängigkeit zu befreien.

Anfang 2026: Nach einem langen Kampf gegen die Inflation scheint die Teuerung endlich besiegt – doch dann bricht der Krieg im Nahen Osten aus und die Preise für Öl, Treibstoffe und Gas steigen erneut. Sofort werden Erinnerungen an 2022 wach, national wie international ist von der größten Energiekrise der Geschichte die Rede. Doch sind die Entwicklungen wirklich dieselben wie vor vier Jahren? Eine Frage, die nicht nur Historiker:innen, sondern alle wirtschafts- und energiepolitisch Verantwortlichen beschäftigen sollte. Denn aus ihrer Antwort ergeben sich Ansatzpunkte für die Krisenbewältigung.

Bei all der Angst vor weiterer Eskalation lohnt ein nüchterner Blick auf die Preisentwicklung der letzten Wochen – und der zeigt: Diese Krise ist anders. Bei Treibstoffen fällt der Anstieg drastischer aus als 2022, besonders bei Diesel ist die Entwicklung dramatisch. Beim Gas hingegen bleibt der Anstieg – von rund 35 Euro/MWh im Jänner auf teils über 60 Euro/MWh im März – bisher vergleichsweise moderat. Zur Erinnerung: In der Gaskrise 2022 lagen die Spitzenpreise bei über 300 Euro/MWh. Und die Strompreise sind zuletzt sogar gesunken: Der Frühling belebt die erneuerbare Erzeugung, was die Preisentwicklung spürbar dämpft.

Das zentrale Unterscheidungsmerkmal: 2022 war es eine Gaskrise, befeuert durch Europas hohe Abhängigkeit von russischem Erdgas, die sich unmittelbar auf den Strommarkt übertrug. 2026 hingegen handelt es sich um eine Erdölkrise – mit anderen strukturellen Zusammenhängen und damit auch anderen Ansatzpunkten für politisches Handeln.

© A&W Blog
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Andere Länder, andere Verstrickung

Die schlimmste Energiekrise seit Anbeginn der Zeit“ – so der internationale Tenor. Aus globaler Perspektive sind diese drastischen Worte berechtigt. Allerdings: Die Situation in Europa unterscheidet sich grundlegend von jener in anderen Teilen der Welt.

2022 traf die Krise Europa hart: Als Russland – damals unser wichtigster Gaslieferant – die Versorgung drosselte und schließlich der Angriffskrieg auf die Ukraine begann, gerieten insbesondere Deutschland und Österreich aufgrund ihrer hohen Abhängigkeit in ernste Schwierigkeiten. Heute ist Europa deutlich besser aufgestellt: Die Gasversorgung ist diversifiziert, Norwegen und US-amerikanisches Flüssiggas haben Russland als Hauptlieferanten abgelöst und der Gasverbrauch ist merklich gesunken. Von direkten Versorgungsengpässen sind wir derzeit nicht betroffen.

In Asien und dem globalen Süden hingegen ist die Lage drastischer – dort gibt es teils echte Mengenprobleme, nicht „bloß“ Preisdruck. Genau das wird für Europa zur indirekten Belastung: Wenn andere Weltregionen um fossile Energieträger konkurrieren, geraten wir in einen globalen Bieterwettbewerb. Hinzu kommen die durch den Irankrieg beschädigten Gas- und Ölförderinfrastrukturen und drohende Lieferkettenprobleme bei Handelsgütern. Kurzum: Die Krise erreicht Europa in Raten, vieles bleibt ungewiss – doch die vorwiegend indirekten Auswirkungen eröffnen uns noch Handlungsspielraum.


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Wir sind besser vorbereitet

Die gute Nachricht ist, dass wir aus der letzten Krise gelernt haben. Die Anzahl der Haushalte, die mit Wärmepumpe heizen, ist in Österreich zwischen 2020 und 2024 um 80 Prozent gestiegen. Es gibt inzwischen mehr Wärmepumpen im Land als Ölheizungen. Die Anzahl der Elektroautos hat sich seit Ende 2022 mehr als verdoppelt, über 20 Prozent der Pkw-Neuzulassungen 2025 waren Elektroautos. Die installierte Leistung an Photovoltaikanlagen ist von 3,8 Gigawatt (GW) in 2022 auf 9,4 GW im Jahr 2024 gestiegen. Während im Jahr 2022 der Anteil der erneuerbaren Stromproduktion bei 67,4 Prozent gelegen ist, waren es im Jahr 2025 fast 95 Prozent. Auch politisch wurde nachgebessert: Strategische Gasreserven, Speicherverpflichtungen, gemeinsame Gasbeschaffung und ein neues Elektrizitätswirtschaftsgesetz (ElWG) mit Maßnahmen für mehr Leistbarkeit. So wurden Elektrizitätsunternehmen dazu verpflichtet, neben ihrem Interesse nach Gewinnmaximierung auch das gemeinwirtschaftliche Interesse nach leistbaren Strompreisen zu beachten und Gewinnausschüttungen wurden eingeschränkt. Die meisten Haushalte, die vom ORF-Beitrag befreit sind, haben nun außerdem Anspruch auf einen vergünstigten Stromtarif von 6 Cent netto je Kilowattstunde (KWh). Zusätzlich wurde die „Übergewinnsteuer“ (Energiekrisenbeitrag) im letzten Jahr verlängert und deutlich verschärft. Das bringt dem Staat in Krisenzeiten Einnahmen, die für Maßnahmen zur Preisdämpfung zur Verfügung stehen.

Von Zwillingskrisen und Fröschen

Sowohl 2022 als auch heute handelt es sich um fossile Energiekrisen – zwei innerhalb kurzer Zeit, ähnlich den Ölkrisen der 1970er Jahre. Doch die genaue Betrachtung zeigt Unterschiede: Damals waren Alternativen rar, teuer und langsam zu errichten, ihr Einsatz beschränkte sich weitgehend auf die Stromerzeugung und lag vor allem in Wasserkraft und Nuklearerzeugung. Heute stehen günstigere, vielseitig einsetzbare und (zumindest technisch) rasch umsetzbare Alternativen zur Verfügung, und zwar in viel mehr Sektoren als nur der Stromerzeugung – ein fundamentaler Unterschied.

Der Krisenvergleich macht es deutlich: Es ist keine Krise wie damals

 Die 1970er JahreDie 2020er Jahre
KrisenmerkmalÖlpreisschockGas- und Ölpreisschocks
Dominante AlternativenKernkraft, Kohle, Nicht-OPEC-ÖlSolar, Wind, EVs, Batterien, Wärmepumpen
Bauzeit der alternativen InfrastrukturSehr lange (Jahrzehnte)Kurz (Wochen bis Monate)
Wirtschaftlichkeit der AlternativenTeure NotlösungenKostengünstige verfügbare Option
Hauptzielsektor der AlternativenNur StromerzeugungTransport, Wärme & Strom
MarktdynamikReversibel
(zurück zum Öl)
Unumkehrbar
(null Grenzkosten)

Quelle: McMorrow et al. 2026

Was lernen wir daraus? Ein einzelner Schock ist ein Warnsignal – ein Doppelschock ist ein Urteil über ein veraltetes System. Fossile Abhängigkeiten werden damit von einem kalkulierbaren Risiko zur existenziellen Verwundbarkeit. Damals führte das Ölüberangebot der 1980er Jahre die Welt nach den Schocks zurück zum Öl – wir wagen eine Prognose: In den 2030er Jahren wird das Überangebot an sauberem, billigem Strom den fossilen Markt dauerhaft unterbieten.

Diese Lehren werden nicht nur in Europa gezogen werden. Gerade Asien mit seiner hohen Abhängigkeit vom Öl des Nahen Ostens könnte seine Prioritäten rascher neu ausrichten, als viele im Westen ahnen. „Electrify everything“ könnte zum Motto des globalen Südens werden – und China, längst Technologieführer bei sauberen Energien, wird diese Transformation als globale Werkbank befeuern. Das ist kein Zukunftsszenario, sondern bereits gelebte Realität: vom massiven Ausbau erneuerbarer Energien im globalen Süden bis zu den Rekordzulassungen von Elektrofahrzeugen weltweit. Wie ein Frosch sitzt die Welt im heißen Wasser. Doch anders als im bekannten Bild setzt der Frosch nun zum Technologiesprung an.

Was Wirtschafts- und Energiepolitik jetzt tun müssen

Aus dem bisher Gesagten ergeben sich zwei wirtschaftspolitische Ableitungen: eine kurzfristige Reaktion auf den fossilen Preisschock und eine mittelfristige Antwort auf den strukturellen Wandel unserer Energiesysteme.

Anders als 2022 sind wir auf den aktuellen Preisschock besser vorbereitet und können auf bewährten Instrumenten aufbauen. Das ist vor allem auch deshalb wichtig, weil sich die Situation auch kurzfristig verändern kann. Um negative makroökonomische Auswirkungen zu vermeiden, ist bei einer kurzfristigen Verschlechterung der Lage eine schnelle Reaktion entscheidend. Ein verbesserter Energiekrisenbeitrag kann die Kostenvorteile erneuerbaren Stroms an Endkund:innen weitergeben – ähnlich dem französischen Modell, das Übergewinne abgeschriebener Atomkraftwerke per Negativtarif an Verbraucher:innen ausschüttet. De facto erreicht man damit einen ähnlichen Effekt wie mit einer Reform des Strommarktdesigns („Merit-Order“): Die Stromrechnungen spiegeln dann die durchschnittlichen Herstellungskosten besser wider. Die gemeinwirtschaftliche Verpflichtung nach dem ElWG kann verhindern, dass Krisengewinne erst entstehen – nämlich indem Energieversorger günstige Produktionskosten in der Form günstiger Tarife an die Endkund:innen weitergeben. Bei der Beschaffung von Gas, Öl und Treibstoffen braucht es europäische Koordination, um Bieterschlachten zu vermeiden und Öl- und Gasspeicher sinnvoll zu bewirtschaften. Gerade hier wird auch die Europäische Union eine große Rolle spielen. Die wichtigste kurzfristige Maßnahme bleibt jedoch Energieeffizienz und Sparsamkeit: Die günstigste Energie ist jene, die gar nicht gebraucht wird.

Mittelfristig gibt es nur eine Antwort auf die strukturellen Probleme fossiler Energiewirtschaft: die Beschleunigung der Energiewende. Dazu brauchen wir eine weitgehende Elektrifizierung, wo das sinnvoll möglich ist – von großen Teilen der Raumwärme über Verkehr bis zu Industrieprozessen. Gleichzeitig müssen wir die erneuerbare Stromproduktion und Speicher stark ausbauen. Windkraft spielt dabei eine Schlüsselrolle, weil sie auch dann liefert, wenn Photovoltaik schwächelt (vor allem in der Nacht und im Winter). Dazu brauchen wir einen echten politischen Schulterschluss. Jedes verhinderte Windrad ist eine bewusste Entscheidung für Abhängigkeit und wirft die Frage auf, auf welchen Verbrauch man bereit ist zu verzichten oder teuer zuzukaufen.

Gleichzeitig wird daran sichtbar, dass die Energiewende längst kein rein technisches Problem ist. Denn es geht auch um Akzeptanz. Der zentrale Schlüssel dafür ist Leistbarkeit: Erneuerbare Stromproduktion ist günstiger als fossile, und das muss auf den Rechnungen spürbar sein. Konkret sollte der Förderung von erneuerbaren Energien auch eine Preissicherheit für die Verbraucher:innen gegenüberstehen. Das geht etwa über ein effizientes Fördersystem. Manche Windkraftbetreiber bieten bereits einen vergünstigten Stromtarif für Bürger:innen der Standortgemeinde an. Außerdem müssen wir die Kosten der Energiewende so gut wie möglich minimieren. Ein Beispiel dafür ist die Finanzierung des Netzausbaus. Dieser ist kapitalintensiv und private Kapitalgeber verlangen dafür eine entsprechend hohe Rendite. Springt stattdessen der Staat ein und verzichtet auf eine Rendite, werden Investitionen und damit der Ausbau deutlich günstiger. Leistbare, saubere und sichere Energie ist zentraler Teil unseres Wirtschafts- und Gesellschaftssystems. Wir müssen sie auch entsprechend behandeln.

Fazit

Die aktuelle Energiekrise verlangt vor allem eines: einen kühlen Kopf und eine nüchterne Lagebeurteilung. Denn Panik ist selbst ein wirtschaftliches Risiko und nie ein guter Ratgeber. Unkenrufe können die Energiepreisentwicklungen maßgeblich beeinflussen. Außerdem haben wir in der letzten Krise gelernt, dass Kostenschocks koordinierte Preiserhöhungen erleichtern. Die Politik muss daher Sicherheit geben – mit konkreten, kurzfristigen Maßnahmen, die auf bewährten Instrumenten aufbauen und diese konsequent weiterentwickeln.

Die Krise macht aber auch sichtbar, was trotz aller Fortschritte nach wie vor gilt: Wir leben in fossiler Abhängigkeit – und solange das so ist, liegt vieles nicht in unserer Hand. Die wichtigste Antwort ist daher struktureller Natur: eine beschleunigte Energiewende, die uns dauerhaft aus dieser Verwundbarkeit herausführt.

Dabei gilt für Krisenbewältigung wie für den Umbau unserer Energiesysteme dasselbe: Man muss sie aktiv gestalten, soziale und wirtschaftspolitische Aspekte mitdenken und an konkreten Lösungen arbeiten. Es gibt somit viel zu tun – also hüpf, lieber Frosch!

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