Der Krieg gegen den Iran hat weitreichende Folgen für Menschen in der Region und die Weltwirtschaft. Energiepreisschocks durch unterbrochene Lieferketten können dazu führen, dass Verkäufer auch ungerechtfertigt Preise anheben. Während Arbeitnehmer:innen vom verknappten Angebot und den Preissteigerungen belastet werden, profitieren die Reichsten mit Aktien an fossilen Unternehmen. Multilaterale Koordinierung, Margen- und Preisobergrenzen, Übergewinnsteuern sowie gerechte Rationierungsprotokolle sind wichtige Instrumente, damit keine Umverteilung von Arbeit zu Kapital passiert und die extreme Rechte nicht als Krisengewinner hervorgeht.
Was bedeuten die blockierten Handelsströme für die Weltwirtschaft?
Ein Fünftel, ein Drittel, ein Drittel, zwei Fünftel, fast die Hälfte – das sind die jeweiligen Anteile der weltweiten Exporte von Flüssigerdgas, Rohöl, Düngemitteln, Helium und Schwefel, die normalerweise durch die Straße von Hormus transportiert werden. Unsere Untersuchungen zeigen, dass dies Schlüsselrohstoffe sind, von denen die Weltwirtschaft abhängt. Fossile Brennstoffe sind bei Weitem die systemisch wichtigsten Inputs in einem (bislang) überwiegend fossil befeuerten Kapitalismus. Die Nahrungsmittelproduktion hängt von Düngemitteln ab. Helium und Schwefel sind für die Herstellung von Mikrochips notwendig, die wiederum für eine Unzahl an Produkten benötigt werden, von Rasenmähern bis hin zu Rechenzentren, die den KI-Boom aufrechterhalten. Der Transport dieser Rohstoffe – die für die Herstellung von allem anderen entscheidend sind – durch die Meerenge ist seit Kriegsbeginn praktisch zum Erliegen gekommen.
Eine der Lehren aus der Covid-Versorgungskrise war, dass bereits eine vorübergehende Blockade der Handelsströme massive Störungen hervorruft. Nun kommt noch die Produktionsseite hinzu: Da die lokalen Lagerstätten für Öl und Gas hinter der Straße von Hormus vollgelaufen sind, mussten mehrere Produktionsstätten die Förderung einstellen. Die Versorgung wird nicht nur verlangsamt, sondern das Produkt ist schlichtweg nicht vorhanden. Und man kann Ölfelder oder Raffinerien nicht über Nacht wieder in Betrieb nehmen, das kann Wochen oder Monate dauern. Zudem wurde die Produktions- und Transportinfrastruktur beschädigt. Da Düngemittel mit Gas hergestellt werden und Schwefel und Helium Nebenprodukte der Öl- und Gasförderung sind, werden auch diese Chemikalien nicht mehr produziert.
Zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Artikels eskaliert der Konflikt durch Angriffe auf Öl- und Gasförderanlagen, nachdem israelische Angriffe das iranische South Pars-Gasfeld – das größte der Welt – getroffen hatten und der Iran mit Angriffen auf die Flüssigerdgasanlage in Ras Laffan reagierte, wodurch 3,5 Prozent der weltweiten LNG-Produktion für die nächsten drei bis fünf Jahre ausfielen.
Es ist unklar, wann die Straße von Hormus wieder vollständig für den Schiffsverkehr freigegeben wird, doch eines ist sicher: Die Weltwirtschaft wird über die Lieferketten einen schweren Schlag erleiden, ganz gleich, wie schnell der Krieg endet.
Neue Runde von Verkäuferinflation
Die Verbraucherinnen und Verbraucher in Europa und den USA sind von den Auswirkungen noch relativ abgeschirmt, auch wenn sie bereits mit erhöhten Benzinpreisen konfrontiert sind, die eine erhebliche Kostenbelastung für autoabhängige Haushalte darstellen. Das volle Ausmaß der bevorstehenden Auswirkungen bleibt noch in der Komplexität des globalen Versorgungsnetzes verborgen. Hier sind einige der Folgen, die sich bald einstellen könnten: Inflation, Umverteilungsschocks, Versorgungsengpässe, Stagflation und globale finanzielle Instabilität.
Bislang sind nur die Preise für lebenswichtige Rohstoffe – Öl, Gas, Düngemittel und so weiter – in die Höhe geschossen. Unternehmen, die diese Vorleistungen kaufen und keinen Einfluss auf den Preis ihrer Produkte haben, müssen die Kosten auffangen oder die Produktion einstellen. Davon sind besonders kleine Produzenten betroffen, beispielsweise Fischer auf den Philippinen, die sich den doppelt so teuren Treibstoff nicht mehr leisten können und ihre Produktion bereits einstellen mussten.
Der Großteil der heutigen Weltwirtschaft wird jedoch von riesigen Konzernen beherrscht, die ihre Preise selbst festlegen. Unsere Untersuchungen zeigen, dass Kostenschocks ihnen dabei halfen, Preiserhöhungen abzustimmen. Sie haben die Kosten der Pandemie und des Krieges nicht selbst getragen, sondern sie an die Verbraucher:innen weitergegeben, wodurch sie ihre Gewinnmargen schützten und gleichzeitig ihren Gewinn steigerten. Das ist eine von den Anbietern verursachte Inflation – die „Seller’s Inflation“, die Verkäuferinflation. Unternehmen geben Preissprünge bei wichtigen Vorleistungen durch ihre eigene Preisgestaltung auf die gesamte Wirtschaft weiter und verursachen so letztlich Inflation.
Solche Preiserhöhungen werden noch einfacher, wenn Vorleistungen knapp sind. Da Kund:innen nur beschränkt ausweichen können, verschafft es Unternehmen ein vorübergehendes Monopol und außerordentliche Gewinne. Darüber hinaus bleiben die Verbraucherpreise bei sinkenden Inputpreisen tendenziell hoch oder fallen weniger stark, was eine weitere Runde von Übergewinnen auslöst.
Umverteilung nach oben
Weiter bedeutet die von den Verkäufern verursachte Inflation eine Umverteilung von der Arbeit zum Kapital und letztlich zu den Reichsten der Reichen. Selbst wenn es den Arbeitnehmer:innen schließlich gelingt, die Löhne anzuheben, um die Inflation auszugleichen, müssen sie zunächst Einbußen hinnehmen. Die deutschen Reallöhne haben ihr Niveau vor der Pandemie noch immer nicht ganz erreicht, nachdem sie den größten Einbruch seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs erlebt hatten. Selbst in den USA, wo sich die Löhne schneller erholt haben, ist der Anteil der Gewinne am Einkommen auf einem Rekordhoch und der Anteil der Löhne auf einem historischen Tiefstand. Die Gewinnmargen in mehreren Sektoren sind in der letzten Runde der Verkäuferinflation in die Höhe geschnellt, befinden sich bereits nahe einem historischen Höchststand für die Gesamtwirtschaft und drohen nun als Reaktion auf die Blockade der Straße von Hormus noch weiter zu steigen.
Die Gewinne verteilen sich nicht gleichmäßig auf die Bevölkerung. In den USA besitzen die reichsten 10 Prozent der Haushalte 87 Prozent der US-Aktien. Die Börsenbewertungen von Produzenten fossiler Brennstoffe und Düngemitteln schießen in die Höhe und werden von Börsenkommentatoren als wunderbare Investitionschance gefeiert. Die aktuellen Preisspitzen bei Öl, Gas, Düngemitteln und anderen Vorleistungen werden den Aktionären von Unternehmen, die nicht von der Blockade betroffen sind, massive Übergewinne bescheren – ihre Produktionskosten sind nicht gestiegen, aber die Preise für das, was sie produzieren, schießen durch die Decke.
Unsere Untersuchungen zeigen, dass Hunderte von Milliarden an Übergewinnen, die Öl- und Gasunternehmen im Jahr 2022 erzielten, das reichste 1 Prozent der US-Amerikaner:innen durch ihre Beteiligungen an diesen Unternehmen im Durchschnitt für mehrere Prozentpunkte der Inflationsrate in jenem Jahr entschädigten. Unterdessen hatte die weniger wohlhabende Hälfte der Amerikaner:innen und der Großteil der übrigen Weltbevölkerung kaum Anteil an diesen Gewinnen, während sie eine viel höhere Inflationslast zu tragen hatten. Das steht uns wieder bevor, wenn Übergewinne nicht durch Übergewinnsteuern eingedämmt werden.
Preisschock im Globalen Norden, Versorgungsengpass im Globalen Süden
Es besteht die reale Gefahr, dass viele Verbraucher:innen nicht nur mehr bezahlen müssen, sondern aufgrund der Preise gänzlich vom Warenmarkt verdrängt werden. Versorgungsengpässe werden Gesellschaften spalten und entlang internationaler Konfliktlinien verlaufen. Während wohlhabende Volkswirtschaften die verbleibenden Vorräte aufkaufen, werden die Menschen in Entwicklungsländern ohne die physischen Güter zurückgelassen.
Am besorgniserregendsten sind Nahrungsmittelengpässe. Während die letzten Krisen durch Lieferkettenverwerfungen und Preissteigerungen den Fortschritt im Kampf gegen den globalen Hunger zunichte gemacht haben, kam es kaum eine Reduktion in der eigentlichen Nahrungsmittelproduktion. Jetzt, da etwa 40 Prozent der Exporte von Düngemitteln während der Pflanzsaison gefährdet sind, kann dies in importabhängigen Regionen des Globalen Südens zu Nahrungsmittelknappheit führen, während es im Globalen Norden einen Preisschock darstellt.
Worst Case: Stagflation
Wenn eine anhaltende Sperrung der Meerenge die Versorgungsengpässe verschärft und aufgrund dieser Engpässe viel Produktion eingestellt wird, könnte die darauffolgende Rezession auch die Gewinne beeinträchtigen. Dies würde auf jeden Fall zu Arbeitslosigkeit führen, was es den Arbeitnehmer:innen wiederum sehr schwer machen würde, ihre Löhne mit der Inflation Schritt halten zu lassen. Das Worst-Case-Szenario aus makroökonomischer Sicht ist also Stagflation.
All dies wird zu erheblichen politischen Folgen führen. Nach der letzten Krise zu urteilen, dürfte die extreme Rechte als Gewinner hervorgehen. Doch Defätismus sollte nicht die Oberhand gewinnen. Jetzt ist es an der Zeit zu handeln. Das Offensichtliche und Notwendige ist, diesen illegalen Krieg zu beenden und sich nicht mitschuldig zu machen. Die bereits absehbaren Folgen müssen so schnell wie möglich angegangen werden. Vorbereitung war die Lehre aus der letzten Krise. Doch die Regierungen haben es versäumt, zu handeln. Nun stehen sie mit dem Rücken zur Wand und müssen so schnell wie möglich mit allen verfügbaren Mitteln eingreifen, um die Schocks kurzfristig einzudämmen, anstatt sie durch unsere Volkswirtschaften fegen und unsere Gesellschaften zerreißen zu lassen.
Diese Mittel für die kurze Frist umfassen alles von der Freigabe von strategischen Rohölreserven (bereits umgesetzt) und Preisobergrenzen auf den Rohstoffmärkten – beides multilateral koordiniert – bis hin zu Margenobergrenzen entlang der Lieferkette, um die von Verkäufern verursachte Inflation einzudämmen, sowie Preisobergrenzen für lebenswichtige Konsumgüter im Einzelhandel bei Beibehaltung von Marktpreisen für darüber hinausgehenden Verbrauch (nicht-lineare Preisgestaltung). Insbesondere sollte die EU ihre Macht als Käufer von Öl- und Gasimporten nutzen, um eine Preisobergrenze durchzusetzen und zu vermeiden, dass EU-Staaten sich gegenseitig überbieten und die Preise weiter in die Höhe treiben. Andere Staaten könnten sich dem anschließen. Zudem sollten Übergewinnsteuern für den Energiesektor sofort wieder eingesetzt werden. In Deutschland sollte die Gaspreisbremse als Versicherung gegen drohende Preisschübe reaktiviert, auf die Industrie ausgeweitet und auch für Öl umgesetzt werden, wie es auch für Österreich gerade umgesetzt wird. Für Strom sollte man dem iberischen Modell folgen und die Strompreise von Gaspreisen entkoppeln. Um dem Risiko physischer Engpässe zu begegnen, müssen gerechte Rationierungsvorschriften ausgearbeitet werden. Sollten all diese Maßnahmen nicht gebraucht werden, können wir aufatmen. Aber falls doch, sollten wir besser darauf vorbereitet sein.
Eine englische Version des Artikels ist zuerst im „New Statesman“ erschienen, bevor eine deutsche Übersetzung im „Surplus“ publiziert wurde.