Künst­liche Intel­ligenz be­nötigt ein ECHO aus der Arbeits­welt!

24. März 2026

Eine aktuelle Studie der Johannes Kepler Universität Linz bescheinigt dem Diskurs über „Künstliche Intelligenz“ (KI) in der oberösterreichischen Medienlandschaft ein einseitiges Bild: Die Interessen der Arbeitnehmer:innen kommen so gut wie nicht vor. Wenn der Einsatz Künstlicher Intelligenz in der Arbeitswelt positive Auswirkungen für die Arbeitnehmer:innen haben soll, müssen auch deren Stimmen gehört werden. 

KI zwischen Allheilmittel und gesellschaftlicher Herausforderung 

Getragen von ChatGPT und Co, also großen Sprachmodellen (Large Language Models), mit denen man einfach ‚chattet‘ und Texte, Bilder und Videos generieren kann, entstand ein Hype um KI, der mit vielen Versprechen einherging. Aus einer Tech-Debatte wurde rasch ein Massenphänomen mit Millionen Nutzer:innen – getragen vom Gefühl, einen historischen Technologiesprung nicht zu verpassen. 

Großmündige Versprechungen, die von breiten Teilen der KI-Branche für die Arbeitswelt und die Gesellschaft als Ganzes angepriesen wurden, konnten so bis dato noch nicht erfüllt werden. Gleichzeitig dominieren weiterhin weitreichende Heilsnarrative. Sam Altman, CEO von OpenAI, zeichnet etwa das Bild einer KI, die Wohlstand mehren, die Klimakrise lösen und wissenschaftliche Durchbrüche ermöglichen könne. Der von zahlreichen „Tech-Bros“ im Silicon Valley vertretene „Solutionismus“ verdichtet sich dabei zur Vision, gesellschaftliche Probleme nicht demokratisch, sondern algorithmisch und marktbasiert zu „optimieren“. 

Vom Algorithmus zur Unsicherheit 

Diese Fortschrittserzählungen bleiben nicht folgenlos. Sie erzeugen Euphorie über die Möglichkeiten von KI – von wirtschaftlicher Effizienz bis zur Lösung globaler Krisen. Zugleich schüren sie Ängste vor Kontrollverlust, wachsender sozialer Ungleichheit, Jobverlust und der Entwertung traditioneller Berufsrollen. Hinzu kommt die Sorge, demokratische Prozesse könnten zunehmend durch den Einsatz algorithmische Logik verdrängt und ersetzt werden. Insgesamt entsteht so bei vielen das Gefühl, gesellschaftliche Entwicklungen seien kaum noch gestaltbar und die Zukunft werde primär von technologischen Kräften bestimmt, denen Individuen und demokratische Institutionen wenig entgegensetzen können. 

Wer wird gehört? 

Die Art und Weise, wie über Künstliche Intelligenz gesprochen wird, ist dabei maßgeblich davon abhängig, wer über sie spricht – und wessen Stimmen im öffentlichen Diskurs Gehör finden. Um dies zu untersuchen, hat die Arbeiterkammer Oberösterreich daher eine Diskursanalyse bei der Johannes Kepler Universität Linz, Abteilung für Soziologie mit den Schwerpunkten Innovation und Digitalisierung (SID), in Auftrag gegeben, die sich diesen Fragen systematisch widmet.  

Was ist ein „Diskurs“? 

Wenn Unternehmen den Eindruck haben, unbedingt mit KI arbeiten zu müssen, weil man sonst den Anschluss verliert, zeigt sich, was mit einem „Diskurs“ gemeint ist: Ein solcher beschreibt in den Sozialwissenschaften das Feld, wie über ein bestimmtes Thema gesellschaftlich gesprochen und gedacht wird. An diesem Beispiel zeigt sich auch, dass Diskurse reale Auswirkungen auf die Gesellschaft haben. Ein Diskurs beschreibt nicht einfach nur, was über KI gesagt wird im Gegensatz zur Realität des tatsächlichen Tuns.  

Wie ein solcher Diskurs aufgebaut ist, untersucht man mit einer sogenannten Diskursanalyse: Welche Akteure sprechen wie über ein bestimmtes Thema? Dabei werden gesellschaftliche Spuren solcher Diskurse erhoben und analysiert, zum Beispiel Zeitungsberichte, Veranstaltungstexte oder Ähnliches. Es geht darum, welche Muster sich finden lassen. 

Die Diskursanalyse 

Über einen Zeitraum von 1,5 Jahren (April 2024 bis Oktober 2025) wurden in einer umfassenden Strukturdaten- und Feinanalyse – anhand von 109 Artikeln und Beiträgen der Oberösterreichischen Nachrichten, Industriellenvereinigung Oberösterreich, Wirtschaftskammer Oberösterreich und Business Upper Austria – mit einem Fokus auf Oberösterreich untersucht: Wer spricht dort über KI? Worum geht es? Wie wird KI behandelt? Welche Bilder werden verwendet? Welche Metaphern und Vergleiche werden gezogen? Das Ergebnis sind drei Diskursstränge, in denen KI mit allgemeineren gesellschaftlichen Entwicklungen und Problemen verknüpft wird. Ein Beispiel ist der Bezug von KI als Lösung der allgemein wirtschaftlich angespannten Lage vieler Unternehmen. 

Drei Bilder zu Künstlicher Intelligenz in Oberösterreich 

KI wird in Oberösterreich vor allem mit drei allgemeineren gesellschaftlichen Themen bzw. Problemen verknüpft. Hörbar sind vor allem die Stimmen wirtschaftlicher Akteure sowie wissenschaftlicher Akteure, die selbst zu KI forschen: 

© A&W Blog


1. Diskursstrang: KI-Verbreitung als Wettbewerb

Die Forschung an und die Verbreitung von KI-Anwendungen wird erstens als Wettbewerb mit anderen globalen Akteuren wie den USA und China stilisiert. Österreich bzw. Europa seien dabei aktuell im Hintertreffen oder Mittelfeld, jedoch keineswegs an der Spitze. Eine solche Metapher erzeugt zum einen ein gemeinsames ‚Wir gegen die‘. Zum anderen erzeugt sie den Handlungsdruck, an diesem Wettbewerb um die neuesten Entwicklungen und Modelle wirksam mitzuwirken. Dadurch wird die Frage unmöglich gemacht, ob man die Entwicklung einer solchen Technologie mit weitreichenden Folgen als Wettbewerb verstehen sollte, in dem alles dem Prinzip der Schnelligkeit und Profitabilität von Entwicklungen und Innovationen untergeordnet wird. In diesem Strang wird Handlungsdruck auf Unternehmen aufgebaut. 

2. Diskursstrang: KI als neue Phase der Geschichte

Künstliche Intelligenz wird zweitens in eine Linie gestellt mit bisherigen gesellschaftlichen Transformationen durch neue Technologien. Mit Bezügen zur Industrialisierung wird ein Vergleich hergestellt: So prägend wie die Industrialisierung wird auch die Verwendung von KI sein. Und das betrifft sowohl die Art und Weise wie wir arbeiten, aber auch wie Gesellschaft aufgebaut ist. Damit wird dieser Technologie zum einen eine unglaublich große Bedeutung zugeschrieben. Zum anderen sind es technikdeterministische Argumente: An dieser Entwicklung führe kein Weg vorbei. Diese Transformation geschehe unabhängig davon, wie man dazu steht. Dadurch wird unsichtbar gemacht, dass es gesellschaftliche Gestaltungsspielräume gibt, wie zukünftige Arten und Weisen des Arbeitens mit bzw. ohne KI aussehen sollen. In diesem Strang wird also der Eindruck von Unvermeidbarkeit erzeugt. 

3. Diskursstrang: KI als einzigartige Chance für Oberösterreich

Der Diskurs zu KI in Oberösterreich zeichnet sich drittens dadurch aus, dass Oberösterreich als historisch und aktuell noch immer stark industrialisierte Region gesehen wird. Dies biete eine einmalige Chance im schon angesprochenen KI-Wettrennen: Die USA sind führend bei generativen KI-Anwendungen wie ChatGPT. Oberösterreich könne aufgrund seiner Verknüpfung von wissenschaftlicher Expertise und industrieller Exzellenz weltweit führend bei KI-Anwendungen in der Industrie sein. Auch hier wird KI in ein gemeinsames ‚Wir‘ eingefügt. Oberösterreich könne vor allem mit seiner industriellen Ausprägung einen Trumpf ausspielen, den andere Regionen nicht unbedingt haben. Daran geknüpft ist jedoch eine Handlungsaufforderung: Dafür müsse man auch offen für die Anwendung von KI-Systemen in Betrieben sein. Und man müsse vor allem auch die lokal vorhandene Expertise von KI-Anbieter-Unternehmen beziehen. Entweder man handelt jetzt oder die Chance wird vertan. 

Im KI-Diskurs fehlt die Arbeitswelt als zentrale Perspektive 

Die Analyse zeigt auch eine deutliche Schieflage: In der medialen Debatte dominieren wirtschaftliche Akteur:innen, technologische Expert:innen und Teile der Politik. Arbeitnehmer:innen, ihre Vertretungen und arbeitspolitische Perspektiven sind hingegen in der absoluten Minderheit. 

Ängste vor Arbeitsplatzverlust, algorithmischer Kontrolle oder Diskriminierung sowie steigender Leistungsdruck werden häufig individualisiert. Wer Sorgen hat, soll sich weiterbilden, ausprobieren, anpassen. Strukturelle Fragen – etwa nach Mitbestimmung, Machtkonzentration oder sozialer Absicherung – geraten in den Hintergrund. 

Das ECHO-Prinzip 

Was es also benötigt, ist ein „ECHO“ aus der Arbeitswelt – die Stimme der Arbeitnehmer:innen muss Teil des Diskurses über Künstliche Intelligenz sein.  

E – Einbinden: Beschäftigte und ihre Vertretungen müssen von Beginn an aktiv in die Entwicklung, Einführung und Bewertung von KI-Systemen einbezogen werden. 

C – Chancen prüfen: Die Potenziale von KI sind systematisch daraufhin zu prüfen, ob sie tatsächlich zu besseren Arbeitsbedingungen, höherer Qualität und mehr Handlungsspielraum führen. 

H – Hinterfragen: Auswirkungen auf Arbeitsbelastung, Kontrolle, Datenschutz, Qualifikationsanforderungen und betriebliche Machtverhältnisse müssen kritisch analysiert werden. 

O – Orientierung geben: Klare rechtliche Rahmenbedingungen, transparente Prozesse und ein gesicherter Zugang zu Weiterbildung schaffen Sicherheit und Vertrauen im technologischen Wandel. 

Ein echtes Echo aus der Arbeitswelt entsteht dort, wo Beteiligung strukturell verankert ist: durch die systematische Einbindung von Betriebsräten, Gewerkschaften und der Belegschaft, durch die Verknüpfung staatlicher Förderungen mit Mitbestimmung, durch Kooperationen mit wissenschaftlichen Institutionen und durch eine verbindliche Qualifizierungsoffensive. 

Fazit

KI kann Arbeitsprozesse erleichtern, monotone Tätigkeiten reduzieren und neue Möglichkeiten eröffnen. Sie kann aber auch Kontrolle verdichten, Druck erhöhen und Ungleichheiten verstärken. Welche Richtung sie einschlägt, ist keine technische, sondern eine gesellschaftliche Frage. 

Eine demokratische Technologiepolitik braucht mehr als Wettbewerbsrhetorik und Standortlogik. Sie braucht die Perspektive jener im Diskurs, die täglich mit den Systemen arbeiten. Oder anders gesagt: Wenn KI die Arbeitswelt verändert, dann müssen auch die Beschäftigten in der KI-Debatte hörbar sein. 

Denn ohne ECHO aus der Arbeitswelt droht aus technologischem Fortschritt soziale Entfremdung zu werden. Mit ECHO hingegen kann KI zu einem Instrument werden, das Arbeitnehmer:innen stärkt – statt ersetzt. 

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