Seit jeher geht mit technologischen Innovationen die Frage einher, inwieweit sich diese auf Beschäftigung und Arbeitslosigkeit auswirken. Waren es früher der Kopierer, der Computer und der Industrieroboter, so sind es nun die Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz (KI), die im Zentrum der Diskussionen stehen. Viele argumentieren, dass durch den Einsatz von KI in den Arbeitsprozessen eine große Anzahl an Jobs verloren gehen wird. Viele andere halten dagegen, dass durch den Einsatz von KI viele Arbeitsplätze aufgrund effizienterer Arbeitsprozesse profitieren werden und dadurch positive Aspekte überwiegen. Eine Analyse liefert eine erste Grobeinschätzung für den Wiener Arbeitsmarkt.
Künstliche Intelligenz und der Arbeitsmarkt
Im Juni 2025 verkündete Amazon, dass das Unternehmen in Zukunft weniger Arbeitskräfte aufgrund des Einsatzes von Künstlicher Intelligenz (KI) in den Arbeitsprozessen benötigen wird. Auch bei anderen Tech-Riesen scheinen sich die Einsatzmöglichkeiten von KI bereits in den Beschäftigungserwartungen bemerkbar zu machen. Da die Anwendungsdichte von KI bei Unternehmen (insbesondere in Europa) jedoch noch überschaubar ist und viele Unternehmen sich erst am Anfang der KI-Implementierungsphase befinden, sind die Möglichkeiten zur empirischen Erfassung der Beschäftigungseffekte noch eingeschränkt. KI dürfte sich aber bereits auf die aktuelle Beschäftigung von Programmierer:innen und Autor:innen in der Werbe- und Entertainmentbranche ausgewirkt haben. In Analysen werden aufgrund der Datenlage zumeist Simulationen durchgeführt, die mögliche Gesamteffekte von KI auf den Arbeitsmarkt aufzeigen. Bisherige Simulationsergebnisse zeigen jedoch kein eindeutiges Bild, inwieweit KI auf Beschäftigung und Arbeitslosigkeit in Summe wirken wird.
In einer Analyse der MA 23 – Wirtschaft, Arbeit und Statistik wurden nun erstmalig mögliche Effekte von (generativer) KI auf den Wiener Arbeitsmarkt abgeschätzt. Neben Befragungsdaten des Ad-hoc-Moduls der Mikrozensus-Arbeitskräfteerhebung für den Wiener Arbeitsmarkt wurden auch spezifische KI-Indikatoren aus der wissenschaftlichen Literatur auf Berufsebene verwendet und mit dem Datensatz der Mikrozensus-Arbeitskräfteerhebung verknüpft. Die Analyseergebnisse stellen mögliche Effekte dar, die sich im Falle einer großflächigen Nutzung der KI bei Unternehmen im Zeitverlauf einstellen könnten.
Ein vorsichtiger Blick in die (Wiener) Glaskugel
Die Resultate der Analyse deuten darauf hin, dass Künstliche Intelligenz in Wien potenziell eine große Rolle am Wiener Arbeitsmarkt spielen könnte. In Wien werden mehr digitale Geräte im Job (rund 51 Prozent aller erwerbstätigen Personen in Wien im Alter zwischen 25 und 54 Jahren) verwendet als in den restlichen Bundesländern Österreichs (lediglich 37 Prozent), wodurch in Wien eine höhere Wahrscheinlichkeit besteht, im Job mit KI in Kontakt zu kommen.
Künstliche Intelligenz kann grundsätzlich auf zwei Wegen direkten Einfluss auf Jobs ausüben. Durch den Einsatz von KI besteht zum einen das Risiko, dass Tätigkeiten von KI übernommen und Arbeitskräfte womöglich freigesetzt werden (Substitutionseffekte). Bei rund einem Viertel der Jobs in Wien besteht das Potenzial, dass KI Arbeitsprozesse teilweise übernehmen könnte. Ein erhöhtes Risiko hierfür zeigt sich jedoch lediglich bei rund 7 Prozent, wobei insbesondere Bürokräfte, Sekretariatskräfte und Schalterbedienstete betroffen wären. Zum anderen könnten aber auch Produktivitätseffekte zustande kommen, da KI ergänzend in Arbeitsprozessen eingesetzt werden könnte. Aufgrund von effizienteren Arbeitsvorgängen können sich Arbeitskräfte stärker und länger auf ihre Kernarbeitsprozesse konzentrieren. Das Potenzial, von solchen Effekten zu profitieren, besteht in Wien bei rund 43 Prozent der Jobs. Bei ca. 7 Prozent kann von einem hohen Potenzial ausgegangen werden. Darunter fallen etwa Berufe wie Krankenpfleger:innen, Ärzt:innen, andere Gesundheitsberufe sowie Geschäftsführer:innen und Vorständ:innen. In den restlichen Bundesländern Österreichs ergeben sich für hohe Produktivitäts- und Substitutionspotenziale ähnliche Resultate. Demnach hat das höhere Potenzial in Wien, mit KI im Job in Kontakt zu kommen, nicht in höhere Substitutions- und Produktivitätseffekte gemündet.
Stärkere Auswirkungen bei Frauen, höheren Bildungsabschlüssen und höheren Anforderungsprofilen
Darüber hinaus wurde in der Analyse erfasst, welche Personengruppen am Wiener Arbeitsmarkt potenziell stärker von KI betroffen sein könnten. Frauen, Erwerbstätige mit höheren Bildungsabschlüssen und Personen in Jobs mit einem höheren Anforderungsprofil scheinen eher von Substitutions- und auch Produktivitätspotenzialen betroffen zu sein. Diese Ergebnisse decken sich mit dem Argument, dass bei KI das Potenzial besteht, insbesondere bei Arbeitsprozessen eingesetzt zu werden, die durch eine gewisse (kognitive) Komplexität gekennzeichnet sind und mit höher qualifizierten Arbeitskräften in Verbindung stehen. Frauen sind in Segmenten am Arbeitsmarkt überrepräsentiert, bei denen sich eher ein Kontakt mit KI ergibt, woraus sich schlussendlich höhere Potenziale ergeben.
Jobs, in denen eher Hilfstätigkeiten ausgeübt werden, scheinen weniger mit KI in Kontakt zu kommen. Das bedeutet, dass sowohl Substitutionspotenziale als auch Produktivitätspotenziale bei dieser Gruppe schwächer ausgeprägt sind.
Wie sind diese Ergebnisse einzuordnen?
Die Analyse deutet neben möglichen Jobrisiken durch KI insbesondere auch Produktivitätspotenziale am Wiener Arbeitsmarkt an. Produktivitätspotenziale gilt es durch entsprechende Rahmenbedingungen und Voraussetzungen (u. a. Förderung von digitalen Fertigkeiten) bestmöglich zu nutzen. Arbeitskräfte, die ihren Job aufgrund des Einsatzes von KI verlieren sollten, müssen unterstützt werden. Wirtschaftspolitisch gilt es hier Voraussetzungen zu schaffen (u. a. Ausbau von Qualifikationen), um den Einstieg in neue (wachsende) Berufsfelder zu ermöglichen.
Auf Basis der Analyseergebnisse sind jedoch starke Substitutions- und Produktivitätspotenziale nur bei einem vergleichsweise geringen Anteil der Jobs in Wien zu erwarten. Limitierte Potenziale für Veränderungen am Arbeitsmarkt lassen sich auch in Ergebnissen anderer Studien finden. Jedoch ist zu erwarten, dass die Leistungsmöglichkeiten von KI im Zeitverlauf weiter ausgebaut werden. Bereits in den letzten drei Jahren ließ sich ein beachtlicher Fortschritt bei der Übernahme von komplexeren und unstrukturierteren Prozessen durch KI feststellen. Im Jänner 2025 verlautbarte das KI-Unternehmen Anthropic, dass bis 2027 KI fast die vollständige Leistungsfähigkeit von Menschen besitzen wird. Dennoch ist zu bezweifeln, dass schlussendlich alle Tätigkeiten von KI übernommen werden können. Bestimmte Tätigkeiten bedürfen beispielsweise direkter sozialer Kontakte oder physischer Präsenz, bei anderen müssen externe Kontrollmechanismen bestehen und Verantwortungsbereiche klar definiert und zugewiesen sein.