Warum beteiligen sich Kolleg:innen mit Wurzeln im Ausland nicht oder kaum im Betriebsrat? Die im Auftrag der AK Wien erstellte Studie „Vom Ankommen zum Mitwirken“ untersucht, welche Faktoren dazu führen, dass Kolleg:innen ohne österreichische Staatsbürgerschaft in Betriebsräten unterrepräsentiert sind. Im Fokus stehen Struktur und Organisation von Betriebsräten in Branchen mit hohem Anteil an Arbeitnehmer:innen mit ausländischen Wurzeln. Die Ergebnisse zeigen: Gerade dort haben Betriebsräte für politische Bildung und demokratische Teilhabe eine zentrale Bedeutung.
Im Betriebsrat sind Arbeitnehmer:innen mit Migrationsbiografie deutlich unterrepräsentiert
Analysiert wurden sechs Branchen in Wien: Einzelhandel, Pflege und Reinigung mit einem hohen Frauenanteil bzw. Bau, Produktion und Zustellung mit einem hohen Männeranteil. In den sechs Branchen sind wienweit rund 208.000 Personen beschäftigt, davon sind 4.770 Betriebsrät:innen (BR). Etwas mehr als ein Viertel der BR hat Migrationshintergrund. Innerhalb der ausgewählten Branchen wurden mit 51 BR Fokusgruppen und Einzelinterviews durchgeführt.
Am besten organisiert sind die Branchen Produktion und Pflege. In beiden Wirtschaftszweigen kommt eine Betriebsrätin bzw. ein Betriebsrat auf rund 30 Beschäftigte. In der Zustellung beträgt dieses Verhältnis 1:38, im Einzelhandel 1:52. Am schlechtesten organisiert sind die Bau- und die Reinigungsbranche, mit einem Wert von 1:76 bzw. 1:78.
Im Vergleich zu ihrem Anteil an den Beschäftigten sind BR mit Migrationshintergrund in allen sechs Branchen unterrepräsentiert. Besonders deutlich zeigt sich das im Bau, bei den Zustelldiensten und im Einzelhandel. Während in der Baubranche 64 Prozent der Beschäftigten Migrationshintergrund haben, haben nur 23 Prozent der BR im Bau ausländische Wurzeln. In der Zustellung sind 74 Prozent der Beschäftigten migrantisch, aber nur 33 Prozent der BR in der Zustellung haben Migrationshintergrund. Für den Einzelhandel gilt: Während 61 Prozent der Beschäftigten Migrationshintergrund haben, gilt das nur für 24 Prozent der BR.
Gefragt werden
Betriebsrät:innen mit Migrationshintergrund sind inzwischen selbstverständlicher Teil der Arbeitnehmer:innenvertretung. Geht es allerdings nach dem Anteil der Beschäftigten, müssten es laut Studie doppelt so viele sein. Die Gründe fehlender Beteiligung sind laut Studienautor:innen folgendermaßen zusammenzufassen: Weniger gut abgesicherte Arbeitsverhältnisse und Aufenthaltsstatus, schwierige Anerkennung von Qualifikationen, Arbeit auf unteren Hierarchieebenen, Diskriminierung etc. Bei Frauen (mit und ohne Migrationshintergrund) kommen zudem Teilzeitarbeit und die schwierige Vereinbarkeit von Beruf und Familie besonders zum Tragen.
Der Großteil der Studienteilnehmer:innen beschreibt einen Nominierungsprozess, bei dem sie vom bestehenden Betriebsrat eingeladen wurden zu kandidieren. Einige BR mit ausländischen Wurzeln berichten, zur Mitarbeit eingeladen worden zu sein, um den Zugang des Betriebsrats zu den Kolleg:innen mit Migrationshintergrund zu verbessern. So z. B. eine Betriebsrätin mit Migrationshintergrund im Handel: „Sie sind an mich herangetreten, weil ich offen bin und mit den Leuten rede und mich auch was sagen traue.“
Die Motivation, die Einladung anzunehmen, lässt sich gemäß dem Studienergebnis in vier Gruppen zusammenfassen:
- Kolleg:innen zu unterstützen: vor allem jene, denen es schwerer fällt, ihre Anliegen selbst einzubringen.
- Arbeitsbedingungen verbessern: insbesondere dann, wenn arbeitsrechtliche Verstöße oder Überlastungen zum Alltag gehörten.
- Lern- und Entwicklungsmöglichkeiten nutzen: Speziell bei Tätigkeiten mit hohem Routineanteil und begrenzten Aufstiegsmöglichkeiten bietet die Betriebsratstätigkeit eine Perspektive für persönliche Entwicklung und sozialen Statusgewinn. Eine Studienteilnehmerin berichtet: „Die Leitung zeigt mehr Respekt, jetzt wo ich Betriebsrätin bin.“
- Mangel an Kolleg:innen, die sich im Betriebsrat engagieren wollen.
Deutlich seltener wurden die Teilnehmer:innen von sich aus aktiv. Dies geschah vor allem bei Betriebsratsgründungen, wegen systematischer Verstöße gegen das Arbeitsrecht und bei festgefahrenen Konflikten mit der Betriebsleitung.
Betriebsrat als Quelle politischer Bildung
Allen Studienteilnehmer:innen war es wichtig zu betonen, dass es für sie in ihrer Arbeit als BR keinen Unterschied macht und auch nicht machen darf, ob Kolleg:innen Wurzeln im Ausland haben oder nicht. Einigkeit besteht weiters darüber, dass Kolleg:innen mit Wurzeln im Ausland einen grundlegenden Informationsbedarf zu sämtlichen Fragen im Arbeitskontext und darüber hinaus haben. Die Studie zeigt, dass ihnen Arbeitnehmer:innenvertretungen und ihre Funktionen oft nicht bekannt sind. Auch über arbeitsrechtliche Rahmenbedingungen und ihre Rechte wissen sie seltener Bescheid. Vor diesem Hintergrund erhalten Betriebsrät:innen eine Bedeutung, die über ihre Rolle als betriebliche Interessenvertretung hinausgeht: Indem sie über das politische System und Beteiligungsmöglichkeiten informieren, sind sie eine bedeutende Ressource politischer Bildung im Betrieb. Auch bei behördlichen Angelegenheiten ist der Betriebsrat oftmals die erste Informationsquelle. Der Informationsbedarf ist vielfältig und reicht von aufenthaltsrechtlichen Fragen bis hin zur Unterstützung bei Anträgen an das Finanzamt oder die Pensionsversicherung.
Kolleg:innen zu erreichen wird immer schwieriger
Die an der Studie teilnehmenden BR berichten im Zusammenhang mit der Erreichbarkeit ihrer Belegschaft von zunehmenden Schwierigkeiten. Als Ursache werden Arbeitsverdichtung, veränderte Unternehmensstrukturen und -strategien (Standortspaltungen), Auslagerung von Tätigkeiten und der wachsende Anteil von Leiharbeit genannt. Die durchgeführten Interviews zeigen, dass Kolleg:innen mit nicht-österreichischen Wurzeln häufiger zögern, sich an den Betriebsrat, die Arbeiterkammer oder die Gewerkschaft zu wenden. Grund hierfür sind nicht nur geringe Rechtskenntnisse und Sprachbarrieren. Sie befürchten darüber hinaus negative Konsequenzen vonseiten der Arbeitgeber:innen, sollten diese erfahren, dass sie mit dem Betriebsrat in Kontakt getreten sind. Eine befragte Betriebsrätin beschreibt: „Oft gibt es welche, die wollen nicht einmal mit dem Betriebsrat gesehen werden, die haben so viel Angst.“ Diese Angst ist nicht unbegründet: Der Arbeitsplatzverlust ist oftmals mit dem Verlust des Aufenthaltsrechts verbunden.
Demokratiepolitischer Auftrag an Betriebsrät:innen und Gewerkschaften
Für Beschäftigte mit Wurzeln im Ausland ist der Betriebsrat eine von wenigen Möglichkeiten, sich in Österreich an demokratischen Prozessen zu beteiligen. Eine andere sind Arbeiterkammer-Wahlen. Jedoch bestehen auch hier Zugangshürden, denn Kolleg:innen mit Migrationshintergrund arbeiten seltener in organisierten Betrieben und sie sind seltener in Betriebsratsgremien vertreten. Damit sind sie für die Arbeiterkammern bei den Wahlen deutlich schwieriger zu erreichen. Das sorgt in weiterer Folge für eine niedrigere Wahlbeteiligung. Umso relevanter sind die Aus- und Weiterbildungsangebote von AK und ÖGB: Sie vermitteln den BR nicht nur das für ihre Arbeit notwendige Fachwissen, sondern eröffnen insbesondere jenen mit Migrationshintergrund Zugang zu bisher für sie nicht verfügbarem Systemwissen, beispielsweise, dass bei den Arbeiterkammer-Wahlen alle Kolleg:innen, unabhängig ihrer Staatsangehörigkeit, wahlberechtigt sind.
Mit ihrer Arbeit ermöglichen BR nicht nur die demokratische Teilhabe von Belegschaftsgruppen, die davon häufig ausgeschlossen sind. Dadurch stärken sie die kollektive Stimme der Arbeitnehmer:innen – in den Betrieben und darüber hinaus.
Die Studie macht deutlich, dass migrantische Kolleg:innen im Betriebsrat dringend gebraucht werden. Sie tragen dazu bei, dass BR auch für die Zukunft gut aufgestellt sind und ihre Belegschaft im Betrieb repräsentieren. Es ist also im Interesse der BR und Gewerkschaften, die Beteiligung migrantischer Kolleg:innen aktiv zu fördern. Es ist essenziell, dass sie die strukturellen Hindernisse abbauen und diese verlorenen Stimmen hörbar machen, um eine gerechte Mitbestimmung und stärkere demokratische Teilhabe zu gewährleisten.