E-Autos reduzieren Auspuffemissionen, doch sie erhöhen den Bedarf an kritischen Rohstoffen. Deren Abbau verursacht massive ökologische und soziale Schäden. Unsere Analyse zeigt, dass der Material- und Energiebedarf deutlich sinkt, wenn wir auf kleinere Fahrzeuge, weniger Neuzulassungen, Sharing und starke Öffis setzen – begleitet von guter Raumplanung.
E-Autos: Neben CO2-Ausstoß auch den Rohstoffbedarf in den Blick nehmen
Der Mobilitätssektor gilt als Problembereich der österreichischen Klimaschutzanstrengungen und E-Mobilität als die große Hoffnungsträgerin, um den CO2-Ausstoß zu senken. Ein bloßer Umstieg von Verbrennern auf elektrisch angetriebene Fahrzeuge greift aber zu kurz, weil ein wichtiger Aspekt ausgeblendet wird: Der ohnehin hohe Rohstoffbedarf für die Produktion von herkömmlichen Fahrzeugen wird durch E-Autos nochmals verstärkt. Karosserie und Fahrgestell bestehen weiterhin vor allem aus Aluminium und Eisen. Dazu kommen Lithium, Kobalt, Nickel, Mangan und Graphit für die Akkus, Seltene Erden für die Permanentmagneten der Elektromotoren sowie größere Mengen an Kupfer für den Motor, die Verkabelung und das Ladesystem. Die Folge: Der Druck, diese Rohstoffe abzubauen, nimmt in Ländern des Globalen Südens und in der europäischen Peripherie zu. Schon jetzt sind die negativen Auswirkungen auf Ökosysteme, Biodiversität und die Menschen vor Ort offensichtlich: Es kommt zu gravierenden Menschenrechtsverletzungen und Umweltschäden, wie Beispiele aus Brasilien, Serbien oder Madagaskar zeigen. Das „Rennen um kritische Rohstoffe“ der großen Wirtschaftsmächte ist bereits im Gange und erhöht auch geopolitische Spannungen (Stichwort: Grönland, Venezuela, Ukraine etc.).
Um eines klarzustellen: Wir wollen keinesfalls den Klimaschutz-Blockierer:innen das Wort reden, die weiterhin Verbrenner verkaufen und Klimaschutz vertagen wollen. Um solch einen Fehlschluss gar nicht erst aufkommen zu lassen, sei hier ebenso erwähnt: Auch die Förderung von Erdöl für all die Zapfsäulen der Welt hat massive negative Auswirkungen, wie sich z. B. im Amazonasgebiet oder in Uganda zeigt.
Wie Österreichs Pkw-Verkehr klimafreundlich und rohstoffleicht werden kann
In unserer Studie „Zukunft des Autoverkehrs in Österreich: Szenarien für den Ressourcenverbrauch“ haben wir untersucht, wie sich unterschiedliche Entwicklungen des Pkw-Verkehrs auf den Rohstoffbedarf bis im Jahr 2050 auswirken. In fünf Szenarien betrachten wir dafür Veränderungen im Mobilitätsverhalten, die Elektrifizierung der Fahrzeugflotte, Fahrzeuggrößen und Recyclingraten. Dabei fokussieren wir auf Rohstoffe, die für die Herstellung der Fahrzeuge und für die Stromproduktion bzw. das Betanken benötigt werden.
Die Ergebnisse zeigen: Durch die Elektrifizierung sinkt der gesamte Energie- und Rohstoffbedarf, insbesondere weil weniger Erdöl benötigt wird. Gleichzeitig steigt jedoch der Bedarf an neuen Rohstoffen wie beispielsweise Lithium. Im Referenzszenario, das aktuellen Trends folgt, werden bis 2050 zusätzlich rund 44.000 Tonnen Lithium benötigt. Bei einem starken E-Auto-Boom („Green Growth“) steigt der Bedarf auf 55.900 Tonnen, während Effizienzmaßnahmen wie kleinere, leichtere Fahrzeuge und höhere Recyclingraten ihn auf etwa 42.000 Tonnen reduzieren können. Im mit dem Ziel der Klimaneutralität 2040 kompatiblen Szenario „Transition 2040“, das auf eine rasche Elektrifizierung setzt, liegt der zusätzliche Lithiumbedarf bei rund 54.000 Tonnen.
Das sogenannte Suffizienz-Szenario zeigt hingegen, welches Potenzial in einer Kombination aus technischer Effizienz und verändertem Mobilitätsverhalten liegt: Sowohl Treibhausgasemissionen als auch der Rohstoffbedarf können deutlich stärker reduziert werden. Der zusätzliche Lithiumbedarf sinkt dabei auf rund 24.000 Tonnen – etwa die Hälfte im Vergleich zu den anderen Szenarien.
Leitplanken für eine global gerechte Mobilitätswende
Wie muss unser Mobilitätssystem umgestaltet werden, um uns auf einen klimafreundlichen und rohstoffsparsamen Kurs zu bringen?
- Es braucht einen globalen Blick und eine Gerechtigkeitsperspektive: Der Umstieg auf saubere Mobilitätsformen hier darf nicht auf Kosten von Menschen und Umwelt in anderen Erdteilen erfolgen. Ein neuer „Rohstoff-Kolonialismus“ und das Erklären von „Opferzonen“ zum ungehemmten Abbau von Rohstoffen sind unzulässig und stoßen auf Ablehnung in den Abbauregionen. Vielmehr muss eine Mobilitätswende global gedacht werden: Grundsätzlich soll jeder bzw. jede Erdenbürger:in gleichermaßen Zugang zu erschwinglicher und umweltfreundlicher Mobilität haben. Auch unser Rohstoffbedarf muss auf ein global gerechtes Maß sinken. Die österreichische Kreislaufwirtschaftsstrategie gibt zu Recht einen Materialfußabdruck von 7 Tonnen pro Jahr und Kopf als diesbezügliches Ziel aus.
- Gerechte Übergänge in der Auto(zuliefer)branche: Die Umbrüche in der Auto(zuliefer)industrie sind bereits sichtbar und die Sorge vor Arbeitsplatzverlust ist berechtigt. Das Wissen und die Fertigkeiten dieser Arbeitnehmer:innen werden aber auch für den Bau von z. B. modernen Zügen, Straßenbahnen, Bussen und anderen Mobilitätslösungen unverzichtbar sein. So hat beispielsweise die Eisenbahnen- und Gleisfertigung made in Austria großes volkswirtschaftliches Potenzial, wie eine Studie der Arbeiterkammer eindrücklich aufgezeigt hat. Es braucht ein politisches Bekenntnis, diesen anstehenden Umbau im Sinne der Arbeitnehmer:innen gerecht zu gestalten.
- Eine umfassende Mobilitätswende, nicht nur Elektrifizierung: Mit Blick auf den Rohstoffverbrauch leiten sich Maßnahmen ab, die aus Debatten rund um Klimaschutz und lebenswerte öffentliche Räume bereits bekannt sind. Dazu zählen u. a.:
- gut ausgebaute öffentliche Verkehrsmittel, die leistbar sind,
- sichere Fuß- und Radwege,
- weniger Autos insgesamt; die verbliebenen Fahrzeuge sind kleiner, langlebiger und damit auch wiederum leistbarer,
- Sharing-Modelle statt Privatbesitz von Pkw,
- Raumplanung der kurzen Wege, unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Mobilitätsbedürfnisse auf dem Land und in der Stadt.
- Kreislaufwirtschaft in der Verkehrsbranche: Mitbedenken von Reparatur und Recycling bereits beim Design von E-Autos. Dazu braucht es gesetzliche Vorgaben. Einen Schritt in die richtige Richtung stellt eine neue EU-Verordnung dar, die ein kreislauforientiertes Design von neuen Fahrzeugen vorschreibt und die Entsorgung von Altfahrzeugen strenger regelt. Für Österreich wurde von GLOBAL 2000 ein Vorschlag für ein ambitioniertes Kreislaufwirtschaftsgesetz vorgelegt.
- Für Rohstoffimporte müssen höchstmögliche menschenrechtliche und ökologische Standards angesetzt werden: Es geht nicht nur um die demokratiepolitisch höchst relevante Frage, ob Bergbau stattfindet, sondern vielfach auch darum, wie dieser erfolgt, welche Technologien eingesetzt werden, ob und wie die lokale Bevölkerung eingebunden und an den Erträgen beteiligt wird. Die Rechte und Territorien von traditionellen und indigenen Gemeinschaften müssen respektiert werden. Österreichs Beitrag kann hierzu unter anderem eine rasche und ambitionierte Umsetzung der EU-Lieferkettenrichtlinie CSDDD und die überfällige Ratifizierung des ILO-Übereinkommens 169 zum Schutz von indigenen Völkern sein.
Wir haben die Chance, die Transformation so zu gestalten, dass sie Abhängigkeiten reduziert, das Klima schützt und soziale Gerechtigkeit stärkt. Dafür müssen wir aber die Rohstofffrage von Anfang an mitdenken – und den Ressourcenverbrauch insgesamt in den Blick nehmen.
Die Autor:innen engagieren sich in verschiedenen Initiativen zum Thema Rohstoffe und Mobilität. Zuletzt haben sie im Projekt „Mobilität in der 7-Tonnen-Zukunft“ der AG ROHSTOFFE zusammengearbeitet, das von der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit und der Arbeiterkammer Wien finanziell unterstützt wurde. Darauf folgt aktuell das Projekt „Rohstoffe & Mobilität: Wege zur Gerechtigkeit“.