Ther­mischer Teufels­kreis der KI

16. September 2026

Während wir diesen Sommer historisches Niedrigwasser in Donau und Enns erleben, erbaut Google ein neues Rechenzentrum, das täglich so viel Wasser verwendet wie 40.000 Menschen. Rechenzentren und Klimakrise heizen sich gegenseitig auf. Dieser Beitrag diskutiert, wie dieser „thermische Teufelskreis der KI“ entsteht und warum der derzeitige massive Ausbau von hochskalierten Rechenzentren keine technisch notwendige, sondern vielmehr eine fragwürdige politische Entscheidung ist.  

„So schlimm wie 2026 war es noch nie“ – so betitelte Die Zeit ihre Recherche zum Niedrigwasser in Donau, Elbe und Rhein. Das betrifft nicht nur touristische Kreuzschifffahrten, sondern auch den industriellen Schiffsverkehr, wo Schiffe entweder gar nicht oder nur mit stark reduzierter Frachtmenge verkehren können. In Deutschland wird bereits mit einem Rückgang von 0,4 % des BIPs allein aufgrund des Niedrigwassers gerechnet. In Österreich sind derweil 90 Prozent der Grundwasser-Pegel niedrig bzw. sehr niedrig.

Natur als Ressource für die Industrie

Flüsse spielen aber noch eine weitere wesentliche Rolle für die Industrie: Sie werden für die Kühlung von Industrie- und Energieanlagen verwendet, so zum Beispiel für die Kühlung von Atomkraftwerken. Aufgrund des Niedrigstandes der Donau sprengte die rumänische Marine bereits kürzlich einen Felsen, um mehr Wasser zum Atomkraftwerk in Cernavoda zu leiten. Und in Ungarn musste das einzige AKW des Landes wegen der Unmöglichkeit der Kühlung bereits abgeschaltet werden. Die künstliche Vertiefung von Flüssen ist dabei nur eine kurzfristige Lösung, die langfristig sozial-ökologische Folgen verschärft: Wasser fließt dadurch schneller ab, wodurch natürliche Lebensräume beeinträchtigt werden, was zu vermehrter Algenbildung und einer weiteren Schwächung des Flussökosystems führt.

Auch die schöne Enns, ein südlicher Nebenfluss der Donau, führt derzeit Niedrigwasser. Die Situation sei aber laut einer Lokalzeitung „noch nicht besorgniserregend“. Das ist auch gut so, denn insgesamt 5,8 Millionen Liter Wasser aus der Enns sollen ab nächstem Jahr der Kühlung eines umstrittenen Großprojektes zur Verfügung stehen: dem neuen Google-Rechenzentrum. Eine solche Wassermenge entspricht umgerechnet etwa dem täglichen Wasserverbrauch von 40.000 Menschen und ist damit mehr als zehn Mal so viel als Menschen in Kronstorf selbst verbrauchen, denn dort leben gerade einmal 3.546 Menschen.

Thermischer Teufelskreis: kühle Rechenzentren, heiße Flüsse

Kühlen bedeutet immer, Hitze woanders hin zu mobilisieren. Im Fall des Google-Rechenzentrum in Kronstorf heißt das, dass das Flusswasser der Enns die Chips im KI-Hyperscaler kühlt und warmes Wasser wieder in den Fluss geleitet wird. Google darf laut wasserrechtlicher Bewilligung maximal 99 Liter und 30 Grad warmes Wasser pro Sekunde in den Fluss leiten. Eine Umweltverträglichkeitsprüfung gibt es bislang nicht, so eine der Kritiken der Bürger:inneninitiative Rechenzentrum Kronstorf.

Der thermische Teufelskreis beschränkt sich aber nicht auf die Kühlung von Rechenzentren, die die Umgebung erhitzen – sei es über Luft oder Wasser – auch die Kältemittel von Rechenzentren treiben die Erderwärmung weiter voran. Ein solcher Teufelskreis bezeichnet eine Situation, in der sich mehrere Faktoren gegenseitig negativ verstärken, sodass sich ein Problem immer weiter verschlimmert. Im Falle von Rechenzentren heißt das: Rechenzentren heizen ihre Umgebung bis zu 2 Grad auf und je heißer es wird, desto mehr Kühlung braucht es.

Rechenzentren als Transformationskonflikt

An Rechenzentren spitzen sich auch sogenannte „Transformationskonflikte“ zu: Konflikte, die sowohl in konkurrierenden Vorstellungen, Interessen und materiellen Bedingungen wurzeln als auch in den Verteilungsfolgen spezifischer technologischer Entwicklungen. Denn Rechenzentren sind auch eine geopolitische Frage: Wer Rechenzentren baut, verteilt auch knappe Ressourcen um und entscheidet darüber, wem und wofür Energie, Wasser oder Land zur Verfügung stehen. Ein Rechenzentrum mit Ökostrom ändert wenig daran, wer über diese Verteilungsverhältnisse verfügt. Rechenzentren extraktivieren neben Wasser und Energie auch große Mengen an anderen Stofflichkeiten und Infrastrukturen: Zugang zum Stromnetz, Wärmenetz, Glasfasernetz, Halbleiter, Kühlmittel und kritische Rohstoffe – dies wird als Infrastrukturextraktivismus bezeichnet.  

Diese Stofflichkeiten verschwinden auch nicht, wenn Hardware ausgedient hat: Server, Netzteile und Kühltechnik werden in kurzen Zyklen ersetzt und landen als Elektroschrott in einem der am schnellsten wachsenden Abfallströme überhaupt. Einer Studie der UN-Universität zufolge könnte allein die KI-Infrastruktur bis 2030 jährlich bis zu 2,5 Millionen Tonnen Elektroschrott produzieren. Recycling allein wird das Problem nicht lösen, denn die Rückgewinnung hinkt der steigenden Produktion hinterher und bleibt an Marktlogiken gebunden. Erst Suffizienz, d. h. weniger und langlebigere Geräte statt effizienterer Entsorgung, setzt bei den Ursachen an. Für Rechenzentren hieße das die Verlängerung von Nutzungsdauer und die Wiederverwertung von Prozessoren, Chips oder Kältemitteln.

Transformationskonflikte in Österreich 

In Österreich gibt es derzeit 50 Rechenzentren. Neben Googles KI-Rechenzentrum in Kronstorf sind weitere KI-Rechenzentren von „Big Tech“ in Planung. Ein Beispiel ist Microsofts Bau von drei KI-Hyperscalern (Rechenzentren mit der Möglichkeit zur horizontalen Skalierung von Rechenleistung werden „Hyperscaler“ genannt) in Niederösterreich, welches laut der aktuellen Regierung zur „Cloud Region“ Österreichs werden soll. Zudem will die US-Firma Digital Realty einen Hyperscaler in Wien bauen.

Ein weiterer zentraler Widerspruch: Rechenzentren mit erneuerbarer Energie zu versorgen – wie laut Bundes-Energieeffizienzgesetz festgeschrieben ist – ist nicht möglich, denn diese Energiemengen gibt es derzeit gar nicht.  Der Energiebedarf von Rechenzentren wird sich weltweit in den nächsten fünf Jahren verdoppeln. Laut Austrian Power Grid wird der Strombedarf des Google-Rechenzentrums in Kronstorf im Vollausbau jenem von rund 900.000 Haushalten entsprechen – mehr, als in ganz Oberösterreich mit seinen knapp 676.000 Haushalten verbraucht wird. Gleichzeitig ist die österreichische Produktion von Wasserkraft von 2024 auf 2025 um 25 % zurückgegangen. 

Rechenzentrumsbetreiber setzen deswegen zunehmend auf Power Purchase Agreements (PPAs). Dies sind langfristige Lieferverträge mit einzelnen Wind- oder Solarparks. Sie sichern „grünen“ Strom für ein einzelnes Rechenzentrum. Zusätzliche erneuerbare Kapazität im Netz entsteht dadurch aber nicht automatisch. Sichern sich Rechenzentren die Ökostrom-Kapazitäten über PPAs, kann das den Ausbau erneuerbarer Energie für Industrie oder Haushalte sogar erschweren. Der gesetzlich verordnete grüne Betrieb einzelner Rechenzentren löst das strukturelle Problem daher nicht. 

Fragwürdige politische Entscheidungen  

Als Gegenleistung für Wasser, Strom und Fläche versprechen Politik und Betreiber:innen Wertschöpfung und Jobs. Niederösterreichs Landeshauptfrau Mikl-Leitner zufolge soll der Bau von Microsofts KI-Hyperscaler zu 2.800 Arbeitsplätzen führen. Allerdings spricht die von Mikl-Leitner zitierte Studie von EcoAustria von höchstens 100 Arbeitsplätzen pro Rechenzentrum – und stützt sich dabei auf Zahlen des Bitkom, also des deutschen Lobbyvereins der IT-Wirtschaft, die auch noch deutlich zu hoch angesetzt sind. Schätzungen des Hamm Institute for American Energy der Oklahoma State University zufolge braucht ein KI-Hyperscaler mit 100 Megawatt im Betrieb nur etwa 20 bis 30 Beschäftigte. 

Und die Arbeitsplätze, die beim Bau entstehen, sind nicht automatisch gute Arbeitsplätze: Im März dieses Jahres stellte die Finanzpolizei im Bau des Google-Hyperscalers in Kronstorf insgesamt 26 Verstöße bei beauftragten Subfirmen fest – von illegaler Beschäftigung bis zu möglichem Lohn- und Sozialdumping. Danach wurde der Ausbau vorübergehend gestoppt.  

Arbeitnehmer:innenvertretungen sollten deswegen bereits in der Planungs- und Bauphase eingebunden werden, um Informations- und Unterstützungsstrukturen anbieten zu können. Ebenso muss es mehr Unterstützungsstrukturen für Anwohner:innen und Aufklärung zu Energie- und Wasserverbrauch, Strompreiserhöhung, Abwärmenutzung, Lärmschutz und Flächenversiegelung geben.  

Fazit  

Dass Rechenzentren heute so geplant und gebaut werden, wie sie es werden, ist kein Sachzwang. Dahinter steckt die Logik, Opportunitätskosten in die Zukunft zu verschieben. Dabei würden die meisten spezialisierten und kleinen KI-Modelle, etwa in der Medizin, gar keine Hyperscaler brauchen – schätzungsweise 80 % aller Daten in Rechenzentren werden überhaupt nicht genutzt. Gleichzeitig ist klar: Unsere Handys und Laptops sind nur deshalb so leicht, schlank und schnell, weil unsere Dateien und Programme in der Cloud liegen und wir das Internet ständig verfügbar haben wollen. Umso wichtiger ist es, einen Weg zu finden, der nicht in Rückzug oder Resignation mündet – und damit die Verantwortung in andere Länder oder Regionen verschiebt –, sondern der die Bedingungen digitaler Infrastruktur in Österreich und Europa mitgestaltbar macht. Die Debatte um digitale Souveränität in Zusammenhang mit Rechenzentren in Österreich sollte sich deshalb folgenden Fragen widmen: Wer profitiert von Rechenzentren? Wer trägt die Kosten? Wie viel Rechenleistung ist gesellschaftlich und ökologisch vertretbar? Wie können Rechenzentren entwickelt werden, damit sie für Mensch und Natur verträglich sind? Unter welchen Bedingungen, zu wessen Nutzen und mit welchen Auflagen Rechenzentren entstehen, muss eine demokratische Aushandlung sein und nicht, wie es derzeit oft der Fall ist, vor allem eine Entscheidung von Konzernen.

Bei diesem Beitrag handelt es sich um eine Zusammenfassung von Beiträgen aus dem „Journal für Entwicklungspolitik“ Volume XXXXII, und des Interviews zu Rechenzentren mit Miriam Fahimi.

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Weitere Konflikte und Strategien diskutieren Miriam Fahimi, Lina Schmid, Jakob Scherer und Patrick Mokre bei der Veranstaltung „Sozial-ökologische Techpolitik. Linke Kämpfe und progressive Strategien" am 6. Oktober um 18.00 Uhr in der FAKTory, moderiert von Nora Krenmayr.