Wo eine neue Straße gebaut, ein Betriebsstandort erweitert oder ein Windpark errichtet werden soll, sind Konflikte vorprogrammiert. Neue Infrastrukturen verändern das gewohnte Lebensumfeld. Aktuell sorgen vor allem Windkraftstandorte für hitzige Diskussionen. Doch wie gelingt es, neue Infrastrukturen mit breiter gesellschaftlicher Zustimmung umzusetzen? Die Antwort ist klar: nicht durch Wegducken. Es braucht Dialog, politische Klarheit und echte Beteiligungsmöglichkeiten.
Konflikte als Chance, nicht als Störung
Die Energiewende ist kein rein technisches Projekt. Es geht auch um Mitbestimmung und gerechte Teilhabe: Wer profitiert von neuen Infrastrukturen? Wer wird in die Planung einbezogen? Wer zahlt, wer gewinnt? Konflikte sind in diesem Kontext unvermeidbar. So äußern etwa Anwohner:innen von Windkraftprojekten konkrete Sorgen. Dazu gehören Eingriffe in das Landschaftsbild, mögliche Lärmbelästigungen oder negative Auswirkungen auf die Natur. Demgegenüber stehen Befürworter:innen lokaler Wertschöpfung, regionaler Energieunabhängigkeit und Klimaschutz.
Partizipation wirkt
Wer solche Auseinandersetzungen pauschal als Hindernis versteht, verpasst die Möglichkeit partizipativer Meinungsfindung. Denn Kontroversen können auch genutzt werden, um Legitimität von Infrastrukturen herzustellen. Das zeigt etwa der langwierige Planungsprozess der Mühlviertler Schnellstraße S10 in Oberösterreich, eines der größten Infrastrukturvorhaben der Region in den letzten Jahrzehnten. Von der ersten Trassenpräsentation im Jahr 2000 bis zum Baustart des ersten Streckenabschnittes vergingen neun Jahre. Der letzte Streckenabschnitt ging 2023 in Bau. Über Jahre stimmten sich die staatliche Autobahnen- und Schnellstraßen-Finanzierungs-AG ASFINAG und das Land Oberösterreich mit den Standortgemeinden ab. Elf Bürger:inneninitiativen wurden zudem eingebunden und deren Bedenken zu Lärm, Sichtbeeinträchtigung und Umweltfolgen ernst genommen. Die Grundsatzentscheidung über das Projekt wurde nicht verhandelt, doch bei der Festlegung begleitender Schutzmaßnahmen bestand Möglichkeit für Mitgestaltung. Sogar ein externer Konfliktmediator unterstützte den Prozess. Das Ergebnis? Kein Projekt ohne Kritik, aber eines mit hoher lokaler Akzeptanz. So eine Herangehensweise braucht es auch in der Energiewende.
Zieht sich die Landesebene zurück, stehen Gemeinden allein da
Die Bundesländer gehen sehr unterschiedlich mit dem Ausbau erneuerbarer Energien um. In Oberösterreich etwa nimmt die Landesebene eine sehr passive Rolle ein. Problematisch sind hier die aktuell vorgelegten „Beschleunigungsgebiete“ für Windkraft- und Photovoltaikanlagen. Laut Bericht der Strategischen Umweltprüfung hat die Landesverwaltung diese nicht mit den betroffenen Standortgemeinden abgestimmt. Gleichzeitig soll ein Drittel der Landesfläche pauschal zur Ausschlusszone für Windenergie erklärt werden, ohne nachvollziehbare Begründung. Das führt zu massiver Unsicherheit bei Gemeinden und ihren Bürger:innen. Denn: Fehlende lokale Abstimmung schürt Misstrauen gegenüber Behörden und Planungsverfahren. Zudem blockieren großflächige Ausschlusszonen Entwicklungschancen vor Ort. Und schließlich stehen Gemeinden bei Verhandlungen mit Investor:innen allein da. Sie sollen Bedenken ihrer Bürger:innen auffangen und bearbeiten, ohne ausreichende personelle oder finanzielle Kapazitäten. Ein solches Vorgehen ist Nährboden für Frust und Polarisierung.
Von Infrastrukturen muss man „was haben“
Ein zentraler Punkt: Wenn die Bevölkerung neue Infrastrukturen im gewohnten Lebensumfeld akzeptieren soll, muss sie auch davon profitieren. Im oberösterreichischen Munderfing ist das gelungen. Der dortige Windpark wurde 2014 in Betrieb genommen. Ursprünglich entstand die Idee aus einem Bürger:innenbeteiligungsprozess in der Gemeinde Anfang der 2000er Jahre. Seitens der Gemeindebürger:innen besteht heute eine hohe Zustimmung zum Windpark. Ein Grund dafür: 75 Prozent des Windparks befinden sich im Besitz der Gemeinde. Einnahmen fließen zurück in die Gemeindekasse und finanzieren lokale Projekte. Die Wertschöpfung bleibt vor Ort.
Inklusive Planungsverfahren für Windkraftflächen
Dass solche Beispiele in Oberösterreich die Ausnahme bleiben, liegt an der fehlenden Strategie der Landesebene. Im Burgenland funktioniert es anders. Seit 2002 setzt man dort auf inklusive Planungsverfahren für Windkraftflächen. Das heißt, Eignungszonen werden in gemeinsamen Prozessen zwischen Behörden, Raumplaner:innen, der Landesumweltanwaltschaft und Umweltschutzorganisationen erarbeitet – bei Bedarf ergänzt durch Vertreter:innen der Landesregierung, Gemeinden und Betreiber:innen. Die Studie „Erfolgsfaktoren für Umweltverfahren: Beispiele aus der Praxis“ (ÖKOBÜRO/Allianz der Umweltbewegung) betont besonders den Aufbau einer Vertrauensbeziehung zwischen den Beteiligten im Burgenland. Obwohl beispielsweise Ausschlusszonen für Windkraft rechtlich anfangs unverbindlich blieben, wurden diese bis heute nicht angetastet. Das Land tritt damit als verlässliches Gegenüber in der Energiewende auf. Zusätzlich fördert die Burgenland Energie die Akzeptanz der Infrastrukturen etwa über die Energiegemeinschaft „Fanclub Burgenland Energieunabhängig“ mit langfristig garantierten Strompreisen.
Drei Hebel für die Akzeptanz von Energie-Infrastrukturen
1. Landesebene als verlässliche Partnerin
Konflikte um Energie-Infrastrukturen finden an konkreten Orten statt, können aber dort allein nicht gelöst werden. Es braucht überregional klare rechtliche und planerische Rahmenbedingungen. Besonders die Landesebene muss als verlässliche Partnerin auftreten, die als Gegenüber im Dialog steht.
2. Faire Kostenverteilung und Preise sind notwendig
In einem Energiesystem, das Kosten extrem ungleich verteilt, ist faire wirtschaftliche Teilhabe ein zentraler Baustein für Legitimität. Kosten für erforderliche Netzerweiterungen dürfen nicht auf die Allgemeinheit abgewälzt werden. Großverbraucher müssen sich angemessen an Infrastrukturkosten beteiligen. Zudem ist die Erschwinglichkeit des Strompreises für alle ein Schlüssel für Akzeptanz.
3. Partizipation muss echte Mitsprache sein
Es reicht nicht, Bürger:innen lediglich am Ende einer Infrastrukturplanung zu informieren. Entscheidend ist, dass sie ihre Interessen und Bedenken frühzeitig in Planungsprozesse einbringen können, um gemeinsam Lösungen zu erarbeiten. Dafür braucht es Vertrauen, Zeit, personelle und finanzielle Ressourcen in der Verwaltung – und vor allem die Bereitschaft, politische Verantwortung zu übernehmen. Auf kommunaler Ebene allein ist das nicht zu stemmen.
Infrastrukturen der Energiewende sind Orte, an denen sich Macht, Gerechtigkeit und Zukunftsvorstellungen messen lassen. Wer Konflikte ignoriert, bremst die Transformation. Entscheidend sind mutige politische Rahmenbedingungen, Vertrauen und echte Beteiligung.
Eine längere Version dieses Artikels ist hier erschienen.