Klimapolitik als Klassen­frage

17. April 2026

Die politische Unterstützung für ambitionierte Klimapolitik bröckelt. In Europa werden Dekarbonisierungsziele abgeschwächt und wichtige Maßnahmen offen infrage gestellt. Die öffentliche Einstellung zu Klimapolitik unterscheidet sich jedoch entlang von Klassenlagen und wird stark von der Arbeitsrealität der Menschen beeinflusst.

Vom Unsicherheitsgefühl zum „Klimarealismus“

In Rahmen unserer Forschung, in der wir knapp 200 Personen in Österreich, Spanien, Norwegen und der Slowakei in Interviews und Gruppendiskussionen befragt haben, begegnen wir einem weit verbreiteten Gefühl der Unsicherheit. Sie richtet sich weniger auf den Klimawandel selbst als auf den gesellschaftlichen Umgang mit ihm. Viele Menschen zweifeln, ob individuelle Verhaltensänderungen – weniger Auto fahren, weniger fliegen, weniger Fleisch essen, gewissenhafter Müll trennen – oder auch die Dekarbonisierung der Wirtschaft tatsächlich funktionieren und umsetzbar sind.

Aus dieser Unsicherheit entsteht tendenziell der Ruf nach „Realismus“. Niemand möchte angesichts der Klimakrise als naiv gelten; ein nüchterner, maßvoller Zugang wird eingefordert. Doch der Eindruck, dass hier ein gemeinsames Vernunftprinzip angerufen wird, täuscht. Unsere Forschung zeigt, dass Klimarealismus je nach Klassenhintergrund nämlich sehr unterschiedliche Formen annehmen kann.

Alltagspragmatismus

Facharbeiter:innen, die typischerweise in technische Arbeitslogiken eingebunden sind, sehen ökologische Überlegungen tendenziell im Kontext anderer, den Alltag bestimmender Zwänge. Der Klimawandel wird von vielen ernst genommen. Er wirkt sich durchaus auf Entscheidungen aus – etwa darauf, das Auto seltener zu nutzen –, ist aber selten der ausschlaggebende Faktor. Wenn finanzielle Belastungen und Zeitmangel den Alltag bestimmen, hat deren Bewältigung Vorrang.

Manche beschreiben die Unsicherheit als Überforderung: Man stehe „vor einem riesigen Berg“, „probiere es eh“, komme aber schnell drauf, „dass das nicht so einfach ist“, so ein Facharbeiter aus dem Bereich Musikinstrumentenbau. Entsprechend verbreitet ist Skepsis gegenüber der Individualisierung von Verantwortung: „Das bisschen, was ich tun kann, hilft eh nicht.“ Dort, wo klimafreundliche Optionen als zu teuer erscheinen, wird Klimapolitik direkt als Frage ökonomischer Ungleichheit gelesen. Das E-Auto sei „für unsere Schicht“ schlicht nicht leistbar.

Hinzu kommt das Gefühl, dass die gesellschaftliche Klimadebatte von anderen geführt wird, dass Vorgaben und Regelungen von außen kommen, ohne dass sich jemand für die eigene Meinung interessiert. Facharbeiter:innen mit begrenzter Autonomie im Arbeitsalltag erleben hier ein durchaus vertrautes Gefühl, außen vor zu bleiben. Im Konsumbereich, einem der wenigen Felder wahrgenommener Freiheit, stößt der Eindruck aufgezwungener Klimapolitik daher auf Widerstand. Abgelehnt wird dabei weniger das Ziel als der Stil: ein als von oben herab belehrend empfundener Ton. Wie es ein Metallarbeiter in Bezug auf den Aktivismus von Greta Thunberg formuliert: „Da habʼ ich mir gedacht, damit lasst ihr mich in Ruhe“, denn „da fängt vor den Kameras das Weinen an“. Thunbergs Vorgehen sei „zu dramatisch“, sie mache ein „Tamtam“. Aktivismus erscheint in dieser Perspektive als effekthascherisch und manipulativ. Stattdessen wird ein Vorgehen mit „Maß und Ziel“ eingefordert. Klimarealismus zeigt sich hier als pragmatischer Alltagsrealismus, orientiert an spürbaren Konsequenzen im eigenen Alltag.

Zudem wird eine stark empfundene Distanz zur Politik deutlich. Wenn Politik als „gekauft“ wahrgenommen wird, Politiker:innen „Hampelmänner von der Großindustrie“ sind, dann erscheinen sie unfähig, sich der Klimakrise anzunehmen. Sich für politischen Veränderungswillen zu begeistern, ist unter diesen Voraussetzungen naiv.

Moralischer Imperativ und politische Hoffnung

Anders stellt sich das Problem für soziokulturelle Professionals dar, also für Personen mit akademischer Ausbildung, die vorwiegend mit Menschen in relationaler Arbeitslogik arbeiten, zum Beispiel Pädagog:innen, Kommunikationsexpert:innen oder Therapeut:innen. Von ihnen wird das Thema als besonders dringlich wahrgenommen. Die Klimakatastrophe findet im Hier und Jetzt statt, sie ist kein fernes Zukunftsszenario. Wie es ein Arzt formuliert: Das „Damoklesschwert hängt über uns“, deswegen stehen alle in der Pflicht, zu handeln. „Weil jeder kleine Step zählt“, so eine Teamkoordinatorin aus der Wintersportbranche.

Aus dieser Perspektive sind grundlegende Änderungen im individuellen Verhalten notwendig. Bildung und ein innerer Wandel – das „Aufwachen“ – gelten als zentral, zumal die Fakten ja längst auf dem Tisch liegen. Angst und Pessimismus sind präsent, Zynismus und Fatalismus jedoch tabu, denn ein Funken Hoffnung auf Besserung muss bleiben. Viele beschreiben, wie sie diesen Anspruch im eigenen Alltag umzusetzen versuchen: weniger fliegen, mehr Zug fahren, Solaranlagen zu Hause installieren, beim Konsum auf Regionalität und Verpackungsmaterialien achten. Verzicht erscheint dabei nicht nur als Verlust, sondern teils auch als Bereicherung. Nachhaltigkeit wird als Wert an sich verfolgt; ökonomische Überlegungen spielen eine Rolle, bleiben aber, zumindest in Erzählungen über den Alltag, dem Ökologischen untergeordnet.

Doch auch in dieser Gruppe finden sich Unsicherheit und Enttäuschung, verbunden mit dem Wunsch nach einem nüchternen Blick. Viele sind der Meinung, dass die Betonung von individuellem Verzicht Grenzen hat. Das zeigt sich teils als selbstkritische Reflexion – man habe selbst „keinen Heiligenschein“. Zugleich richtet sich die Kritik gegen die Individualisierung des Problems: Klimaschutz lasse sich nicht privat lösen, sondern erfordert kollektives Handeln. Entsprechend größer ist hier auch die Sympathie für Klimaaktivismus. Die Konsequenz dieses Klimarealismus ist daher tendenziell ein verstärktes Einfordern von Politik: die Notwendigkeit, das Problem an der Wurzel zu packen, die Verknüpfungen mit anderen sozialen Fragen, Macht und Ungleichheiten zu verstehen, um die Blockaden zu durchdringen.

„Ökologisierung geht über den Schlüssel Ökonomisierung“

Die Wahrnehmung von Manager:innen ist von einer organisationalen Arbeitslogik geprägt: dem Denken in Systemen, Prozessen, Steuerung und Umsetzbarkeit. Dass der Klimawandel ein „Horrorszenario“ darstellt, steht dabei kaum infrage. Aber Wandel muss gestaltet und effizient umgesetzt werden – und das bedeutet vor allem kosteneffizient. Ein Hotelmanager bringt es auf den Punkt: „Ökologisierung geht über den Schlüssel Ökonomisierung.“ Eine Leitungskraft im Gesundheitsbereich formuliert in Bezug auf umweltpolitische Vorgaben in ihrem Betrieb: „Wir müssen das natürlich alles durchrechnen.“

Vor diesem Hintergrund wird vor allem die europäische Klimapolitik, insbesondere der Green Deal mit seinen Berichtspflichten, als „Überregulierung“ kritisiert. Ökologische Vorgaben werden dann zuweilen als überflüssig betrachtet; manche verweisen darauf, dass ihre Betriebe ohnehin intrinsisch nachhaltig wirtschaften. Regulierung erscheint als eine Form irrationaler Steuerung, die Marktdynamiken im Keim erstickt. Bürokratie hemme nicht nur, sie „vernichte“ sogar, so eine Hotelmanagerin. Klimarealismus äußert sich hier vor allem als scharfe Kritik an politischem Handeln, sobald es als Eingriff in ökonomische Gesetzmäßigkeiten wahrgenommen wird. Abgelehnt werden Maßnahmen, die als „symbolisch“ gelten – darunter auch viele Formen des Klimaaktivismus. Gefordert werden stattdessen „realistische“ Lösungen, die sich effizient umsetzen lassen.

Charakteristisch ist die Abwehr von „Naivität“: Politik muss über Anreize wirken und sich in messbaren Ergebnissen zeigen, während kollektives Handeln im Sinne des Klimabewusstseins zuweilen als ideologisch, als das Werk von „Moralaposteln“ gesehen wird.

Wenn Klimarealismus politisch mobilisiert wird

Diese unterschiedlichen Formen von Klimarealismus müssen wir ernst nehmen, denn derzeit mobilisieren verschiedene politische Akteure, darunter auch Rechtsextreme, im „Namen der Vernunft“ gegen Klimapolitik. Unsere Interviews und Fokusgruppen zeigen eine scheinbare Nähe zwischen unterschiedlichen Gruppen: Der Realismus der Managerperspektive scheint mit dem Alltagspragmatismus von Facharbeiter:innen zu korrespondieren. Wenn Manager:innen Klimapolitik als „naiv“ kritisieren, finden sich Facharbeiter:innen darin auf einer affektiven Ebene wieder. Allerdings gehen die materiellen Interessen klar auseinander. Was nämlich Facharbeiter:innen als Klimarealismus verhandeln – wie die Herausforderungen steigender Energiepreise im Alltag oder das Angewiesensein aufs Auto –, ist materiell etwas anderes als der Klimarealismus von Manager:innen, der sich an betrieblichen Kalkülen und Investitionsentscheidungen orientiert. Während es Manager:innen um die Begrenzung von Markteingriffen geht, können genau solche ökosozialen Regulierungen für Facharbeiter:innen zentrale Vorteile haben, zum Beispiel durch die Stärkung von Arbeits- und Gesundheitsschutz.

Auffällig ist, dass dieser Realismus fast ausschließlich die Kosten von Klimapolitik thematisiert, nicht aber die ökonomischen Folgen von unterlassenem Handeln. Diese sind jedoch längst sichtbar, zum Beispiel in steigenden Preisen für Energie und Lebensmittel.

Wird Klimarealismus politisch als Antwort auf diffuse Verunsicherung in Stellung gebracht, geraten dabei reale gesellschaftliche Interessengegensätze aus dem Blick. Denn was den politikskeptischen Klimarealismus zusammenschweißt, ist nicht ein gemeinsames sachliches Anliegen, sondern eine geteilte emotionale Haltung: die Abwehr gefühlter Bevormundung und die Zurückweisung von Positionen, die als naiv oder moralisch aufgeladen wahrgenommen werden. Weil diese Verbindung über Gefühle und Plausibilitäten funktioniert, ist sie politisch besonders wirksam. Im aktuellen Backlash gegen progressive Klimapolitik zeigt sich das deutlich.

Deshalb kommt es darauf an, die sozialen Grundlagen von Klimapolitik in den Blick zu nehmen.

Unsere Forschung wurde im Rahmen des EU Horizon Projekts CIDAPE, www.cidape.eu (Grant Nr. 101132327) durchgeführt. Wir danken unseren Kooperationspartnern vom ifz Salzburg.

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