Wer mehr Produkti­vität will, muss die Beschäf­tigten fördern

09. Juli 2026

Wie können heimische Betriebe ihre Produktivität weiter steigern? Besonders mit stärkerer Einbindung der Beschäftigten sowie Fort- und Weiterbildung, zeigt das neue Strukturwandelbarometer von AK und ÖGB. Die Produktivität ist trotz Krisen mittelfristig seit 2019 gestiegen, nicht zuletzt durch höhere Arbeitsintensität und mehr Arbeitsdruck.

Fast 1.500 Betriebsrät:innen befragt

Im Rahmen des Strukturwandelbarometers des Instituts für empirische Sozialforschung (IFES) im Auftrag von AK Wien und dem Österreichischen Gewerkschaftsbund (ÖGB) werden Betriebsratsvorsitzende österreichischer Unternehmen neben den Themen Arbeitsdruck und wirtschaftliche Lage des Betriebs zu einem Schwerpunktthema befragt. Für die aktuelle Ausgabe wurde das Thema Produktivität als Schwerpunkt gewählt. Die Antworten von 1.495 Betriebsratsvorsitzenden brachten dabei neue Erkenntnisse, wie die Entwicklung der Produktivität in Österreichs Betrieben eingeschätzt wird und weiter verbessert werden kann. Die Produktivität ist dabei definiert, wie viel Arbeitsergebnisse (Wertschöpfung) in einer Arbeitsstunde geschaffen werden, zum Beispiel durch die Zahl produzierter Waren pro Arbeitsstunde in einem Industriebetrieb, die Zahl an Beratungen in einem Büro oder die Zahl der betreuten Personen pro Beschäftigten in einer sozialen Dienstleistung.

Produktivität nimmt mittelfristig zu

Besonders in den Branchen Eisen/Metall/Elektro, Chemie/Kunststoff/Pharma sowie sonstigen Industrien bestätigen die Betriebsrät:innen die große Bedeutung des Themas Produktivität für ihren Betrieb. Mehr als die Hälfte der Befragten gab an, dass die Produktivität in ihrem Betrieb gestiegen sei, etwa ein Viertel bewertete sie als gleichbleibend. Die Vertreter:innen aus dem Geld- und Versicherungswesen schätzten die Entwicklung als besonders gut ein, was mit der positiven Ertragsentwicklung der letzten Jahre zusammenhängen dürfte. Diese Ergebnisse bestätigen die mittelfristige Entwicklung der Produktivität in Österreich seit 2019, die trotz Rezession in den Jahren 2023–2024 um 3,5 Prozent gestiegen ist (eigene Berechnungen auf Basis von Daten von WIFO und Statistik Austria).

Verlässlichkeit und Qualität als Vorteile

Im Vergleich zu ihren Konkurrenzunternehmen bewertet rund ein Drittel der Befragten die Produktivitätsentwicklung als gleich gut. Ein weiteres Drittel sieht das eigene Unternehmen sogar im Vorteil. Nur knapp ein Fünftel meint, dass die Produktivität bei der Konkurrenz stärker gestiegen ist.

In den Branchen Eisen/Metall/Elektro gaben mehr als 80 Prozent der Betriebsratsvorsitzenden an, mit Unternehmen außerhalb Europas zu konkurrieren. Gleichzeitig sind dies auch die Betriebe, die im Vergleich geringfügig schwächere wahrgenommene Produktivitätszuwächse gegenüber der Konkurrenz wahrnahmen. Unternehmen mit Wettbewerbern in Österreich und der EU – und damit die Mehrheit – sehen ihren Betrieb tendenziell im Vorteil. Dabei wurden vor allem die Verlässlichkeit sowie die Qualität der Produkte als Vorteile der Betriebe gegenüber ihrer Konkurrenz genannt.

Beschäftigte fördern statt unter Druck setzen

Wie können die Betriebe nun ihre Produktivität weiter steigern? Als zentrale Hebel sieht die Mehrheit der Betriebsratsvorsitzenden Prozessoptimierungen, die Einbindung von Mitarbeiter:innen sowie Weiterbildungen bzw. Qualifizierungen. Digitalisierungsmaßnahmen werden von gut 40 Prozent der Befragten ebenfalls als wichtige Maßnahme zur Produktivitätssteigerung gesehen. Allerdings sind all diese Maßnahmen laut Befragung in den meisten Betrieben nur teilweise umgesetzt. Daraus ist zu erkennen, dass sich viele Unternehmen in einem laufenden Transformationsprozess befinden und Steigerungen der Produktivität schrittweise erzielt werden und nicht durch einen strukturellen Eingriff.


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Andererseits gaben die Befragten an, dass Produktivitätssteigerungen oftmals mit negativen Auswirkungen auf die Arbeitsbedingungen einhergehen. Steigender Arbeitsdruck, Arbeitsverdichtung sowie gesundheitsbezogene Indikatoren – Krankenstände oder der Druck, in der Freizeit oder im Krankenstand arbeiten zu müssen – nahmen in der Wahrnehmung der Befragten ebenfalls zu.

Arbeitskräftenachfrage bleibt trotz schwieriger Wirtschaftslage hoch

Fast zwei Drittel der befragten Betriebsratsvorsitzenden berichten von starken Schwierigkeiten ihrer Betriebe, die benötigten Arbeitskräfte zu finden. Besonders Betriebsratsvorsitzende in den Branchen Bauwesen sowie Verkehr und Transport berichten oft von derartigen Herausforderungen. Damit ist die Nachfrage nach Arbeitskräften trotz der aktuell schwierigen wirtschaftlichen Lage ein zentrales strukturelles Thema, und zwar branchenübergreifend.

Als häufigste Ursachen für die Schwierigkeiten der Betriebe, Arbeitskräfte zu finden, geben 53 Prozent der Betriebsratsvorsitzenden an, dass es zu wenige Fachkräfte gebe. 45 Prozent begründen die Schwierigkeiten mit Pensionierungen und Kündigungen. Ein knappes Drittel der Befragten macht die vorsichtige Personalpolitik des Unternehmens während der letzten beiden Rezessionsjahre (mit-)verantwortlich.

Unternehmen schließen einige Gruppen vorschnell aus

Trotz der Schwierigkeiten vieler Betriebe, Arbeitskräfte zu finden, ist die Bereitschaft, Personen mit erschwerten Arbeitsmarktchancen einzustellen, eher zurückhaltend. Unterschiede zeigen sich je nach Personengruppe und Art der Einschränkung oder Lebenssituation: Die Hälfte der Befragten berichten von einer hohen Bereitschaft ihrer Betriebe, Personen einzustellen, die nur Teilzeit arbeiten. Auch gegenüber Personen mit Betreuungspflichten von Kindern oder älteren Angehörigen besteht in diesem Zusammenhang eine hohe Akzeptanz.

Im Gegensatz dazu geben lediglich 21 Prozent der Befragten an, dass ihre Betriebe eine hohe Bereitschaft haben, gesundheitlich beeinträchtigte Personen zu beschäftigen. Auch Personen, die länger arbeitslos sind, begegnet man in den Betrieben eher reserviert.

Fazit: Auf die Beschäftigten kommt es an

Die Ergebnisse des Strukturwandelbarometers zeigen, dass das Produktivitätswachstum in den vergangenen Jahren stark mit Erhöhung der Arbeitsintensität und des Arbeitsdrucks einherging – weitere Produktivitätsgewinne durch Mehrbelastung der Mitarbeiter:innen stoßen damit an ihre Grenzen. Wettbewerbsfähigkeit und Produktivitätswachstum sind in erster Linie Fragen der Qualität und des Know-hows. Eine Perspektive, die nur auf die Kostenentwicklung achtet, ist deshalb verkürzt. Maßnahmen zur nachhaltigen Steigerung der Produktivität müssen deshalb stärker als bisher auf Qualifikation sowie gesundheitsrelevante und partizipative Ansätze setzen und die Arbeitnehmer:innen als essenzielle Ressource auf diesem Weg begreifen:

  • Weiterbildung und Qualifizierung sind zentrale Faktoren zur Produktivitätssteigerung. Unternehmen müssen stärker in die Ausbildung ihres Personals investieren, um den Bedarf an qualifiziertem Personal zu decken.
  • Gesundheitsförderung und Prävention sind grundlegende Voraussetzungen für die langfristige Produktivität von Arbeitnehmer:innen. Übermäßige Arbeitsverdichtung und Arbeitsdruck bergen die Gefahr von weiteren negativen Entwicklungen bei Krankenständen und Ausfällen, welche die Basis für langfristiges Wachstum der Produktivität untergraben.
  • Beschäftigte stärker einbinden: Die Mitarbeiter:innen verfügen über ein hohes Maß an Kompetenz und Wissen über die Abläufe und Verbesserungspotenziale von Produktivität in ihren Arbeitsgebieten. Es ist von essenzieller Bedeutung, die Expertise der Beschäftigten zur Verbesserung von Prozessen und Produktivität stärker zu nutzen.
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