Ungarn hat sich zu einem bedeutenden globalen Produktionsstandort für Lithium-Ionen-Batterien für Elektrofahrzeuge entwickelt. Die ungarische Batterieindustrie ist aber auch ein Paradebeispiel für die Spaltung zwischen Arbeiter:innengruppen. Die Arbeiter:innen gehören zu drei Gruppen mit unterschiedlichen Interessen und Arbeitsbedingungen. Diese Spaltung, ebenso wie der Ausbau des Industriezweigs, stellt auch Gewerkschaften in Ungarn vor neue Herausforderungen.
Ungarn als wichtiger Standort in der Batterieindustrie
„Wenn es eine Batteriefabrik neben der Autofabrik gibt, wird es Arbeit in der Autofabrik geben. Wenn es sie nicht gibt, wird sie geschlossen“, gab der Ministerpräsident Viktor Orbán die Marschrichtung für die aktuelle Industriepolitik in Ungarn vor. Das Zitat beschreibt, wie im Zuge der Transformation zur Elektromobilität ein neuer Wettbewerb zwischen alten Standorten der Autoindustrie entsteht, und zugleich die Annahme, dass Arbeitsplätze durch eine aktive, unternehmensfreundliche Politik gesichert werden können. Die Durchsetzung dieser Vision hat zur Folge, dass Ungarn mittlerweile zum zweitgrößten Hersteller von Lithium-Ionen-Akkumulatoren in der Europäischen Union geworden ist.
Die Standortvorteile des Landes sowie eine aktive Industriepolitik erklären den Aufschwung. Die ungarischen Batteriefabriken liegen in räumlicher Nähe zu europäischen Produktionsstandorten von Elektroautos. Das Lohnniveau ist im europäischen Vergleich niedrig. Die Investor:innen in der Batterielieferkette erhielten staatliche Subventionen in Höhe mehrerer Milliarden Euro. Zudem gibt es kaum industriepolitische Befürchtungen in Ungarn – im Gegensatz zu vielen Ländern in der Europäischen Union –, dass chinesische Firmen in strategische Branchen investieren. Die Prämisse dahinter lautet, dass Verbindungen mit mehreren Zentrumregionen der Weltwirtschaft, darunter China, Vorteile für die ungarische Wirtschaft bringen.
Das Ergebnis ist eine Brückenposition: chinesische und südkoreanische Batteriefabriken in Ungarn verbinden asiatische Batteriehersteller mit europäischen Elektroautoherstellern. Die Branche boomte zwischen 2019 und 2024 und neue Gigafactories werden die Produktion in den nächsten Jahren starten. Doch wie sieht die Realität aus der Arbeiter:innenperspektive aus?
Fragmentierung der Arbeiter:innen im Sektor
Die Beiträge der Schwerpunktausgabe „Multiscalar Uneven Development and the Socio-Spatial Fragmentation of Labour“ des Journals für Entwicklungspolitik zeigen, dass Dynamiken des heutigen Kapitalismus zu einer verschärften Fragmentierung der Arbeit führen. Diese Fragmentierung ist ein gesellschaftliches und ein geografisches Phänomen. Einzelne Arbeiter:innen-Gruppen in verschiedenen Ländern, Regionen, Branchen, teilweise auch im selben Betrieb weisen unterschiedliche Arbeitsverhältnisse und Arbeitsbedingungen auf. Diese Unterschiede beeinflussen die Solidarität unter den Arbeiter:innen sowie den Spielraum für kollektives Handeln.
Die Batterieindustrie in Ungarn ist ein Paradebeispiel dafür, wie Spaltungen zwischen Arbeiter:innengruppen reproduziert und verschärft werden. Es entstanden drei unterschiedliche Arbeiter:innengruppen:
- die Stammbelegschaft,
- die ungarischen Leiharbeiter:innen und
- die ausländischen Leiharbeiter:innen.
Zwar ist eine solche Aufteilung der drei Arbeiter:innengruppen auch in anderen Branchen zu beobachten, doch zeigt die Batterieindustrie als neuer Industriezweig diese Spaltungen besonders deutlich.
Stammbelegschaft: dennoch prekär
Die Stammbelegschaft wird vielfach als eine idealisierte Gruppe dargestellt, in der gute Löhne, beste Arbeitsbedingungen und stabile Arbeitsplätze vorherrschen. Tatsächlich ist in der ungarischen Batteriebranche jedoch auch die Stammbelegschaft als prekäre Gruppe einzuordnen, welche in einigen Fabriken nicht mal die Hälfte der Arbeitskräfte in den letzten Jahren ausmachte.
Die Stabilität der Arbeitsplätze ist durch die globalen Schwankungen der Branche gefährdet. Die Krise der Branche in den letzten zwei Jahren verdeutlicht, dass „grüne Jobs“ nicht unbedingt sichere Jobs sind. Die Stammbelegschaft in den ungarischen Gigafactories ist auch teilweise entlassen worden. Die Ursache ist die abnehmende Nachfrage der europäischen Autoindustrie.
Die nationalen Regelungen prekarisieren die Arbeit weiter. Überstunden mit bis zu 400 Stunden pro Jahr sowie eine erweiterte Nutzung des Arbeitszeitkontos ermöglichen den Unternehmen, Schwankungen der Produktion flexibel aufzufangen. Dies führt zu Erschöpfung und Überausbeutung auch der Stammbelegschaft.
Außerdem ist die Stammbelegschaft, ebenso wie die anderen zwei Gruppen, bezüglich des Arbeitsschutzes stark gefährdet. Über Belastungen durch giftige Substanzen, wie Schwermetalle und Lösungsmittel, Brände und Arbeitsunfälle wurde von verschiedenen Fabriken der Batterielieferkette in Ungarn berichtet.
Ungarische Leiharbeitskräfte: temporär und prekär
Leiharbeit ist kein neues Phänomen auf dem ungarischen Arbeitsmarkt. Während die verarbeitende Industrie 750.000 Beschäftigte im Jahr 2023 verzeichnete, waren zusätzliche 174.000 Menschen als Leiharbeiter:innen eingesetzt.
Leiharbeit kam in der ungarischen Batteriebranche während des Booms stark zum Einsatz. Beispielsweise geht aus dem Finanzbericht 2023 von Samsung SDI Hungary hervor, dass der Anteil der Leiharbeit 42 Prozent der Summe aller Lohnkosten ausmachte. Während der Krise 2024/25 sind aber mehrere Tausend Leiharbeitskräfte im Sektor entlassen worden. Diese Anzahl ist hoch, verglichen mit dem Höchststand der Stammbelegschaft von etwa 8.000 Personen Anfang 2024.
Da es sich bei den meisten Jobs im Fertigungsbereich – wie zum Beispiel bei der Fahrzeugmontage – um unqualifizierte Tätigkeiten handelt, können Leiharbeitskräfte relativ einfach eingesetzt werden. Als Nebeneffekt tritt Deskilling auf, d.h. qualifizierte Personen finden sich immer mehr in Jobs, in denen ihre Kompetenzen und Fähigkeiten eigentlich obsolet sind, und die deshalb unterbezahlt werden.
Nach den ungarischen Gesetzen verdienen Leiharbeiter:innen dieselben Löhne wie die Stammbelegschaft. Oftmals erhalten sie aber Zusatzleistungen, wie die Bereitstellung einer Unterkunft. Obwohl das teilweise bedeutet, dass ohne Wohnkosten mehr Nettogehalt verbleibt, steigt aber die Abhängigkeit von der Leiharbeitsfirma enorm. Darüber hinaus sind Leiharbeiter:innen bei Schwankungen in der Produktion leichter zu entlassen.
Ausländische Leiharbeitskräfte: ungeschützt
Seit Mitte der 2010er Jahre sind viele Branchen, Jobs und Regionen in Ungarn vom Arbeitskräftemangel geprägt. Aufgrund der Alterung der Gesellschaft nimmt die Zahl der Personen im erwerbsfähigen Alter ab; zugleich fehlen aktive arbeitsmarktpolitische Instrumente, die den Arbeitskräftemangel verringern könnten.Die ungarische Industrie ist deshalb zunehmend auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen. In den ungarischen Batteriefabriken fanden mehrere hundert Menschen unter anderem aus der Ukraine, den Philippinen, Vietnam und Kirgisistan eine Anstellung. 2019 waren zum Beispiel in der Fabrik von Samsung SDI 52 Prozent der Arbeitskräfte ungarisch, 44 Prozent ukrainisch.
Ab Januar 2024 trat ein neues Einwanderungsgesetz in Kraft, um die Arbeitsnachfrage zu decken. Die neue Kategorie der „Gastarbeiter:innen“ wurde für nicht-EU-Bürger:innen eingeführt, die in Ungarn arbeiten wollen. Die Bedingungen sind sehr restriktiv: keine Niederlassungserlaubnis, obligatorische Heimkehr nach drei Jahren, kein Familiennachzug. Die Aufenthaltserlaubnis ist an den Arbeitgeber gebunden, was ausschließt, dass man den Arbeitsplatz wechseln kann. Die Unterkunft ist auch meistens von den Leiharbeitsfirmen organisiert, was zu einer erhöhten Abhängigkeit führt.
Außerdem verdienen ausländische Leiharbeitskräfte oft mehr als die Stammbelegschaft, trotz gleich hohen Stundenlohns. Der Grund dafür ist, dass sie ohne Familien in Ungarn eine höhere Bereitschaft zu Überstunden und Zusatzschichten zeigen. Deshalb sind ausländische Arbeiter:innen trotz zusätzlicher Kosten, wie die Profite der Leiharbeitsfirmen und die Zurverfügungstellung einer Unterkunft, „produktiver“ als die Stammbelegschaft. Außerdem bedeutet die Abhängigkeit der ausländischen Arbeiter:innen von den Leiharbeitsfirmen, dass die Fluktuationsrate niedriger ist: ein Vorteil für die Batterieunternehmen.
Chancen und Hindernisse der Gewerkschaftsorganisierung
Die Batterieindustrie ist für die Gewerkschaften in Ungarn neues Terrain. Die Herausforderungen aus Gewerkschaftsperspektive sind vielseitig.
- Die Zuständigkeiten der Gewerkschaften sind nicht eindeutig: Zwar liefert die Batterieindustrie an die Autoindustrie, wesentlich ähnelt der Arbeitsprozess aber der chemischen Industrie. Die Elektronikindustrie ist auch ein wichtiger Bestandteil der Batterielieferkette.
- Die Gewerkschaften haben wenig Erfahrung mit der Organisierung in Unternehmen mit chinesischen und koreanischen Eigentümern. Einige Unternehmen sind gewerkschaftsfeindlich, bei anderen kann die Gewerkschaft mit dem Management über Löhne und Arbeitsbedingungen verhandeln. Betriebsrat und Arbeitsschutzausschuss sind entweder nicht vorhanden oder nicht in das tägliche Management der Unternehmen eingebunden.
- Leiharbeitskräfte sind laut ungarischem Arbeitsrecht bei den Leiharbeitsfirmen zu organisieren. Gewerkschaften in den Fabriken können nicht die Löhne und den Kollektivvertrag der Leiharbeitskräfte aushandeln. Interessenunterschiede verhindern vielmals auch, dass die Gewerkschaft die Leiharbeitskräfte effektiv vertritt. Zum Beispiel ist die Stammbelegschaft bestrebt, die Arbeitsbedingungen langfristig zu verbessern, während Leiharbeitskräfte mit befristeten Verträgen eher kurzfristige Vorteile bevorzugen.
- Bisherige Kenntnisse aus der Autoindustrie und der chemischen Industrie reichen nicht aus, die gesundheitsgefährdenden Risiken des Arbeitsprozesses einzuschätzen. Ein transnationaler Lernprozess und Wissensaustausch sind unverzichtbar. Ungarn, mit mehreren existierenden Batteriefabriken bietet Einsichten für andere Länder, wo diese Branche vor dem Ausbau steht.
Nichtsdestotrotz bietet der Aufschwung der ungarische Batterieindustrie mehrere Möglichkeiten für ein Neudenken der Gewerkschaftsarbeit.
- Eine transnationale Lieferkette bietet neue Allianzen auf der transnationalen Ebene, vom Abbau der Rohstoffe bis zur Montage der Elektroautos. Sich entlang der Lieferketten zu organisieren ist deshalb fester Bestandteil neuer Gewerkschaftsstrategien in der Branche, trotz einiger Fragezeichen.
- Europäische und nationale Lieferkettengesetze bieten neue Möglichkeiten zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen, wo Gewerkschaften mit dem Monitoring der Arbeitsbedingungen einen wichtigen Beitrag leisten können.
- Die Batterieindustrie ist Teil des heutigen Strukturwandels. Dieser muss arbeitsmarktpolitisch gerecht erfolgen, mitbestimmt von Gewerkschaften und anderen Stakeholdern. Dazu ist eine globale Perspektive einzunehmen, mitsamt einem Fokus auf Ungerechtigkeit innerhalb der Europäischen Union. Die Entwicklungen in Ungarn zeigen auf, dass ein gerechter Strukturwandel alles andere als selbstverständlich ist.
Dieser Beitrag basiert auf einem Artikel in der Schwerpunktausgabe „Multiscalar Uneven Development and the Socio-Spatial Fragmentation of Labour“ des Journals für Entwicklungspolitik2025/1 (herausgegeben von Stefanie Hürtgen, Nicolas Schlitz und Nadine Reis). Die Schwerpunktausgabe untersucht erstens, wie der Kapitalismus räumliche Ungleichheiten schafft und nutzt, um Arbeiter:innen zu spalten und stärker auszubeuten. Zweitens analysieren die Beiträge, wie diese Spaltungen durch das Handeln der Arbeiter:innen beeinflusst werden. Alle Artikel des Hefts sind onlinefrei zugänglich.