Die Strukturen und Institutionen der Weltwirtschaft stecken in der Krise. Geopolitische Verschiebungen, die Fragmentierung von Handels- und Finanzstrukturen, unzureichende Klimafinanzierung und andauernde globale Ungleichheiten schwächen eine Ordnung, die ohnehin nie gerecht war. Auf der Suche nach Alternativen halten die Auseinandersetzungen um eine neue Weltwirtschaftsordnung der 1970er Jahre wichtige Lehren für die Krisen unserer Zeit bereit.
Die NIEO: Ursprünge, Scheitern und Vermächtnis
Eine neue Weltwirtschaftsordnung, „A New International Economic Order“ (NIEO), war das Ziel einer Erklärung, welche die Vereinten Nationen 1974 verabschiedeten. Die Initiative spiegelte die wirtschaftlichen Probleme wider, die Länder wie Indonesien, Tansania und Chile nach ihrer Unabhängigkeit vorfanden. Stark schwankende Rohstoffpreise, Importabhängigkeit, Überschuldung, Währungskrisen u. a. zementierten postkoloniale Ungleichheiten. Im Zentrum der NIEO standen daher Ansätze zur Stärkung der wirtschaftlichen Souveränität der Entwicklungsländer.
Die Themen sind teils hochaktuell, etwa Rohstoffpreise und -kartelle, Spielräume für Industriepolitik oder die Machtverhältnisse in internationalen Institutionen. Der Widerstand entwickelter Länder, insbesondere der Vereinigten Staaten, sowie der Aufstieg des Neoliberalismus und die Schuldenkrise der 1980er Jahre brachten das Projekt der NIEO jedoch zum Stillstand. Die neue Weltwirtschaftsordnung wurde nicht kooperativ, sondern neoliberal. Trotz ihrer Defizite und ihres Scheiterns markierte die NIEO einen politischen Moment, in dem Entwicklungsländer gemeinsam eine alternative Vision der Weltwirtschaft entwarfen, die auf Gleichheit, Souveränität und Solidarität statt auf ungleichem Austausch beruhte.
Die drei Säulen einer neuen Weltwirtschaftsordnung
Die NIEO entwarf eine Vision globaler Gerechtigkeit, die auf drei miteinander verwobenen Prinzipien beruhte: geteilte Verantwortung für globale Ressourcen, wirtschaftliche Souveränität des Globalen Südens und demokratische Kontrolle über internationale Finanzinstitutionen. Diese Dimensionen können auch heute das strukturelle Gerüst für eine neue Weltwirtschaftsordnung bilden.
1. Die Commons und internationale Kooperation
Nach dem Zweiten Weltkrieg und während der Dekolonisierung stellte sich die zentrale Frage, wie globale Ressourcen und Räume gerecht verwaltet und vor imperialer Aneignung und Ausbeutung geschützt werden können. Völkerrechtler:innen beriefen sich auf das Gemeinschaftsinteresse und das Konzept des gemeinsamen Erbes der Menschheit, das gemeinsame Ressourcen nicht nationalem Eigeninteresse, sondern kollektiver Verantwortung unterstellen sollte. Doch das geltende Völkerrecht entwickelte sich überwiegend im Interesse kapitalexportierender Staaten.
Wer heute nach Alternativen zu Privatisierung und Vermarktlichung sucht, steht vor ähnlichen Fragen. Das Konzept der Commons bietet dabei eine Grundlage für internationale Kooperation jenseits von Kapitalakkumulation. Dafür bedarf es Institutionen, die gemeinsame Ressourcen vor Privatisierung schützen und kollektive über nationale Interessen stellen.
2. Dekolonisierung globaler Governance
Die gegenwärtige globale Governance priorisiert Kapitalinteressen gegenüber dem Schutz von Gemeingütern. Das zeigt sich in den Regelungen zu geistigen Eigentumsrechten im Rahmen der Welthandelsorganisation (WTO) sowie im sogenannten „Green Grabbing“ im Kontext des Pariser Klimaabkommens, wo sich Akteure unter dem Deckmantel des Klimaschutzes lokale Landflächen für CO₂-Kompensationsprojekte aneignen. Als Alternative braucht es eine demokratische und verbindliche Governance globaler Gemeingüter wie des Klimasystems, lebenswichtiger Ökosysteme und der Biodiversität, die das Prinzip des „gemeinsamen Erbes der Menschheit“ ausweitet und lokale Gemeinschaften stärker einbindet.
Demokratisierung allein reicht für die Veränderung imperial-kapitalistischer Strukturen nicht aus; sie müssen grundlegend transformiert werden. Weiterhin bleibt Rohstoffabhängigkeit ein zentrales Hindernis für wirtschaftliche Autonomie im Globalen Süden. Ihre Überwindung erfordert Technologietransfer, Industriepolitik und regionale Kooperation. Zugleich untergraben militärische Interventionen und Stellvertreterkonflikte globale Sicherheit. Starke Friedensbewegungen und unabhängige Medien sind daher entscheidend.
3. Reform der globalen Finanzordnung
Die NIEO der 1970er kritisierte den Internationalen Währungsfonds und die Weltbank als Instrumente westlicher Hegemonie. Sie prangerte insbesondere die kapitalgewichteten Stimmrechte in internationalen Institutionen, die ungleiche Verteilung der Lasten globaler Krisen sowie die strukturelle Verschuldungsabhängigkeit der Entwicklungsländer an. Als Alternative forderte sie eine Demokratisierung internationaler Finanzinstitutionen, eine gerechtere Verteilung globaler Liquidität und umfassende Schuldenerlässe.
Nachdem die Reform gescheitert war, verfolgten die Entwicklungsländer Strategien kollektiver Unabhängigkeit. Dazu gehörten eigene Institutionen, Süd-Süd-Finanzflüsse und alternative Zahlungssysteme wie multilaterale Clearing-Mechanismen. Gleichzeitig verstärkte die neoliberale Globalisierung die Dominanz westlicher Leitwährungen und das hierarchische Finanzsystem. Die stärkere Integration in globale Kapitalmärkte erhöhte die Anfälligkeit von Entwicklungsländern gegenüber externen Schocks, wie etwa der Volcker-Schock 1979 zeigte. Auch heute machen tiefe Integration und spekulative Blasen in Krypto oder Künstliche Intelligenz das Finanzsystem fragil. Um Unabhängigkeit und Krisenfestigkeit zu stärken, sollten Staaten daher heute erneut nationale sowie kollektive Formen der Unabhängigkeit verfolgen, etwa durch den Ausbau inländischer produktiver Kapazitäten, das Senken externer Abhängigkeit, stärkere lokale Kreditaufnahme und monetäre Souveränität.
Die Akteure einer neuen globalen Ordnung
Visionen einer neuen Weltwirtschaftsordnung erfordern handlungsfähige Akteure. Die meisten Blicke richten sich dabei derzeit auf den BRICS+-Block (Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika und weitere Schwellenländer), der Widerstandsfähigkeit gegenüber wirtschaftlichen und geopolitischen Schocks anstrebt, Multipolarität und De-Dollarisierung fördert und neue globale Produktionsnetzwerke gestaltet. Die politische Wirkung der BRICS+ bleibt jedoch begrenzt, da eine gemeinsame Vertretung der Interessen des Globalen Südens fehlt und bestehende Mechanismen wie das Contingent Reserve Arrangement, die New Development Bank und Initiativen zu digitalen Währungen bislang nur begrenzt Wirkung zeigen. Über BRICS+ hinaus besteht Hoffnung auf eine erneuerte Blockfreien-Bewegung, die sich einer USA-China-Konfrontation entziehen und Frieden, Entwicklung und Antimilitarismus in den Mittelpunkt stellt. Die Rolle des Staates sollte nicht unterschätzt werden. Durch lokale Verarbeitungspflichten verdeutlicht etwa Indonesien, wie ein Land Investitionen in die Metallverarbeitung und Batteriefertigung mit den Prinzipien wirtschaftlicher Eigenständigkeit der NIEO von 1974 verknüpfen kann.
Mit Blick auf die historische NIEO gilt es auch, den Blick auf nicht-staatliche Akteure zu richten. Ob es um Handelspolitik, Ernährungspolitik oder globale Institutionen geht: Es waren stets Zivilgesellschaft und Gewerkschaften, die die Forderungen nach einer Reform der Weltwirtschaft ins neue Jahrtausend trugen. Auf Basis einer aktualisierten Analyse globaler Machtverhältnisse müssen sie auch in Zeiten geopolitischer Konflikte Alternativen vorantreiben.
Auf dem Weg zu einer neuen internationalen Ordnung
Die globale Ordnung wird heute nicht nur durch China und die BRICS+, sondern auch durch die USA unter Donald Trump herausgefordert. Was auf sie folgt, wird auch davon abhängen, ob es progressiven Bewegungen gelingt, über Kritik am Bestehenden hinauszugehen und echte Ansätze für eine neue Weltwirtschaftsordnung zu entwickeln. Angesichts polyzentrischer Governance und grenzüberschreitender Krisen müssen Vorschläge über staats- und eigentumszentrierte Modelle hinausgehen und kollektive Selbstbestimmung sowie menschliches Wohlergehen in den Mittelpunkt stellen. Das bedeutet zum Beispiel, globale Sozialstandards in Lieferketten zu stärken, gerechtere internationale Steuerregeln gegen Gewinnverschiebung durchzusetzen, Klimafinanzierung zu stärken und multilaterale Institutionen so zu reformieren, dass sie verbindliche Antworten auf globale Krisen ermöglichen.
Weiterführende Informationen zu einer kooperativen Gestaltung der Weltwirtschaftsordnung finden sich auf der Website der von der AK Wien unterstützten Initiative Vienna Global Forum.