Der Arbeitslohn ist kein Geschenk, sondern erarbeitet, (gewerkschaftlich) ausverhandelt und bildet das finanzielle Fundament der von ihm Abhängigen. Jedenfalls ist er kein Gefährder der Wettbewerbsfähigkeit oder – wie neuerdings behauptet – Anheizer der Inflation. Und der internationale Vergleich zeigt, dass Österreichs kollektivvertragliche Lohnpolitik stabilisierend und kaufkraftsichernd wirkt.
Im Euroraum war in der Inflationskrise mehr als die Hälfte der „hausgemachten“, nicht energiepreisimportierten Inflation auf überproportionale Gewinnsteigerungen zurückzuführen, in Österreich sogar zwei Drittel. Zur Verschleierung und Ablenkung von diesen wahren Inflationstreibern wurden und werden angeblich zu hohe Löhne attestiert, entweder als Inflationsspiralisierer oder Standortvernichter. Dabei wird allerlei unsachlich vermengt. Zur Klärung:
Österreich bei Arbeitskosten im oberen Drittel
Die Kosten einer Arbeitsstunde in der gesamten Privat-Wirtschaft betrugen 2025 in Österreich im Schnitt 46,3 Euro, um etwa einen Euro mehr als in Deutschland. Österreich rangiert damit im oberen Drittel. Das gebührt sich auch für die – gemessen am kaufkraftbereinigten Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf – EU-weit fünftreichste Volkswirtschaft.
Sozialstaatsbeiträge vulgo Lohn-„Neben“-Kosten
Als Teil der Arbeitskosten, zusätzlich zum am Lohnzettel ausgewiesenen Bruttolohn, zahlen die Unternehmen sogenannte Lohn-„Neben“-Kosten, die „Dienstgeber-Beiträge“. Diese sind – je nach Ausgestaltung der Sozialsysteme – ein wesentlicher Finanzierungsbeitrag für das Gesundheitssystem, die Pensionen, Familienleistungen, Arbeitslosengeld, Unfallversicherung etc., somit Sozialstaatsbeiträge. Österreichs sozialstaatsfeindliche Regierungspolitik der letzten Jahre hat massive Einnahmenverluste verursacht, seit 2014 bis 2025 insgesamt 16,8 Milliarden Euro!
Bei den den „Dienstgeber:innen“ zugeschriebenen Sozialbeiträgen handelt es sich ökonomisch ganz klar um Lohnbestandteile, daher sind sie auch statistisch unter den „Arbeitnehmer:innenentgelten“ zu finden. Historisch für Österreich formuliert dies der österreichische Sozialstaatsforscher Prof. Emmerich Talós so: „Der sogenannte Arbeitgeberbeitrag ist kein zusätzlicher Beitrag, sondern Bestandteil des Lohnes. Dieser Modus der Finanzierung der Sozialversicherung wurde im ausgehenden 19. Jahrhundert eingeführt, um die Mitwirkung der Arbeitgeber:innen in der Selbstverwaltung der Arbeiterkassen zu legitimieren. Dass es sich um einen Lohnbestandteil handelt, war seit den Anfängen unumstritten.“
In Österreich beträgt 2025 der in den gesamten Arbeitskosten enthaltene Lohn-„Neben“-Kosten-Anteil 27,1 Prozent, das ist anteilsmäßig etwas mehr als im Schnitt des Euroraums.
Finanzierungsunterschiede der Sozialsysteme
Die Finanzierungsstrukturen der Sozialsysteme der einzelnen EU-Länder sind sehr unterschiedlich. Dänemark etwa, das EU-weit viertreichste Land, hat die zweithöchsten Arbeitskosten pro Stunde, aber nur einen Lohn-„Neben“-Kosten-Anteil von rund zwölf Prozent an den Arbeitskosten. Das liegt nicht daran, dass Dänemark insgesamt geringere Sozialeinnahmen hätte. Denn das nordische Land rangiert in der EU, gemessen am BIP, im Jahr 2023 (33,7%) an zweiter Stelle. Zum Vergleich: Österreichs BIP-Anteil betrug 30,7 Prozent, was dem sechsten Rang entsprach.
Das österreichische Sozialsystem finanziert sich nämlich zu mehr als der Hälfte (rund 55%) aus Lohn-Abgaben (lohnbezogenen Sozialbeiträgen). In Dänemark nur zu einem Fünftel (rund 19%). Dort werden die sozialstaatlichen Ausgaben überwiegend, nämlich zu drei Vierteln, über allgemeine Steuern finanziert.
Productivity matters! Die Lohnstückkosten
Wenn es um Bewertungen zur internationalen Wettbewerbsfähigkeit geht, sind Arbeitskosten allein nicht entscheidend. Für einen lohnbezogen-preislichen Vergleich müssen die Arbeitskosten zur Wertschöpfung ins Verhältnis gesetzt werden. Diese Lohnstückkosten messen, wie viel Arbeitnehmer:innen-Entgelt (inklusive aller Sozialabgaben, auch der sogenannten „Dienstgeber-Beiträge“) pro geschaffener Wertschöpfungseinheit gezahlt wird. Als Orientierungsmaßstab für eine stabile Entwicklung kann das frühere Inflationsziel der europäischen Zentralbank (EZB) von rund zwei Prozent pro Jahr herangezogen werden. Ein durchschnittliches jährliches 2-Prozent-Wachstum summiert sich in fünf Jahren auf etwas mehr als zehn Prozent (10,4%). Im Fünfjahreszeitraum 2020 bis 2025 aber ist in der energiepreis- und profitgetriebenen Teuerungskrise die Inflation in Österreich um 28 Prozent explodiert.
Und wie haben sich die Lohnstückkosten in der Industrie (Lohnstückkosten in der Gesamtwirtschaft sind für internationale Vergleiche wenig aussagekräftig, da nicht die gesamte Wirtschaft – von der Friseurdienstleistung bis zur Stahlproduktion – im internationalen Handel tätig ist) in diesen fünf Jahren entwickelt? Mit kumuliert rund plus 18 Prozent im unteren EU-Mittelfeld. In manchen Nicht-Euro-Ländern sind Wechselkursschwankungen zu berücksichtigen: So hat etwa die Schwedische Krone gegenüber dem Euro deutlich abgewertet, die Tschechische Krone aufgewertet. In Landeswährung gerechnet fällt also das sehr geringe Lohnkosten-Plus Schwedens stärker aus, und der Anstieg Tschechiens fällt geringer aus.
(Lohn-)Kosten sind nicht alles
Letztlich, resümiert das gewerkschaftsnahe Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung IMK, ist die „preisliche Wettbewerbsfähigkeit und damit die Entwicklung der Arbeitskosten in Relation zum Produktivitätsfortschritt, also die Lohnstückkostenentwicklung, nur eine – wenn auch
wichtige – Komponente der internationalen Wettbewerbsfähigkeit einer Volkswirtschaft. In der mittleren und langen Frist beeinflussen Energiepreise und -verfügbarkeit, die Qualität der öffentlichen und privaten Infrastruktur, die Innovationsfähigkeit der heimischen Unternehmen und das Humankapital der Beschäftigten die internationale Wettbewerbsfähigkeit einer Volkswirtschaft ebenfalls in erheblichem Umfang.“
Und, so könnte ergänzt werden, eine stabilisierende kollektivvertragliche Lohnpolitik wie in Österreich, der auch die Oesterreichische Nationalbank in der Hochinflationsphase 2022 ein gutes Zeugnis ausstellte: „Zusammenfassend kann gesagt werden, dass der österreichische Lohnfindungsprozess … gut funktioniert und sich vorerst kein Risiko für eine Lohn-Preis-Spirale abzeichnet.“
Aufholphase für Löhne!?
2022 war die Inflation profitgetrieben, EZB-Chef-Volkswirt Philipp Lane sprach von einer „Extra-Injektion“ durch Profite, die die Teuerungswelle aufschaukelte. Das verursachte international im Jahr 2022 Reallohnverluste, in Österreich betrug das Minus inflationsbereinigt rund vier Prozent. Bei den Löhnen gab es daher Nachholbedarf. Die folgenden, zur Kaufkraftsicherung teuerungsbedingt nominell höheren, ausgehandelten Lohnanstiege waren Ausdruck einer solchen Aufholphase, die im Herbst 2025 ins Stocken geriet, was Kaufkraft und die Konsumnachfrage eintrübt.
In Kühn- und Waghalsigkeit und mehr kann Profitstreben ausarten, wussten Gewerkschafter wie der englische Gewerkschaftsfunktionär Thomas Joseph Dunning bereits im vorvorigen Jahrhundert. Darauf hat sich schon Karl Marx berufen. Eine marxsche Lektüre, etwa zu „Lohn, Preis und Profit“, ist auch heute noch zu empfehlen.