Wie blicken Führungs­kräfte auf die betrieb­liche Mit­bestimmung?

28. Januar 2026

Wie ihre Führungskräfte zu betrieblicher Mitbestimmung stehen, ist für Kolleg:innen im Betriebsrat oft sehr relevant. Es entscheidet unter anderem darüber, welche Strategien für sie sinnvoll sind und wie herausfordernd sich ihr Arbeitsalltag gestaltet. Empirische Befunde dazu, wie Führungskräfte in Österreich betriebliche Mitbestimmung sehen, liefert eine aktuelle Studie der Arbeiterkammer Wien, die von IFES durchgeführt wurde. Dazu wurden im Jahr 2025 gut 1.000 Führungskräfte in ganz Österreich befragt. Die Studie bestätigt einen im Durchschnitt positiven Blick der Führungskräfte auf Betriebsräte und zeigt unter anderem: In Unternehmen, in denen es einen Betriebsrat gibt, ist betriebliche Mitbestimmung deutlich besser angesehen als in Unternehmen ohne Betriebsrat.

© A&W Blog


Kollektiv geht über individuell

Führungskräfte sehen insgesamt für ihr Unternehmen häufiger Vorteile bei kollektiven Vereinbarungen mit den Beschäftigten (insgesamt 45 Prozent eindeutig oder eher) als bei individuellen Vereinbarungen (20 Prozent eindeutig oder eher). Vergleichsweise große Unterschiede zeigen sich nach Größe des Betriebs und je nachdem, ob ein Betriebsrat bereits vorhanden ist oder nicht. Je mehr Beschäftigte ein Betrieb hat, desto eher fällt die Einschätzung zugunsten der kollektiven Vereinbarung aus. Wenn ein Betriebsrat vorhanden ist, steigt die Wahrnehmung, dass kollektive Vereinbarungen mehr Vorteile bringen, ebenfalls. Beide Merkmale – Beschäftigtenzahl und das Vorhandensein eines Betriebsrats – haben hier einen statistisch abgesicherten, separaten Effekt.

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Konkret nach der Wichtigkeit eines Betriebsrats gefragt, äußern sich Führungskräfte überwiegend positiv gegenüber der formal verankerten betrieblichen Mitbestimmung: Immerhin die Hälfte der Führungskräfte hält es für sehr oder eher wichtig, dass es in einem Unternehmen einen Betriebsrat gibt. Die andere Hälfte räumt ihm mittlere oder untergeordnete Bedeutung ein. Große Unterschiede zeigen sich hier wieder danach, ob es bereits einen Betriebsrat im Unternehmen gibt oder nicht. Unabhängig von der Betriebsgröße halten rund drei Viertel (77 Prozent) der Führungskräfte, die in Unternehmen mit Betriebsrat tätig sind, einen gewählten Betriebsrat für (sehr oder eher) wichtig. In Betrieben ohne Betriebsrat wird ihm insgesamt eine deutlich geringere Relevanz eingeräumt (sehr oder eher wichtig: 25 Prozent). Wo es Betriebsräte gibt, erkennen Führungskräfte deren Wichtigkeit an. Die Erfahrung mit Betriebsräten führt oft zu einer positiveren Sichtweise. Auf der anderen Seite kann es auch daran liegen, dass dort, wo unter Führungskräften eine schlechtere Meinung zu Betriebsräten vorherrscht, deren Gründung auch eher verhindert wird. Die mittlere Führungsebene (Bereichsleiter:innen, Abteilungsleiter:innen und sonstige leitende Mitarbeiter:innen), die eher aus größeren Betrieben kommen, schreiben gewählten Betriebsräten eine größere Bedeutung zu als die oberste Führungsebene (Inhaber:innen, Teilhaber:innen), die wiederum eher kleinere Betriebe führen.

Je mehr Kontakt mit dem Betriebsrat, desto positiver der Eindruck

Dieses Muster, dass das Vorhandensein eines Betriebsrates, aber auch der Kontakt zum Betriebsrat die positive Wahrnehmung verstärken, zieht sich durch viele Fragen der Studie. Sie betrifft zum Beispiel auch die von Führungskräften mit Betriebsrat wahrgenommenen und von Führungskräften ohne Betriebsrat vermuteten Effekte eines Betriebsrats. Besonders positive Effekte des Betriebsrats sehen beide Gruppen etwa bei der Einhaltung arbeitsrechtlicher Bestimmungen, bei der Kommunikation und Konfliktlösung oder bei der Gestaltung von Arbeitsbedingungen. Für alle möglichen Effekte von Betriebsräten gilt: Führungskräfte in Betrieben, die einen Betriebsrat haben, sehen die Effekte von Betriebsräten positiver als Führungskräfte ohne Betriebsrat.

Mehrheitlich positives Bild aus dem Jahr 2019 für Österreich bestätigt

Führungskräfte in Betrieben mit Betriebsrat halten diesen – wie bereits dargestellt – mit „Dreiviertelmehrheit“ für sehr oder eher wichtig, erkennen – noch stärker als ihre Kolleg:innen ohne Betriebsrat – positive Wirkungen eines Betriebsrates an. Darüber hinaus nehmen 84 Prozent der befragten Führungskräfte die Zusammenarbeit mit dem Betriebsrat als (sehr oder eher) „wertschätzend“ wahr, 80 Prozent als (sehr oder eher) „professionell“ und 78 Prozent als (sehr oder eher) „lösungsorientiert“.

In der Gesamtschau ist dies ein Bild, das gut mit Ergebnissen anderer Erhebungen zusammenpasst, wie beispielsweise dem „European Company Survey“ aus dem Jahr 2019, einer europaweiten Befragung von Manager:innen. Auch in dieser Erhebung bewerteten die in Österreich befragten Manager:innen ihre Zusammenarbeit mit dem Betriebsrat zu 87 Prozent als (sehr oder eher) „konstruktiv“.

Weiterer Beleg: Betriebsrat ermöglicht auch „informelles Mitwirken“

Die Studie zeigt außerdem, dass Führungskräfte in Betrieben mit Betriebsrat informelle Mitwirkungsformen häufiger wahrnehmen als Führungskräfte in Betrieben ohne Betriebsrat. Das bestätigt die Ergebnisse von Forschung zu dem Thema aus dem Jahr 2019 durch die Forschungs- und Beratungsstelle Arbeitswelt (FORBA). Diese zeigt: Die im Arbeitsverfassungsrecht verankerte kollektive Vertretung der Arbeitnehmer:innen durch den Betriebsrat steht keineswegs einer direkten, informellen Einbindung der Mitarbeiter:innen durch die Geschäftsleitung im Weg, ganz im Gegenteil kam die Studie zu dem Schluss: „Die Mitwirkung der Belegschaft und die Vertretung durch den Betriebsrat stehen nicht zueinander in Konkurrenz, sondern ergänzen sich.“


Auch in der umfangreichen Grundlagenerhebung „Mitbestimmung in Österreich 2022“ zeigte sich dasselbe Bild: In Betrieben mit Betriebsrat gibt es häufiger informelle Mitwirkungsmöglichkeiten (wie etwa runde Tische, strukturiertes Feedback an Vorgesetzte, Abstimmungen, informelle „Abteilungssprecher:innen“, aber auch spontane Treffen) als in Betrieben ohne Betriebsrat.

Dass betriebliche Mitbestimmung viele positive Effekte auf Arbeitsbedingungen, Arbeitszufriedenheit und den Arbeitsalltag der Belegschaften hat, die sie vertreten, ist gut untersucht. Nun liegen auch Ergebnisse dazu vor, wie Führungskräfte auf Betriebsräte blicken. Und auch hier zeigt sich: Je mehr Kontakt mit Betriebsräten besteht, desto positiver werden diese wahrgenommen.

Methodischer Anhang: Wer und wie wurde befragt?

Als Führungskräfte bezeichnet die Studie erwerbstätige Personen in wirtschaftlichen Organisationen ab fünf Mitarbeiter:innen aus der Privatwirtschaft und der Gemeinwirtschaft, die für andere Mitarbeiter:innen (dienstrechtlich) zuständig und/oder für maßgebliche budgetäre Entscheidungen im Unternehmen verantwortlich sind. Damit sind u. a. Inhaber:innen, geschäftsführende Gesellschafter:innen, Mitglieder der Geschäftsführung, Direktor:innen, Bereichs- oder Abteilungsleitung oder sonstige leitende Mitarbeiter:innen angesprochen. Für das vorliegende Projekt wurden Führungskräfte aus der Hoheitsverwaltung nicht befragt, um die Vergleichbarkeit zur Studie „Mitbestimmung in Österreich 2022“ herzustellen.

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