Die Geburt eines Kindes verändert das Leben beider Elternteile – die beruflichen Folgen tragen jedoch meist Frauen. Während sie ihre Erwerbstätigkeit oft jahrelang einschränken, bleiben längere Karenzzeiten bei Vätern in Österreich die Ausnahme. Die Folgen zeigen sich bei Einkommen, Karriere und Pensionen. Warum das kein privates Familienproblem ist, sondern eine zentrale Gleichstellungsfrage, zeigen aktuelle Daten.
Die wirtschaftliche Benachteiligung von Frauen ist kein Naturgesetz. Sie ist das Ergebnis gesellschaftlicher und politischer Rahmenbedingungen sowie einer nach wie vor ungleichen Verteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit. Obwohl Frauen heute besser ausgebildet sind als je zuvor und ihre Erwerbsbeteiligung kontinuierlich gestiegen ist, bestehen erhebliche Unterschiede bei Einkommen, Karrierechancen und Pensionen. Besonders deutlich werden diese Ungleichheiten ab der Geburt eines Kindes.
Kaum ein Lebensereignis prägt die ökonomische Situation von Frauen so nachhaltig wie die Familiengründung. Während junge Paare mehrheitlich eine partnerschaftliche Aufteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit anstreben, zeigt die Realität ein anderes Bild: Nach wie vor übernehmen Frauen den Großteil der Kinderbetreuung und tragen damit auch die langfristigen wirtschaftlichen Folgen der Elternschaft.
Väterkarenz kann dabei als Schlüssel zu einer faireren Verteilung von Sorgearbeit und zu mehr Chancengleichheit zwischen Frauen und Männern dienen. Die Diskussion über Väterkarenz ist daher weit mehr als eine familienpolitische Debatte. Sie berührt zentrale Fragen von Verteilungsgerechtigkeit, wirtschaftlicher Unabhängigkeit und Gleichstellung zwischen Frauen und Männern.
Europa zeigt: Mehr Väterbeteiligung ist möglich
Ein Blick auf Europa zeigt, dass eine stärkere Beteiligung von Vätern an der Kinderbetreuung kein unrealistisches Ziel ist. In vielen Ländern wurden in den vergangenen Jahren gezielt Maßnahmen eingeführt, um eine partnerschaftlichere Aufteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit zu fördern. Dazu zählen etwa reservierte Karenzzeiten für Väter, finanzielle Anreize oder Modelle, bei denen Teile der Elternzeit verfallen, wenn sie nicht vom zweiten Elternteil genutzt werden.
Die Wirkung solcher Maßnahmen lässt sich in den aktuellen OECD-Daten ablesen: Der Anteil der Männer unter allen Bezieher:innen von Karenzleistungen stieg zwischen 2013 und 2023 von durchschnittlich 19,1 auf 26,1 Prozent. Besonders hohe Beteiligungsquoten erreichen Länder wie Luxemburg (58,9 Prozent), Island (46,7 Prozent), Norwegen (45,0 Prozent), Schweden (46,1 Prozent), Dänemark (46,3 Prozent) oder Portugal (47,7 Prozent), in denen Väter einen wesentlichen Anteil jener Eltern ausmachen, die Karenzleistungen beziehen. Österreich liegt hingegen mit 3,8 Prozent weit unter dem OECD-Durchschnitt und zählt zu den Ländern mit der geringsten Väterbeteiligung bei Karenzleistungen.
Europäische Erfahrungen zeigen: Rahmenbedingungen beeinflussen elterliches Verhalten. Akzeptanz, Absicherung und Förderung von Väterkarenz führen zu mehr Betreuungsbeteiligung der Väter.
Österreich: Rechtlicher Anspruch trifft auf traditionelle Realität
Auch in Österreich besteht seit mehr als 30 Jahren die Möglichkeit für Väter, Karenz in Anspruch zu nehmen. Dennoch wird dieses Recht vergleichsweise selten genutzt. Laut Wiedereinstiegsmonitoring 2026 der Arbeiterkammer Wien hat die Beteiligung von (zuvor überwiegend erwerbs-tätigen) Vätern an der Kinderauszeit in Österreich in den vergangenen Jahren zwar zugenommen: Ihr Anteil stieg von 8,5 Prozent im Jahr 2006 auf 18,8 Prozent im Jahr 2023. Allerdings stagniert die Entwicklung seit mehreren Jahren auf vergleichsweise niedrigem Niveau. Der Höchstwert von 20,4 Prozent wurde bereits 2018 erreicht und konnte bislang nicht nachhaltig übertroffen werden.
Die Zahlen machen zwei Dinge deutlich: Es gibt Fortschritte, gleichzeitig tragen Frauen weiterhin den überwiegenden Teil der Betreuungspflichten und Erwerbsunterbrechungen. Mehr als 80 Prozent der Personen in Kinderauszeit sind nach wie vor Frauen. Von einer partnerschaftlichen Aufteilung der Sorgearbeit und der damit verbundenen Erwerbsunterbrechungen kann in Österreich daher weiterhin keine Rede sein.
Besonders auffällig ist, dass viele Männer zwar grundsätzlich Karenz in Anspruch nehmen, ihre Erwerbsunterbrechung jedoch meist nur kurz ausfällt. Infolgedessen bleiben längere Betreuungsphasen weiterhin fast ausschließlich den Frauen vorbehalten.
Oberösterreich: Kinderbetreuung bleibt überwiegend Frauensache
Auch die Zahlen aus Oberösterreich zeigen, dass sich die Beteiligung von Vätern an der Kinderauszeit zwar erhöht hat, der Wandel jedoch nur langsam voranschreitet. Betrachtet man alle Männer in Kinderauszeit (also sowohl zuvor überwiegend Beschäftigte als auch Nichtbeschäftigte), fällt die Väterbeteiligung noch geringer aus als in der zuvor dargestellten österreichweiten Auswertung, die ausschließlich vormals überwiegend Beschäftigte berücksichtigt. In Oberösterreich lag der Anteil der Väter in Kinderauszeit bei den Kindern des Geburtsjahrgangs 2023 bei lediglich 13,3 Prozent (Frauen: 86,7 Prozent) und damit auch unter dem Österreich-Durchschnitt von 14,2 Prozent (Frauen: 85,8 Prozent).
Kurze Karenzzeiten ändern die Verhältnisse nur begrenzt
Besonders deutlich wird die ungleiche Verteilung bei der Dauer der Erwerbsunterbrechung:
- 63,7 Prozent der Männer in OÖ unterbrechen ihre Erwerbstätigkeit höchstens drei Monate.
- 23,7 Prozent nehmen trotz Kinderbetreuungsgeld-Bezug überhaupt keine Erwerbsunterbrechung in Anspruch.
- Nur 5,7 Prozent bleiben länger als sechs Monate in Kinderauszeit.
Diese Zahlen zeigen, dass viele Väter zwar Kinderbetreuungsgeld beziehen, ihre Erwerbstätigkeit jedoch nur für kurze Zeit unterbrechen. Kurze Karenzzeiten können wichtige Erfahrungen in der Vater-Kind-Beziehung ermöglichen, führen aber meist nur zu begrenzten Veränderungen bei der Aufteilung von Sorgearbeit. Dabei zeigen Studien, dass längere Erwerbsunterbrechungen von Vätern erfolgreiche Wiedereinstiege von Frauen fördern. Während Frauen in Oberösterreich ihre Erwerbstätigkeit im Median für 730 Tage unterbrechen, sind es bei Männern lediglich 61 Tage. Dadurch entstehen sehr unterschiedliche Voraussetzungen für den Wiedereinstieg, die berufliche Entwicklung und die eigenständige Existenzsicherung.
Deutliche Unterschiede beim Wiedereinstieg
Männer kehren deutlich schneller und häufiger in Beschäftigungen mit hohem Stundenausmaß zurück als Frauen. Im ersten Jahr nach der Karenz sind 77,5 Prozent der zuvor beschäftigten Männer wieder in Beschäftigung mit hohem Stundenausmaß, bei Frauen sind es lediglich 4,5 Prozent. Zwei Jahre nach Beginn der Kinderauszeit sind bereits 91 Prozent der zuvor beschäftigten Männer wieder in Beschäftigungen mit hohem Stundenausmaß tätig, bei Frauen hingegen nur 26 Prozent. Die Zahlen verdeutlichen, dass die Aufteilung von Kinderbetreuung weit über die Karenzzeit hinauswirkt. Sie beeinflusst maßgeblich die Erwerbschancen und die wirtschaftliche Unabhängigkeit von Frauen und Männern.
Die Kosten der Elternschaft sind ungleich verteilt
Diese unterschiedlichen Erwerbsbiografien sind ein wesentlicher Grund für den Gender Pay Gap. Einkommensunterschiede entstehen nicht ausschließlich durch unmittelbare Lohndiskriminierung, sondern auch durch die unterschiedliche Verteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit.
Frauen reduzieren nach der Geburt eines Kindes wesentlich häufiger ihre Arbeitszeit oder unterbrechen ihre Erwerbstätigkeit für längere Zeiträume. Männer hingegen bleiben überwiegend in Vollzeit beschäftigt und können ihre Erwerbsverläufe weitgehend fortsetzen.
Über die Jahre summieren sich geringere Arbeitszeiten, Karriereunterbrechungen und niedrigere Einkommen zu erheblichen finanziellen Nachteilen. Diese wirken bis ins Pensionsalter nach und tragen wesentlich zum Gender Pension Gap bei.
Wer Einkommensunterschiede zwischen Frauen und Männern reduzieren will, muss auch die Verteilung von Sorgearbeit verändern.
Väter stärken – Gleichstellung fördern
Wenn mehr Väter Verantwortung übernehmen sollen, braucht es nicht nur rechtliche Möglichkeiten, sondern auch Information, Beratung und positive Vorbilder.
Ein gelungenes Beispiel dafür ist das Papa-Frühstück der Arbeiterkammer Oberösterreich. Das Format richtet sich gezielt an werdende und junge Väter und schafft Raum für Information, Austausch und Vernetzung. Neben rechtlichen und sozialpolitischen Informationen berichten Väter, die selbst mehrere Monate Karenz in Anspruch genommen haben, von ihren Erfahrungen. Dadurch werden Möglichkeiten sichtbar gemacht und Unsicherheiten abgebaut. Das Angebot greift Fragen auf, die viele Männer beschäftigen: Wie gelingt eine partnerschaftliche Aufteilung im Alltag? Wie wirkt sich Karenz beruflich und finanziell aus? Und wie kann mit Vorurteilen oder Widerständen im beruflichen Umfeld umgegangen werden?
Solche Initiativen leisten einen wichtigen Beitrag dazu, traditionelle Rollenbilder aufzubrechen und neue Selbstverständlichkeiten zu schaffen. Sie stärken Männer darin, sich trotz finanzieller, beruflicher oder gesellschaftlicher Hürden für Karenz und mehr Zeit mit ihren Kindern zu entscheiden. Diese Herausforderungen sind vielen Frauen seit Jahrzehnten vertraut. Eine stärkere Beteiligung von Vätern trägt dazu bei, die damit verbundenen Belastungen und Risiken gerechter zwischen den Eltern zu verteilen.
Was jetzt politisch notwendig ist
Wer echte Gleichstellung erreichen will, darf die Verantwortung nicht allein auf die Familien abwälzen. Die Debatte über Väterkarenz wird oft als private Entscheidung dargestellt. Tatsächlich geht es aber um die Verteilung von Erwerbsarbeit, Sorgearbeit und wirtschaftliche Risiken zwischen Frauen und Männern. Deshalb braucht es politische Rahmenbedingungen, die eine partnerschaftliche Aufteilung fördern.
Dazu gehören:
- der Ausbau qualitativ hochwertiger Kinderbildungs- und -betreuungsangebote,
- ein lückenloser Übergang zwischen Kinderbetreuungsgeld und institutioneller Betreuung (Betreuungsgap),
- ein Rechtsanspruch auf einen gebührenfreien Platz in einer Kinderbildungs- und -betreuungseinrichtung ab dem zweiten Lebensjahr,
- stärkere finanzielle Anreize für Väter, Karenz in Anspruch zu nehmen,
- flexible Karenzmodelle und familienfreundliche Arbeitszeiten für Frauen und Männer,
- mehr betriebliche Akzeptanz von Väterkarenz sowie
- die konsequente Bekämpfung von Entgeltdiskriminierung und die bestmögliche Umsetzung der EU-Entgelttransparenzrichtlinie.