Österreichs Eishockeyspielerinnen haben erstmals den Aufstieg in die Top-Division geschafft. Doch wenige Monate vor ihrer ersten A-WM ist der Konflikt mit dem Österreichischen Eishockeyverband eskaliert. Anders als die Männer erhalten die Spielerinnen für Trainingscamps und Turniere kein Taggeld. Dabei geht es längst nicht nur ums Geld, sondern um professionelle Bedingungen, verlässliche Strukturen und Respekt.
Der seit Monaten bestehende und vor Kurzem auch medial bekannt gewordene Konflikt zwischen Österreichs besten Eishockeyspielerinnen und dem Österreichischen Eishockeyverband geht in die nächste Runde. Bei einem Vorbereitungsturnier in der Slowakei fehlten elf Spielerinnen, darunter zahlreiche Leistungsträgerinnen. Einige waren nicht einberufen worden, andere sagten ab. Die Spielerinnen haben gemeinsam mit der younion-Sportgewerkschaft dem Verband bereits im März Verbesserungsvorschläge vorgelegt – verbindliche Zusagen blieben aus.
Der offene Bruch steht in starkem Kontrast zum sportlichen Erfolg. Im April 2025 schrieb das österreichische Frauen-Nationalteam Eishockeygeschichte: Es gewann das Aufstiegsturnier ungeschlagen und qualifizierte sich erstmals für die Top-Division der zehn besten Teams der Welt. Nur 16 Monate später ist die Stimmung auf dem Tiefpunkt.
Erstklassig gespielt, zweitklassig behandelt
Der Konflikt wird häufig auf die Forderung nach einem Taggeld verkürzt. Doch er reicht viel weiter. Hinzu kommen Stockbetten, unbeheizte Umkleiden, unpassende Restbestände des Männerteams als Teamkleidung und kurzfristige Einberufungen. Die Spielerinnen fordern angemessene Unterkünfte, medizinische Betreuung, verlässliche Kommunikation und einen respektvollen Umgang. Und sie wollen auch für ihre Einsätze im Nationalteam – wie die Männer – endlich ein Taggeld erhalten.
Dass sich die Spielerinnen nach ihrem historischen Erfolg gemeinsam gegen diese Bedingungen stellen, verdient Respekt. Ihr Protest richtet sich damit nicht nur auf die eigene Situation. Es geht auch darum, unter welchen Bedingungen die nächste Generation für Österreich spielen wird.
Wer von Spitzensportlerinnen Spitzenleistungen erwartet, muss ihnen auch Bedingungen bieten, unter denen sie diese erbringen können.
Fair Play ist mehr als eine Spielregel
Respekt ist dabei nicht nur eine moralische Forderung der Spielerinnen. Schon das Bundes-Sportförderungsgesetz nennt Toleranz, Fairness und Respekt als zentrale Werte des Sports und erklärt seine Förderung zum öffentlichen Interesse. Zu den Förderzielen gehören außerdem eine professionelle Trainings- und Wettkampfsteuerung sowie professionelle Verbandsstrukturen. Auch das Gleichbehandlungsgesetz verknüpft Förderungen des Bundes an bestimmte Voraussetzungen der Einhaltung von Gleichbehandlungsbestimmungen. Daraus folgt noch kein individueller Anspruch der Spielerinnen. Es zeigt aber: Öffentliche Sportförderung und Gleichstellung lassen sich nicht voneinander trennen.
Für mögliche rechtliche Ansprüche müsste zunächst geklärt werden, in welchem Verhältnis die Spielerinnen zum Verband stehen. Das Gleichbehandlungsgesetz gilt für Arbeitsverhältnisse und für arbeitnehmer:innenähnliche Beschäftigungen. Im professionellen Teamsport können verpflichtende Trainings- und Spieltermine, Vorgaben zu Ort, Ablauf und Taktik sowie persönliche Leistungspflichten für ein Arbeitsverhältnis sprechen. Der OGH hat bereits einen bezahlten Eishockeyspieler trotz seiner Bezeichnung als „Amateur“ als Arbeitnehmer eingestuft.
Sollte das Gleichbehandlungsgesetz anwendbar sein, könnten die unterschiedliche finanzielle Behandlung und die übrigen Einsatzbedingungen relevant werden. Das Gesetz sieht bei einer Diskriminierung unter anderem einen Anspruch auf die Entgeltdifferenz und eine Entschädigung vor. Ob diese Voraussetzungen hier erfüllt sind, können letztlich nur die Gleichbehandlungskommission beziehungsweise ein Gericht anhand des vollständigen Sachverhalts beurteilen.
Für die gesellschaftspolitische Bewertung braucht es jedoch keinen abgeschlossenen Rechtsfall: Wer von den Spielerinnen vollen Einsatz und sportliche Höchstleistungen erwartet, muss für faire Bedingungen und finanzielle Anerkennung sorgen.
Ungleiche Bedingungen sind kein Einzelfall
Dabei sind die ungleichen Bedingungen zwischen Männern und Frauen im Eishockey bei Weitem kein trauriger Ausreißer. Bereits 2021 zeigte der Blogbeitrag „Ein Hindernislauf – Inklusion und Teilhabe migrantischer Frauen & Mädchen im Sport“, wie sehr sich Ungleichheiten aus der Arbeitswelt im Sport wiederholen: prekäre Beschäftigung, ungleiche Förderungen, ein Gehalts- und Preisgeld-Gender-Gap sowie schlechtere Trainings- und Wettkampfbedingungen. Angesichts des aktuellen Eishockeykonflikts ist dieser Befund erschreckend aktuell.
Erhebungen der younion-Sportgewerkschaft belegen die Schieflage auch im Frauenfußball. 2024 gaben Bundesligaspielerinnen an, jährlich bis zu 750 Euro selbst für ihren Sport aufzubringen. Laut einer aktuellen Befragung können sich nur zwölf Prozent der Erstligaspielerinnen auf ihren Beruf als Fußballerin konzentrieren. 57 Prozent erhalten höchstens 720 Euro netto im Monat, 86,7 Prozent bezahlen ihre Ausrüstung selbst. In der zweiten Liga haben weniger als vier Prozent eine Anstellung; 27,5 Prozent erhalten gar kein Geld.
Das Muster ist sportartenübergreifend gleich: Von Frauen wird professioneller Einsatz erwartet, bezahlt und behandelt werden sie jedoch wie Hobbyathletinnen. So entsteht eine Abwärtsspirale: Spielerinnen wechseln ins Ausland oder hören auf, kleine Vereine verlieren sportliche Qualität, die Liga wird ungleicher und für Publikum sowie Sponsor:innen weniger attraktiv. Anschließend wird die schwächere Vermarktung als Begründung für die nächste ausbleibende Investition verwendet.
Equal Play Day: Gleichstellungsdefizite im Frauensport
Der Equal Play Day fiel 2026 auf den 18. März. Ab diesem Tag sind Sportlerinnen – auf das Jahr umgerechnet – medial unsichtbar. Eine von der Rundfunk und Telekom Regulierungs-GmbH (RTR) veröffentlichte MediaAffairs-Studie bestätigt die Schieflage: In österreichischen Printmedien entfielen 85 Prozent der Sportberichterstattung auf Männer und nur 15 Prozent auf Frauen. In Mediatheken und sozialen Medien lag der Frauenanteil bei 15 beziehungsweise zwölf Prozent. Dabei erzielten Beiträge über Sportlerinnen in sozialen Medien durchschnittlich sogar mehr Interaktionen.
Ungleich ist zusätzlich die Erzählweise: Während Männer häufiger mit Stärke, Dominanz und Aggressivität beschrieben werden, werden Sportlerinnen öfter emotionalisiert oder trivialisiert. Erwachsene Spitzensportlerinnen werden etwa als „Mädels“ bezeichnet oder verniedlicht dargestellt. Auch Aussehen und private Rollen rücken bei Frauen häufiger in den Vordergrund. Wer bei Männern die Leistung und bei Frauen das Rundherum erzählt, erzeugt einen vermeintlich geringeren sportlichen Wert. Der Markt ist daher nicht neutral, sondern durch jahrzehntelange Entscheidungen über Sendezeit, Sprache, Infrastruktur und Investitionen geprägt.
„Das schaut ja niemand“ ist kein Argument
Oft heißt es, Frauensport erreiche weniger Menschen und bringe weniger Geld. Doch beim Taggeld greift dieses Argument zu kurz. Es ist keine Gewinnbeteiligung, sondern soll den Aufwand eines Nationalteameinsatzes abgelten. Frauen und Männer trainieren, reisen und spielen für denselben Verband. Sie investieren Zeit, fehlen in ihrem Beruf und tragen ein Verletzungsrisiko. Wie viele Menschen zuschauen, ändert an diesem Aufwand nichts.
Auch rechtlich reicht der Hinweis auf knappe Mittel oder eine geringere Nachfrage nicht aus. Er erklärt nicht, warum eine Leistung nur den Männern zustehen soll. Eine unterschiedliche Behandlung braucht sachliche und nachvollziehbare Gründe, die frei von Geschlechterstereotypen sind.
Hinzu kommt ein Teufelskreis: Frauensport wird seltener übertragen, schlechter vermarktet und zu ungünstigeren Zeiten angesetzt. Das führt zu geringeren Reichweiten, die anschließend als Begründung für die nächste Kürzung dienen.
Dass Frauensport sehr wohl auf großes Interesse stößt und wirtschaftliches Potenzial hat, zeigen aktuelle Zahlen. Bei der Frauen-EM 2025 waren laut UEFA 29 von 31 Spielen ausverkauft. Mehr als 500 Millionen Menschen verfolgten das Turnier insgesamt. Zugleich stiegen die weltweiten Erlöse im Frauen-Spitzensport laut Deloitte von 981 Millionen US-Dollar im Jahr 2023 auf 1,88 Milliarden im Jahr 2024. Für 2025 prognostizierte Deloitte 2,35 Milliarden US-Dollar. Die Zahlen widerlegen jedenfalls die pauschale Behauptung, Frauensport stoße generell auf zu wenig Interesse. Sie zeigen vielmehr, welches Potenzial durch Sichtbarkeit und Investitionen entstehen kann.
Unterstützung verändert die Spielregeln: ein internationaler Vergleich
Wenn eine Nobelpreisträgerin Spielerinnen bei ihren Gehaltsverhandlungen unterstützt, bekommt die Forderung nach fairer Bezahlung zusätzliches Gewicht. Die Ökonomin und Nobelpreisträgerin Claudia Goldin beriet die Spielerinnengewerkschaft der Women’s National Basketball Association (WNBA) fast zwei Jahre lang unentgeltlich. Sie untersuchte Fernsehreichweiten, Stadionbesuche und die Verteilung der Einnahmen zwischen Liga und Spielerinnen. Im März 2026 einigten sich die Spielerinnengewerkschaft und die WNBA auf einen neuen Kollektivvertrag. Dieser sieht über seine siebenjährige Laufzeit Gehaltssteigerungen von annähernd 400 Prozent vor. Außerdem erhalten die Spielerinnen 20 Prozent einer vertraglich vereinbarten Berechnungsgröße der Gesamterlöse.
Dass gleiche Regeln möglich sind, zeigt auch der US-Fußball. Seit 2022 gelten für das Frauen- und Männernationalteam dieselben wirtschaftlichen Vertragsbedingungen. Dazu gehören identische Prämien und Vergütungen sowie derselbe Mechanismus zur Beteiligung an kommerziellen Erlösen. Auch die von der FIFA ausgeschütteten WM-Prämien werden teilweise zusammengeführt und zwischen den Spieler:innen beider Nationalteams gleich verteilt.
Transparente Zahlen, faire Beteiligung und öffentliche Unterstützung können Verhandlungen verändern. Unterstützung brauchen auch die österreichischen Eishockeyspielerinnen. Ihre Forderungen können mit der Petition „Gleiches Eis. Gleicher Respekt.“ unterstützt werden.
Österreichs Eishockeyspielerinnen haben erstklassig geliefert. Jetzt müssen auch die Rahmenbedingungen erstklassig werden.