Frauen ver­walten, Männer führen? Das Para­dox der Chef­etagen 2026

02. März 2026

Die aktuellen Zahlen des Frauen.Management.Reports 2026 zeigen ein ambivalentes Bild der Machtverhältnisse Während die gesetzliche Quote in den Aufsichtsräten Wirkung zeigt, bleiben die operativen Führungsgremien eine Männerdomäne. Eine Analyse, die den strukturellen Ursachen nachgeht und die auffällige Konzentration von Frauen in Finanzressorts beleuchtet. 

In Österreichs Chefetagen herrscht 2026 eine paradoxe Dynamik. In den Kontrollgremien großer Unternehmen ist der Frauenanteil in den vergangenen Jahren signifikant gestiegen. In den operativen Führungsgremien hingegen bleibt die Entwicklung verhalten. Während sich in der Kontrolle strukturelle Veränderungen beobachten lassen, bleibt die aktive Unternehmensführung weiterhin klar männlich dominiert. 

Im Jänner 2026 sind 28 von 210 Vorstandsmitgliedern börsennotierter Unternehmen Frauen – 13,3 Prozent. Im ATX liegt der Anteil bei 12,8 Prozent. Zehn der 65 Börsenunternehmen bestehen sowohl im Vorstand als auch im Aufsichtsrat ausschließlich aus Männern. Von 606 Geschäftsführungspositionen in den 200 umsatzstärksten Unternehmen sind 518 mit Männern besetzt, was einem Anteil von 85,5 Prozent entspricht 

Diese Zahlen sind keine Momentaufnahme eines Rückschritts. Sie sind Ausdruck einer Entwicklung, die seit Jahren nur langsam voranschreitet. 

Verbindliche Quoten als Hebel der Veränderung 

Dass Fortschritt kein Zufall ist, zeigt der Blick in die Aufsichtsgremien der börsennotierten Unternehmen: Seit Einführung der gesetzlichen 30-Prozent-Quote im Jahr 2018 hat sich der Frauenanteil in diesen Gremien signifikant erhöht. In quotengebundenen börsennotierten Unternehmen steigt er von 22,4 Prozent im Jänner 2018 auf 35,5 Prozent im Jänner 2026. In staatsnahen Unternehmen liegt der Anteil bei 45,3 Prozent. Insgesamt beträgt der Frauenanteil in Aufsichtsräten der Top-200-Unternehmen 28,6 Prozent. 

Die Bilanz ist eindeutig: Verbindliche Rahmenbedingungen verändern die Zusammensetzung von Gremien. Gleichzeitig zeigt der Abstand zwischen Aufsichtsrat (28,6 Prozent) und Geschäftsführung (14,5 Prozent), dass diese Dynamik nicht automatisch auf operative Entscheidungsebenen übergreift. 

Dass 29 der Top-200-Unternehmen bereits einen Frauenanteil von mindestens 40 Prozent in der Geschäftsführung erreichen, belegt, dass strukturelle Veränderungen möglich sind. Diese Beispiele bleiben jedoch bislang die Ausnahme. 

Österreich im europäischen Vergleich: Ein Nachzügler 

Im EU-Durchschnitt liegt der Frauenanteil in Vorständen von großen börsennotierten Unternehmen bei 23,9 Prozent. Österreich liegt mit 12,8 Prozent deutlich darunter. Deutschland erreicht in den DAX-Unternehmen 26,0 Prozent. Luxemburg bildet mit 10,6 Prozent das Schlusslicht. 

Der Global Gender Gap Report 2025 des Weltwirtschaftsforums weist Österreich bei der wirtschaftlichen Partizipation von Frauen auf Rang 56 von 148 Ländern aus. Diese Einordnung zeigt, dass Österreich weder ein Extremfall noch ein Vorreiter ist – aber weiterhin deutlich hinter dem europäischen Durchschnitt zurückbleibt. 

Der Engpass an der Spitze: Rekrutierung nach dem Ähnlichkeitsprinzip 

Die Unterrepräsentanz von Frauen in Vorständen ist nicht auf mangelnde Qualifikation zurückzuführen. Frauen stellen knapp die Hälfte der Erwerbstätigen in Österreich 
und sind bei Hochschulabschlüssen stark vertreten. 
Der Engpass entsteht vielmehr an der letzten Karrierestufe. Mit steigender Hierarchiehöhe verlieren formal strukturierte Auswahlverfahren an Bedeutung. Informelle Netzwerke, Referenzen und Passungslogiken gewinnen an Einfluss. In der Organisationsforschung wird in diesem Zusammenhang häufig auf das Ähnlichkeitsprinzip verwiesen: Entscheidungsträger tendieren dazu, Personen zu bevorzugen, die bestehenden Mustern ähneln. Diese Mechanismen wirken selten offen diskriminierend, stabilisieren aber bestehende patriarchale Strukturen. 

Die CFO-Logik: Repräsentation ohne operative Macht? 

Ein differenzierter Blick auf die Ressortverteilung innerhalb der Vorstände ergänzt dieses Bild. In der diesjährigen Untersuchung zur Zusammensetzung österreichischer Vorstände zeigt sich, dass Frauen bei Neubestellungen überproportional häufig die Funktion des Chief Financial Officer (CFO) übernehmen. Besonders deutlich wird diese Tendenz bei den Neubesetzungen: Über ein Drittel der weiblichen Neuzugänge der TOP 200 Unternehmen im vergangenen Jahr wurde in das Finanzressort berufen. 

Diese Dynamik ist kein isoliertes Phänomen einzelner Unternehmen. Auch die Allbright Stiftung kommt in ihren Analysen zu einem ähnlichen Ergebnis. In ihrem Sample entfielen sogar 40 % der weiblichen Neubestellungen auf das Finanzressort. Ein vergleichbar hoher Anteil zeigt sich auch bei börsennotierten Unternehmen in Österreich, wo Finanzpositionen besonders häufig mit Frauen besetzt werden. 

Vor dem Hintergrund, dass Frauen 2026 insgesamt nur 13,3 % der Vorstandsmandate in börsennotierten Unternehmen halten und 14,5 % der Geschäftsführungspositionen in den Top-200-Unternehmen besetzen, erhält diese Konzentration besondere Bedeutung.  

Die CFO-Rolle ist ein zentrales Steuerungsressort mit Verantwortung für Finanzstrategie, Controlling, Risikomanagement und Compliance. Zugleich unterscheidet sie sich strukturell von generalistischen Führungsfunktionen wie der des CEO, der die strategische Gesamtverantwortung trägt. 

Diese Beobachtung lässt sich mit der Role Congruity Theory von Eagly und Karau in Verbindung bringen. Die Autor:innen zeigen, dass Vorurteile gegenüber weiblichen Führungskräften entstehen können, wenn gesellschaftliche Geschlechterrollen mit stereotypen Vorstellungen von Führung kollidieren. Führung wird traditionell mit agentischen Eigenschaften wie Durchsetzungsfähigkeit oder Dominanz verknüpft, während Frauen häufiger gemeinschaftliche Eigenschaften zugeschrieben werden. 

Die Konzentration auf das Finanzressort könnte somit Ausdruck dieser persistenten Zuschreibungslogik sein: Frauen dürfen verwalten, aber selten allein führen. 

Zwischen Dynamik und institutionellen Rahmenbedingungen 

Acht Jahre nach Einführung der Aufsichtsratsquote ist ihre Wirkung empirisch klar erkennbar. Der Frauenanteil in den betroffenen Gremien ist deutlich gestiegen. Gleichzeitig lässt sich beobachten, dass sich die Dynamik zuletzt verlangsamt: Die gesetzlichen Mindestwerte werden erreicht, darüberhinausgehende Veränderungen entwickeln sich jedoch nur noch schleppend. 

In den Vorständen hingegen, wo keine vergleichbare verbindliche Regelung greift, bleibt die Entwicklung weiterhin verhalten. Während sich in den Aufsichtsräten strukturelle Verschiebungen nachvollziehen lassen, zeigt sich in der operativen Führung eine deutlich geringere Bewegung. Analysen der Oesterreichischen Nationalbank verweisen zugleich auf positive Zusammenhänge zwischen Gender-Diversität und wirtschaftlichen Kennzahlen – ein Hinweis darauf, dass die Frage der Repräsentation nicht nur eine normative, sondern auch eine ökonomische Dimension hat. 

Die Daten sprechen damit eine klare Sprache: Strukturelle Ungleichheiten lösen sich nicht durch Appelle oder durch schrittweisen kulturellen Wandel auf. Sie reagieren auf institutionelle Rahmenbedingungen. Um ein nach Geschlechtern ausgewogenes Verhältnis in Vorständen zu erreichen, braucht es auch hier die Implementierung einer Quote.  

Ohne verbindliche Zielvorgaben für operative Spitzenpositionen bleibt Veränderung langsam – und weibliche Präsenz in den obersten Führungsebenen weiterhin die Ausnahme statt der Regel. 

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