Große regionale Unterschiede bei der Leistbarkeit ganztägiger Bildung und Betreuung im Kindergarten

17. August 2023

Nicht nur zwischen den Bundesländern, sondern auch innerhalb eines Bundeslandes gibt es große Ungleichheiten beim Zugang zu ganztägiger Betreuung. Die Verfügbarkeit sowie Leistbarkeit von Mittagessen und Nachmittagsbetreuung in öffentlichen Kindergärten (und Schulen) beeinflussen sowohl das Erwerbsausmaß vieler Frauen als auch die Bildungschancen der Kinder. Bei der Inanspruchnahme ganztägiger Bildung und Betreuung spielen gerade in Zeiten hoher Inflation auch die Kosten für die Eltern eine entscheidende Rolle.

Sehr unterschiedliche Elternbeiträge in den Bundesländern

Ab Herbst 2023 soll es im Zuge der NÖ Kinderbetreuungsoffensive nicht nur in den Landeskindergärten, sondern auch in Einrichtungen für Kleinkinder kostenlose Bildungs- und Betreuungsangebote am Vormittag geben. Wer Betreuung am Nachmittag braucht, muss jedoch dafür zahlen. Das ist auch in Tirol, Salzburg und Oberösterreich der Fall. In anderen Bundesländern ist der Kindergartenbesuch ganztägig kostenlos (Wien, Burgenland, Kärnten) oder auch ganztägig kostenpflichtig (Steiermark, Vorarlberg).

In Österreich ist also neben der Verfügbarkeit auch die Leistbarkeit von ganztägigen Bildungs- und Betreuungsangeboten eine Frage des Wohnorts. Manchmal gibt es auch innerhalb eines Bundeslandes Unterschiede.

In Niederösterreich entscheidet z. B. jede Gemeinde bzw. Stadt selbst über die Höhe der Elternbeiträge im Kindergarten. Es gibt unterschiedliche stundenbezogene Beitragskategorien für die Nachmittagsbetreuung, eine gesetzlich vorgegebene soziale Staffelung gibt es hingegen nicht.

Kostenlose Ganztagsangebote führen zu höherer Nutzung

Die Kindertagesheimstatistik zeigt, dass dort, wo der Kindergartenbesuch ganztägig kostenlos ist, deutlich mehr Kinder über Mittag in der Einrichtung bleiben (rund drei Viertel) als in jenen Bundesländern, in denen das nicht oder nur teilweise der Fall ist. Wenn Eltern sowohl für die Bildung und Betreuung am Vormittag als auch für den Kindergartenbesuch am Nachmittag aufkommen müssen, liegt der Anteil der Kinder, die für das Mittagessen angemeldet werden, bei nur rund einem Drittel.

Dekoratives Bild © A&W Blog
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Vor allem wenn Betreuungskosten und Kosten für das Mittagessen für mehr als nur ein Kind zu entrichten sind, rechnet sich die Inanspruchnahme zugunsten eines höheren Erwerbsausmaßes für viele Familien nicht.
Der Großteil der Mütter arbeitet weiterhin – freiwillig oder auch unfreiwillig – in Teilzeit. Laut Mikrozensus 2022 liegt die Teilzeitquote unselbstständig beschäftigter Frauen in Österreich mit Kindern unter 15 Jahren bei rund 74 Prozent, Tendenz steigend.

Der im internationalen Vergleich sehr geringe Anteil nachmittags betreuter Kinder und Vollzeit beschäftigter Eltern in Österreich hat insbesondere in Zeiten des Arbeitskräftemangels negative wirtschaftliche Folgen, stellt auch EcoAustria in einer aktuellen Policy Note fest.

Chancengleichheit ist auch eine Frage des Mittagessens

Da es in der amtlichen Kindertagesheimstatistik keine bundesweit einheitliche Definition von „ganztägig betreut“ gibt (in Niederösterreich fallen bereits von 7 bis 13 Uhr betreute Kinder unter diese Kategorie), ist der erhobene „Anteil der Kinder mit Mittagessen in der Anstalt“ ein guter Indikator, um die tatsächliche Verweildauer der Kinder in den elementaren Bildungseinrichtungen und das dadurch mögliche Erwerbsausmaß der Eltern zu messen.

Laut Kindertagesheimstatistik nehmen im Österreich-Durchschnitt, aber auch im Durchschnitt von Niederösterreich jeweils nur rund die Hälfte der Kinder im Kindergarten auch ein warmes Mittagessen ein.

Der Anteil der Kinder mit Mittagessen variiert nicht nur zwischen den Bundesländern stark, sondern auch innerhalb von Bundesländern, wie die jährliche Kinderbetreuungsanalyse für Niederösterreich zeigt. Im Industrieviertel sowie in den Bezirken rund um Wien bleiben deutlich mehr Kinder zum Mittagessen als in den Bezirken des Wald- und Mostviertels.

Dekoratives Bild © A&W Blog
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Bei der Entscheidung, ob das Kind über Mittag bleibt, davor abgeholt wird oder bis 13 Uhr mit einer Jause auskommen muss, spielen neben sozialen Normen und familiären Unterstützungsmöglichkeiten (Großeltern) auch die Kosten und Verfügbarkeit eines (qualitativ hochwertigen) Mittagsangebots eine wichtige Rolle.

Eine Langzeitstudie aus Schweden belegt, dass die kostenlose Bereitstellung von Mittagessen in Bildungseinrichtungen auch langfristig positive Effekte auf die Gesundheit und das Einkommen der später Erwachsenen hat und somit auch ein wesentlicher Faktor für Chancengleichheit ist.

Auf das Einkommen der Familien wird nicht überall Rücksicht genommen

Eine finanzielle Unterstützung für einkommensschwache Familien, die für ihre Kinder zwar gern ganztägige Bildung und Betreuung im Kindergarten in Anspruch nehmen würden, sich das kostenpflichtige Mittagessen und die Nachmittagsbetreuung aber nur schwer leisten können, ist nicht österreichweit gegeben.

Wer sich z. B. in Niederösterreich den Elternbeitrag nicht (mehr) leisten kann, muss direkt in der Wohngemeinde um Herabsetzung des Beitrags bitten, was natürlich auch eine gewisse Hürde bedeutet. Ab 2023 bieten die Gemeinden Traiskirchen und Paudorf bedürftigen Familien neben kostenloser Nachmittagsbetreuung erstmals auch kostenloses Mittagessen an. Damit sind sie in Niederösterreich eine große Ausnahme.

Laut einer Befragung von Städten und Gemeinden in Niederösterreich gewähren nicht mal ein Drittel Ermäßigungen beim Elternbeitrag. Im Industrieviertel kommen Ermäßigungen mehr als doppelt so häufig vor als im Wein- oder Waldviertel. Hier ist auch der Anteil der Kinder, die in der Einrichtung Mittagessen konsumieren, überdurchschnittlich hoch.

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Die Teuerungskrise verstärkt soziale und regionale Ungleichheiten

Die im Frühjahr 2023 durchgeführte Kostenerhebung der AK Niederösterreich hat gezeigt, dass in NÖ Landeskindergärten für ein Betreuungsausmaß, das eine Vollzeiterwerbstätigkeit ermöglicht (bis 16.30 Uhr), mit Kosten von rund 190 Euro pro Kind und Monat zu rechnen ist. Preiserhöhungen im kommenden Kindergartenjahr 2023/24 sind inflationsbedingt zu erwarten.

Gesamtkosten Nachmittagsbetreuung in NÖ Kindergärten

 Mittlere Kosten (VIF-konforme Betreuung)
Elternbeitrag (> 60 h/Monat bzw. 3 h/Tag)€ 96
Beitrag für Mittagessen (20 Tage à 4 Euro)€ 80
Beitrag für Spiel- und Fördermaterial€ 14
Summe€ 190
Quelle: Institutionelle Kinderbetreuung in Niederösterreich 2021/22 (AK Niederösterreich, 2023)

Laut einer IFES-Umfrage zu den Auswirkungen der Teuerung auf die Bildungsausgaben rechnet jede fünfte Familie damit, sich Nachmittagsbetreuung, Nachhilfe und Freizeitaktivitäten für die Kinder nicht mehr leisten zu können.

Auch Kinderarmut in elementarpädagogischen Einrichtungen ist laut einer aktuellen Befragung von Volkshilfe und Kinderfreunden zunehmend spürbar. „Gerade am Ende des Monats fehlt Familien das Geld für ausreichende und ausgewogene Ernährung“, heißt es von den Pädagog:innen.

Um allen Kindern den Zugang zu ganztägiger Bildung und Betreuung sowie zu einer gesunden warmen Mahlzeit zu ermöglichen, ist es also gerade in Zeiten der Teuerung wichtig, neben der flächendeckenden Verfügbarkeit auch die Leistbarkeit der Angebote sicherzustellen – unabhängig vom Wohnort.

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