Zugangsbarrieren zur Weiter­bildung: Ungleich­heiten nehmen zu

16. Januar 2026

Die Teilnahme an Weiterbildung ist seit Langem von ausgeprägten sozialen Ungleichheiten geprägt. Neue Daten aus der PIAAC-Erhebung ermöglichen nun einen genaueren Blick auf die Entwicklung der Weiterbildungsbeteiligung in Österreich und zeigen, dass sich ungleiche Zugänge zwischen 2012 und 2023 nicht nur fortgesetzt, sondern teilweise verschärft haben.

Weiterbildungsbeteiligung nimmt ab

Weiterbildung ist heute insgesamt – und insbesondere aus arbeitsmarktpolitischer Perspektive – von zentraler Bedeutung. Der ökologische Umbau der Wirtschaft, der technologische Wandel und demografische Verschiebungen verändern Tätigkeiten und Qualifikationsanforderungen grundlegend. Weiterbildung gilt daher als Schlüssel, um Beschäftigte auf neue Anforderungen vorzubereiten und den Strukturwandel sozial abzufedern. Entsprechend ambitioniert ist das Ziel der Europäischen Kommission: Bis 2030 sollen jährlich mindestens 60 Prozent aller Erwachsenen in der EU an einer Weiterbildungsmaßnahme teilnehmen.

Die aktuellen Daten aus dem Programme for the International Assessment of Adult Competencies (PIAAC) zeichnen jedoch ein anderes Bild. PIAAC erfasst unter anderem die Teilnahme an (formaler und non-formaler) Weiterbildung in den letzten zwölf Monaten und erlaubt einen Vergleich mit der Vorgängererhebung aus dem Jahr 2012. Trotz methodischer Anpassungen zwischen den Erhebungen stuft die OECD diesen Vergleich als grundsätzlich belastbar ein.

Für Österreich zeigen die PIAAC-Ergebnisse, dass die Weiterbildungsbeteiligung zwischen 2012 und 2023 um 9,5 Prozentpunkte gesunken ist und zuletzt nur noch bei 39,4 Prozent liegt. Innerhalb der OECD lag der Rückgang im selben Zeitraum bei rund 4 Prozentpunkten. Damit entfernt sich Österreich immer mehr von den europäischen Zielvorgaben.

© A&W Blog


Soziale Ungleichheiten in der Weiterbildungsbeteiligung nehmen zu

Die Teilnahme an (formaler und non-formaler) Weiterbildung ist – das zeigt die Forschung – von ausgeprägten sozialen Ungleichheiten geprägt. Aktuelle Auswertungen der neuesten PIAAC-Daten zeigen nun, dass sich diese Muster in den letzten Jahren weiter verschärft haben. In einer Phase sinkender Gesamtbeteiligung gewinnen Selektionsmechanismen zusätzlich an Bedeutung: Weiterbildung erreicht zunehmend jene, die bereits über günstige Voraussetzungen verfügen.

Eine zentrale Rolle spielt dabei das erreichte Bildungsniveau. Der soziale Hintergrund wirkt vor allem über formale Bildung, die das Weiterbildungsverhalten im Erwachsenenalter maßgeblich prägt. Höher gebildete Personen verfügen in der Regel über bessere Lern- und Problemlösekompetenzen, bringen positive Bildungserfahrungen mit und fühlen sich im Umgang mit Bildungsinstitutionen sicherer. Zudem gehen mit höherer Bildung häufig ein stärkeres Bildungsinteresse, höhere Bildungsaspirationen und verinnerlichte Bildungsnormen einher. Diese Faktoren begünstigen Selbstselektionsprozesse: Wer bereits gute Voraussetzungen mitbringt, nimmt eher an Weiterbildung teil. Benachteiligte Gruppen – etwa Personen mit niedriger formaler Bildung oder instabilen Erwerbsbiografien – beteiligen sich entsprechend seltener. Die Weiterbildungsforschung spricht in diesem Zusammenhang von einer „doppelten Selektivität“: Weiterbildung wirkt meist nicht kompensatorisch, sondern verstärkt bestehende Bildungsungleichheiten.

Die aktuellen PIAAC-Daten verdeutlichen diese Entwicklung anhand mehrerer Befunde:

1. Bildungsniveau. Die Kluft zwischen höher und niedriger Gebildeten hat sich vergrößert. Während Personen mit Lehr- oder BMS-Abschluss 2012 noch häufiger an Weiterbildung teilnahmen als Personen mit Pflichtschulabschluss, zeigt sich dieser Vorteil 2023 nur noch für Personen mit Matura oder höherem Abschluss. Menschen mit mittleren Abschlüssen haben es heute schwerer, an Weiterbildung teilzunehmen.

2. Besonders aufschlussreich ist die Rolle grundlegender Kompetenzen. Die Lesekompetenz erweist sich beispielsweise als starker Prädiktor der Weiterbildungsbeteiligung – unabhängig von formalen Abschlüssen oder beruflichen Merkmalen. Je höher die individuelle Lesekompetenz, desto wahrscheinlicher ist die Teilnahme an Weiterbildung. Gleichzeitig ist der Anteil von Personen mit niedrigen Lesekompetenzen in Österreich substanziell gestiegen: In der 16- bis 65-jährigen Wohnbevölkerung nahm er um zwölf Prozentpunkte auf 29 Prozent zu. Damit droht sich die soziale Selektivität der Weiterbildung langfristig weiter zu verstärken.

3. Auch das berufliche Anforderungsniveau der ausgeübten Tätigkeit spielt immer mehr eine wichtige Rolle. Zwar war bereits 2012 eine höhere Weiterbildungsbeteiligung mit steigenden beruflichen Anforderungen verbunden, dieser Zusammenhang hat sich seither weiter verstärkt. Vor allem mittlere und höher qualifizierte Beschäftigte profitieren, während Personen in einfachen Tätigkeiten weiterhin geringere Teilnahmewahrscheinlichkeiten aufweisen.

Genannte Gründe für Nicht-Teilnahme

Um die Mechanismen sozialer Selektivität besser zu verstehen, lohnt sich auch ein Blick auf die angegebenen Gründe für die Nicht-Teilnahme an Weiterbildung. Solche Hinderungsgründe für nicht realisierte Lernvorhaben – sowohl im formalen als auch im non-formalen Bereich innerhalb der letzten zwölf Monate – wurden auch in PIAAC erhoben. Auffällig ist dabei die große Stabilität in der Rangfolge der genannten Gründe zwischen 2012 und 2023:

Mit deutlichem Abstand steht die berufliche Auslastung an erster Stelle: 34 Prozent der Befragten nannten sie 2012 als Hauptgrund, 2023 waren es noch rund 28 Prozent. Es folgen familiäre Verpflichtungen sowie ungünstige Zeitpläne oder Kursorte, während fehlende finanzielle Ressourcen ebenfalls eine relevante Rolle spielen.

Geschlechtsspezifische Unterschiede treten besonders zutage. Zwar geben sowohl Männer als auch Frauen Zeitmangel als zentrale Barriere an, die dahinterliegenden Ursachen unterscheiden sich jedoch erheblich. Männer führen Zeitmangel überwiegend auf berufliche Belastungen zurück (zu beiden Zeitpunkten rund 40 Prozent). Frauen hingegen nennen häufiger familiäre Verpflichtungen als Grund (jeweils rund 21 Prozent, gegenüber etwa 7 Prozent bei Männern). Diese Unterschiede verweisen auf die weiterhin ungleiche Verteilung von Care-Arbeit, die für Frauen eine strukturelle Hürde beim Zugang zu Weiterbildung darstellt.

Was ist zu tun?

Die Gründe für geringe Weiterbildungsbeteiligung sind keine rein individuellen Versäumnisse, sondern Ausdruck struktureller Hürden. Ob Menschen an Weiterbildung teilnehmen oder nicht, hängt weniger von persönlicher Motivation ab als von verfügbaren Ressourcen, betrieblichen Rahmenbedingungen, zeitlichen Spielräumen sowie realen Zugangsmöglichkeiten. In ihrer aktuellen Ausgestaltung trägt Weiterbildung daher nur begrenzt zum Abbau sozialer Ungleichheiten bei. Wie zuvor gezeigt, profitieren oft vor allem jene, die ohnehin über gute Voraussetzungen verfügen. Soll Weiterbildung tatsächlich zu mehr Chancengleichheit beitragen, braucht es eine gezielte bildungspolitische Strategie: eine stärkere Förderung bildungsbenachteiligter Gruppen, den Abbau zeitlicher und finanzieller Hürden (etwa durch bezahlte Weiterbildungszeit und existenzsichernde Förderungen), den Ausbau niedrigschwelliger und wohnortnaher Angebote sowie bessere Vereinbarkeit von Weiterbildung, Beruf und Familie. Zentral sind zudem Investitionen in Grund- und Basiskompetenzen, da sie eine zentrale Voraussetzung für weitere Lernprozesse darstellen. Auch Betriebe müssen stärker in die Verantwortung genommen werden: Insbesondere Beschäftigten in einfachen Tätigkeiten muss der Zugang zu Weiterbildung ermöglicht werden. Langfristig stellt sich daher auch die Frage nach verbindlichen Rechten: Ein Recht auf bezahlte Weiterbildungszeit könnte dazu beitragen, Bildungszugänge gerechter zu gestalten. Ohne eine solche Neuausrichtung droht Weiterbildung bestehende soziale Ungleichheiten nicht nur zu reproduzieren, sondern sie im Erwerbsverlauf weiter zu verfestigen.

Dieser Beitrag basiert auf dem Artikel „Soziale Ungleichheiten in der Weiterbildungsbeteiligung“ von Philipp Schnell, Georg Kessler und Peter Schlögl, der im Dezember 2025 im PIAAC-Expertenbericht der Statistik Austria erschienen ist.

Creative-Commons-Lizenz CC BY-SA 4.0: Dieser Beitrag ist unter einer Creative-Commons-Lizenz vom Typ Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International zugänglich. Um eine Kopie dieser Lizenz einzusehen, konsultieren Sie http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/. Weitere Informationen https://awblog.at/ueberdiesenblog/open-access-zielsetzung-und-verwendung