Was sagt uns der NEET-Indikator?

NEET steht für not in employment, education or training und fasst eine Kategorie junger Menschen zusammen, die weder im Beschäftigungs- noch im Ausbildungssystem integriert sind. Bei den ersten Schätzungen zu Österreich (Bacher und Tamesberger 2011) drehte sich die öffentliche Debatte vor allem um das Thema Schulschwänzen, was den komplexen Herausforderungen nicht gerecht wurde. Nun zeigt eine kürzlich veröffentlichte Studie, Problemausmaß, Ursachen und Lösungsstrategien auf.

 

Sinnvolle Ergänzung zur Jugendarbeitslosenquote

Kai Biehl hat in diesem Blog bereits ausführlich die Grenzen der Jugendarbeitslosenquote aufgezeigt. Aufgrund dieser Schwächen fokussieren international ExpertInnen und politische EntscheidungsträgerInnen zusätzlich auf den NEET-Indikator. Dies erscheint als sinnvoll, da bei alleiniger Betrachtung der Anzahl der arbeitslosen Jugendlichen, das Problemausmaß unterschätzt wird. So waren laut Eurostat im Jahr 2012 rund 5,5 Mio. Jugendliche in der Europäischen Union (EU 27) arbeitslos, während die Anzahl der NEET-Jugendlichen rund 7,7 Millionen betrug. Der Unterschied besteht darin, dass beim NEET-Indikator nicht nur arbeitslose Jugendliche (verfügbar und aktiv auf Arbeitssuche), sondern auch erwerblose Jugendliche (entweder nicht verfügbar oder/und nicht aktiv auf Arbeitssuche) hinzugezählt werden, die weder in Beschäftigung, (Aus-)Bildung, noch in einer Schulung oder in einer beruflichen Weiterbildung sind. In der nachstehenden Abbildung wird sichtbar, dass sich diese beiden Konzepte überschneiden. In Österreich sind rund 47% der NEET-Jugendlichen arbeitssuchend und von ihnen kann der Großteil (91,5%) innerhalb der nächsten zwei Wochen zu arbeiten beginnen.

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Der zweite Grund warum die Heranziehung des NEET-Indikators als sinnvoll erscheint ist, dass der Blick auf erwerbslose Jugendliche gelenkt wird, die ein erhöhtes Risiko von dauerhafter Ausgrenzung vom Arbeitsmarkt aufweisen können. Sie sollten sowohl für die Arbeitsmarktpolitik eine wichtige Zielgruppe darstellen, als auch für Betriebe Rekrutierungspotenziale erkennen lassen.

Vielfältige Bedürfnis- und Problemlagen

Dieser Vorteil führt auch gleichzeitig zu den Schwächen des Indikators. Aufgrund der breiten Definition fasst das Konzept Jugendliche zusammen, die sehr unterschiedliche Bedürfnis- und Problemlagen haben. So setzt sich die NEET-Gruppe in Österreich aus jungen frühen SchulabgängerInnen (21% aller NEET-Jugendlichen), aus LehrabsolventInnen in ländlichen Regionen (20%), die vermutlich Schwierigkeiten haben eine Beschäftigung in der Nähe ihres Wohnortes zu finden, sowie aus Jugendlichen mit Erkrankungen (9%) zusammen. Hinzukommen ältere Arbeitslose (18%)und SchulabsolventInnen in Warteposition (10%), die teilweise bereits eine Jobzusage haben oder auf den Präsenz- oder Zivildienst warten. Zwei Gruppen werden von jungen Müttern mit Betreuungspflichten gebildet (rund 23%). Es kann daher nicht bei allen NEET-Jugendlichen eine Ausgrenzungsgefahr angenommen werden. Auf der anderen Seite werden durch den Indikator nicht alle ausgrenzungsgefährdeten Jugendlichen erfasst, da z.B. prekär beschäftigte Jugendliche nicht berücksichtigt sind. Personen, die eine Erwerbstätigkeit von einer Stunde aufnehmen, würden bereits nicht mehr zur NEET-Gruppe zählen.

Stark konjunkturabhängig

 Im Durchschnitt der Jahre 2006 bis 2011 waren rund 78.000 junge Menschen im Alter zwischen 16 und 24 Jahren in einer NEET-Situation. Die Anzahl an NEET-Jugendlichen bzw. die NEET-Rate ist stark von der Konjunktur abhängig. So lag die NEET-Rate in Österreich im Jahr 2008 bei 7,8% und stieg krisenbedingt auf 9% bzw. 9,1% in den Jahren 2009 bzw. 2010. Bei der konjunkturellen Erholung im Jahr 2011 sank die NEET-Rate wieder auf 7,6%. Die Anzahl an NEET-Jugendlichen, die entsprechend der international üblichen Vorgehensweise in der Studie erhoben wurde, muss als Untergrenze beurteilt werden, da hier nur Jugendliche in Privathaushalten berücksichtigt sind. NEET-Jugendliche, die sich in Anstaltshaushalten wie z.B. in Jugendheimen befinden oder obdachlos sind, wurden hier noch nicht berücksichtigt.

Hauptursache früher Schulabgang

 Die Desintegration vom Beschäftigungs- und (Aus-)Bildungssystem, im Sinne eines NEET-Status, hat vielfältige und komplexe Ursachen. Sowohl in der quantitativen als auch in der qualitativen Untersuchung konnte jedoch ein früher Schulabgang als eine Hauptursache identifiziert werden. Unter frühe SchulabgängerInnen werden Jugendliche bezeichnet, die keinen Schulabschluss, nur den Abschluss einer Pflichtschule oder einer maximal einjährigen Fachschule (Berufsbildende mittlere Schulen BMS) haben und sich aktuell nicht mehr im Bildungssystem befinden. Etwas mehr als die Hälfte der NEET-Jugendliche (51,2% aller NEET-Jugendlichen) sind frühe SchulabgängerInnen. Weitere Erklärungsfaktoren sind vorausgehende Arbeitslosigkeitserfahrungen, Krankheiten und bei jungen Frauen Betreuungspflichten.

Handlungsempfehlungen

 Auch wenn Österreich im internationalen Vergleich eine relativ niedrige NEET-Rate aufweist, sind aufgrund der individuellen Schicksaale, der volkswirtschaftlichen Kosten und vor allem aufgrund der gesellschaftspolitischen Konsequenzen Gegenstrategien angezeigt. Als wichtige Ziele erscheinen hierbei u.a. die Reduktion des Anteils früher SchulabgängerInnen bzw. die Erhöhung der Arbeitsmarktchancen von frühen SchulabgängerInnen. Als Maßnahmen zur Vermeidung von frühem Schulabbruch sind eine bedarfsorientierte Mittelverteilung für Schulstandorte, die Einführung einer Gesamtschule, der Ausbau von Ganztagesschulen in verschränkter Form und Maßnahmen zur regionalen Vernetzung relevanter AkteurInnen (Schule, AMS, Jugend- und Sozialarbeit, Gemeinde, Unternehmen, NGOs, GKK, etc.) zu empfehlen. Die Netzwerke können auch Partizipations- und Entscheidungsmöglichkeiten für Jugendliche eröffnen. Aktive Arbeitsmarktpolitik kann die Arbeitsmarktchancen von benachteiligten Gruppen verbessern. Aufgrund der unterschiedlichen Problem- und Bedürfnislagen von NEET-Jugendlichen sind Maßnahmen dann erfolgsversprechend, wenn sie an den individuellen Bedürfnissen ansetzen, Beziehungsarbeit leisten, niedrigschwellig, flächendeckend und flexibel sind. Um jene Jugendliche zu erreichen, die traditionelle Institutionen meiden, empfehlen sich Konzepte der aufsuchenden Jugend- und Sozialarbeit. Notwendig ist darüber hinaus ein höheres Angebot an Arbeitsplätzen für Jugendliche mit geringer Bildung oder mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen. Allgemein wirken sich konjunkturbelebende Maßnahmen senkend auf die Anzahl an NEET-Jugendlichen aus. NEET-Jugendliche profitieren von Investitionen in die soziale Infrastruktur besonders. So würde ein deutlicher Ausbau der Kinderbetreuungsplätze, nicht nur direkt und indirekt Beschäftigungsmöglichkeiten schaffen (Buxbaum und Pirklbauer ), sondern insbesondere auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf für die Betroffenen erleichtern.

Der Blog-Beitrag erscheint in adaptierter Form im Rundbrief der Sozialplattform Oberösterreich.

Weiterführende Literaturhinweise, Studien und Medienberichte befinden sich zum Thema auf der Homepage des Instituts für Sozial- und Wirtschaftswissenschaften