Mythen der Arbeitswelt: weil nicht sein kann, was nicht sein darf?

Globalisierung und technischer Fortschritt bringen eine Beschleunigung in vielen Zusammenhängen, sodass es immer wieder zu mythischen Deutungen der wirtschaftlichen Wirklichkeit kommt. Problematische Entwicklungen sind häufig dadurch gekennzeichnet, dass sie im Anfangsstadium klein und unbedeutend sind. Wenn man sie im Entstehungszeitpunkt erkennt und entsprechende Maßnahmen setzt, kann man verhindern, dass sie sich auswachsen. Werden Entwicklungen ignoriert, so droht Gefahr, dass sie im Nachhinein nicht mehr korrigiert werden können.

Mythos 1: Der Anteil der Vollzeitarbeit ist stabil

Die Zunahme atypischer Beschäftigungsformen wird oft klein geredet unter Verweis auf die Tatsache, dass die überwiegende Anzahl von Arbeitsverhältnissen noch relativ „normal“ ist: 2012 hatten 40,9% der Menschen im Erwerbsalter 15-64 ein Vollzeitbeschäftigungsverhältnis als Angestellte oder ArbeiterInnen, 7,8 % waren BeamtInnen oder Vertragsbedienstete. Wie die folgende Graphik zeigt, blieben diese Werte seit 2004 ziemlich kontant.

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Ein Irrtum wäre es allerdings, daraus abzuleiten, dass die Arbeitswelt stabil ist und sich auch keine besonderen Gefahren abzeichnen. Allein schon die hohen Arbeitslosenzahlen signalisieren, dass z.B. die oft zu hörende These „wer arbeiten will, findet auch Arbeit“ für sehr viele Menschen blanker Zynismus ist. Dazu kommt, dass obige Grafik nichts über die Entwicklung der Arbeitseinkommen – und damit über Probleme wie „working poor“ etc (siehe unten) – aussagt.

Eher verdeckt als erhellt wird in der obigen Darstellungsweise die Dynamik der anteiligen Verschiebung zwischen Vollzeit- und Teilzeitbeschäftigung. Zwischen 2004 und 2013 ist der Anteil der Vollzeitarbeit von ca 80 auf 73 % zurückgegangen und parallel dazu der Anteil der Teilzeitarbeit von ca 20 auf ca 27 % gestiegen. Vgl. dazu: http://www.statistik.at/web_de/dynamic/presse/072738 und http://wko.at/statistik/wgraf/2013_21_Teilzeit_Vollzeit_2012.pdf

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Exkurs 1: Geht uns die Arbeit aus?

Arbeit war und ist immer ausreichend vorhanden. Frauen haben die längste Zeit einen großen Anteil davon unbezahlt bewältigt. In der Regel haben sie Kindererziehung und Pflegearbeit geleistet und nur ein finanziell privilegierter Teil der Frauen waren „Hausfrauen“. Durch die Erhöhung des Anteils der Frauenerwerbstätigkeit sind nicht “Untätige” für den Arbeitsmarkt gewonnen worden und arbeiten endlich, sondern unbezahlte Arbeit wird zunehmend sichtbar, weil sie nicht mehr unbezahlt geleistet wird bzw. Frauen sind Doppelbelastungen ausgesetzt. Viele Freiwillige arbeiten ohne Entgelt – da, wo sie die Notwendigkeit erkennen und die Arbeit trotz gesellschaftlicher Sinnhaftigkeit nicht getan wird. Auch Nonprofit-Organisationen greifen notwendige Arbeiten auf, die von der Gesellschaft bzw. öffentlichen Hand mangelhaft abgedeckt werden – zumeist unterbezahlt. Die Frage lautete also immer schon, ob die bezahlte Arbeit oder sog. „Erwerbsarbeit“ ausginge, ob jene Arbeitsform als historisch überholt angesehen werden kann, die existenzsichernd und lebens(er)füllend ist (Manfred Füllsack, Arbeit, facultas wuv, 2009, 85). Und wenn diese Form der Arbeit nicht mehr in ausreichendem Ausmaß zur Verfügung steht, nach welchen neuen Kriterien die verbleibende Erwerbsarbeit und der daraus entstehende Wohlstand fair verteilt werden kann.

WIFO-Chef Karl Aiginger setzte sich in seiner Rede in Alpbach sehr kritisch mit derartigen Hypothesen auseinander. Er prognostizierte zwar, dass trotz technologischer Entwicklungen, Konsumermüdungen („Sättigungsthese“), Globalisierung, Qualifikationsmangel bzw. mangelnder Passung (Mismatch) oder Mangel an Zukunftsinvestitionen, die Arbeitsnachfrage langfristig gesehen nicht geringer sein werde als das Arbeitsangebot, allerdings – und das scheint mir zentral – nur, wenn die zur Verfügung stehenden Gegenstrategien um Ausgleich herzustellen auch ergriffen werden. Als Faktor, der Arbeitsnachfrage, Einkommenszuwachs und den weiteren Wohlstandsanstieg am stärksten bedrohe, identifiziert er die beschränkte Steuerungsfähigkeit unserer Gesellschaft durch Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik.

Exkurs 2: Statistik und deren Interpretation

Statistische Daten erfassen Ausschnitte der Wirklichkeit. Die Interpretation dieser Daten ist aber nicht unabhängig von der politischen Ausrichtung des Interpretierenden. Was z.B. überhaupt nicht thematisiert wird, ist die Wertschöpfung, die durch unbezahlte Arbeit erbracht wird  (Luise Gubitzer, Modell fünf Sektoren der Gesamtwirtschaft).

Die Aussagekraft von Statistiken stößt rasch an ihre Grenzen, wenn die Datenlage schlecht oder konfus ist, wie das z.B. bei der Verschiebung von der unselbständigen hin zur selbständigen Beschäftigung bzw. bei der Ausbreitung des Phänomens „neue Selbständigkeit“ der Fall ist.

Laut Aussagen der WKÖ nimmt die Anzahl der Einpersonenunternehmen (EPU) stark zu. Laut dem jährlich erscheinenden Publikationsorgan der WKÖ „EPU-Fact Sheets“ wuchs der EPU-Mitgliedschaftstand von 2006-2012 von 183.297 auf 251.176. Da alle Mitgliedschaften zur WKÖ gezählt werden, gibt es Doppelzählungen (regional und fachlich).

Statistik Austria weist dem gegenüber ein im Wesentlichen stagnierendes „Wachstum“ der Unternehmen ohne Beschäftigte aus (von 154.627 auf 157.282 im Zeitraum2006-2011). Bei dieser Zählung werden allerdings Unternehmen, deren Jahresumsatz weniger als € 10.000.- beträgt, nicht gezählt. Es ist davon auszugehen, dass ca die Hälfte der EPU-Zuwächse in den Jahren 2010 und 2011 selbständige PersonenbetreuerInnen ausmachen.

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Mythos 2: Atypische Arbeitsformen erleichtern die Integration in den Arbeitsmarkt

Fakt ist:

  • Unter den unselbständigen Beschäftigungsverhältnissen sind bereits 31 % als atypisch (befristet, geringfügig, Teilzeit, Leiharbeit) einzustufen, um 5 % mehr als noch 2004
  • unter den unselbständig beschäftigten Frauen macht der Anteil der atypischen Beschäftigungen bereits mehr als 50 % aus
  • der Beschäftigungszuwachs zwischen 2004 und 2013 ist bei den Frauen nur zu 21 % auf Vollzeitstellen, aber zu 79 % auf Teilzeitstellen (inkl. geringfügige Beschäftigung) zurückzuführen; bei den Männern zu 40 % auf Vollzeitstellen und zu 60 % auf Teilzeit (inkl. geringfügige Beschäftigung)
  • und gut 37 % aller teilzeitbeschäftigten Frauen arbeiten aufgrund der Betreuung von Kindern nicht Vollzeit.

Wäre die These richtig, dass atypische Beschäftigungsformen integrierende Wirkung haben, dann müsste die (massiv) steigende Zahl vor allem der Teilzeitbeschäftigten in einem entsprechenden Anstieg der Zahl der Vollzeitbeschäftigungsverhältnisse Niederschlag finden, was aber nicht der Fall ist.

Mythos 3: Erwerbsarbeit ist Garant gegen Armut

Die folgende Graphik zeigt die wachsende Anzahl armutsgefährdeter Personen in Österreich. Im Jahr 2012 wurden 1,2 Mio Menschen als armutsgefährdet eingestuft, davon 426.000 Personen in manifester Armut.

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Manifeste Armut liegt vor, wenn Einkommensarmut (geringes Einkommen) und Deprivation (soziale Ausgrenzung) zusammentreffen. Laut Armutskonferenz sind vor allem MigrantInnen und Alleinerziehende betroffen. Viele sind erwerbslos, andere haben Jobs, von denen sie nicht leben können. Frauen sind stärker betroffen als Männer. Ein Viertel der Armutsbetroffenen sind Kinder.

Studien zeigen, dass selbst sog. Normalarbeitsverhältnisse unter den strukturellen und wirtschaftlich veränderten Rahmenbedingungen in vielen Fällen nur ein Leben in Armut ermöglichen. VerliererInnen des strukturellen Wandels sind u.a. Beschäftigte in personenbezogenen Dienstleistungen und ArbeitnehmerInnen in Kleinbetrieben. Laut EU SILC 2012 sind in Österreich 299.000 erwerbstätige Personen (mindestens 6 Monate Voll- oder Teilzeitarbeit) im Erwerbsalter (18-64 Jahre) armutsgefährdet. Das sind 8 Prozent der Erwerbstätigen.

Besonders gefährdet sind Personen in atypischen Beschäftigungsverhältnissen (incl diverser – zumeist nicht freiwillig gewählter – Formen der „neuen Selbständigkeit“). Von Tamara Geisberger und Käthe Knittler wurde aufgezeigt, dass das Einkommen von 27 % der atypisch Beschäftigten unterhalb der Niedriglohnschwelle liegt während von den Beschäftigten mit einem Normalarbeitsverhältnis nur 8,7% weniger als 7,65 € brutto pro Stunde verdienten. Ähnliches zeigt eine jüngst gemachte Umfrage für die Gruppe der Einpersonenunternehmungen. Hier wurde deutlich, dass sich auch in jenem Segment, das gemeinhin mit „Freiheit“ assoziiert wird – nämlich der „neuen Selbständigkeit“ in Form der Einpersonenunternehmen – die Gesamtsituation in einer nicht vernachlässigbaren Größenordnung als ziemlich problematisch darstellt. Bei 29 % der befragten Solo-Selbstständigen wurde konstatiert, dass überdurchschnittlichen Belastungen eine unterdurchschnittliche Ressourcenausstattung gegenübersteht.

Evident ist, dass derartige Entwicklungen auch aus Sicht der öffentlichen Haushalte und des Sozialstaats sehr beunruhigend sind (sinkende Realeinkommen bewirken sinkende Einnahmen; nicht existenzsichernde Arbeitseinkommen erhöhen den Transferbedarf; etc). Schließlich ist noch darauf hinzuweisen, dass das Anwachsen der Zahl atypischer Beschäftigungsformen und unfreiwilliger Selbständigkeit nicht ohne Einfluss auf die sog. „normalen“ Arbeitsverhältnisse bleibt: Die Sicherheit des Arbeitsplatzes hat deutlich abgenommen hat (ETUI Benchmarking Working Europe 2014, 87) und die psychischen Belastungen steigen (nach den Daten des Arbeitsgesundheitsmonitors der AK OÖ waren 2012 30 % der AN psychisch belastet).