Lebensbegleitendes Lernen: Warum wir starke Sozialpartner brauchen

Im Zuge der Debatte über die Sozialpartnerschaft und die Kammern wird nicht gesehen, dass diese für das lebensbegleitende Lernen einen wichtigen Beitrag leisten. Insbesondere die Erwachsenenbildung, als längster Teil der Bildungskette im Lebensverlauf, erfährt eine besonders wichtige Unterstützung, die dem wirtschaftlichen Wachstum wie auch dem persönlichen Wohlergehen zugutekommt. Ohne die Leistungen der Kammern würde Österreich beim lebensbegleitenden Lernen und bei der Teilnahme am Erwachsenenlernen nicht diese Erfolge haben.

Erwachsenenbildung ist wichtiger denn je

Erwachsenenbildung beginnt nach einer unterschiedlich lang verlaufenden Erstausbildung und reicht bis ins hohe Alter. Sie ist damit der zeitlich längste Bildungsabschnitt im Laufe eines Lebens und ein fixer sowie notwendiger Bestandteil der modernen Gesellschaft und Wirtschaft. Erwachsenenbildung wirkt unmittelbar und innovativ auf die Wirtschaft, wie eine internationale Studie für die Europäische Kommission zeigt. Erwachsenenbildung wirkt sich auch auf das persönliche Wohlbefinden und auf das Zusammenleben aus, wie wir der Studie „Benefits of Lifelong Learning in Europe“ entnehmen können, die in zehn Ländern Europas durchgeführt wurde. Das persönliche Wohlbefinden ist wiederum entscheidend für ein gelungenes Leben, wie es auch im Regierungsprogramm 2017–2022 als Ziel angegeben ist. Bildungsökonomen argumentieren, dass Erwachsenenbildung und Weiterbildung sowie Lernen am Arbeitsplatz mindestens genauso wichtig sind wie beispielsweise die frühkindliche Bildung, kurz- und mittelfristig aber sogar wichtiger als die anderen Bildungsbereiche. Erwachsenenbildung ist ein Wachstums- und Innovationstreiber und wird im Zuge der Digitalisierung noch wichtiger werden.

Österreich im internationalen Vergleich

Die Beteiligung am lebensbegleitenden Lernen in Österreich ist von 2012 auf 2016 um 11,7 Prozentpunkte gestiegen – das berichtet der europaweit durchgeführte Adult Education Survey (AES 2016). Eine derartige Steigerung zeigt jedenfalls nach den vorliegenden vorläufigen Daten von Eurostat nur noch Lettland, ansonsten aber kein anderes Land der EU.

Diese hohe Zunahme der Beteiligung ist auf ein gutes Zusammenwirken von europaweit herausragenden bundesweiten Programmen wie beispielsweise der „Initiative Erwachsenenbildung“ und eine gut strukturierte, flächendeckend tätige sowie inhaltlich breit aufgestellte Erwachsenenbildung zurückzuführen.

An diesem Erfolg sind die Kammern wesentlich beteiligt. Die Sozialpartner gestalten mehrere staatliche Erwachsenenbildungsmaßnahmen und die aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds kofinanzierten Programme mit und setzen sich für die strukturellen Rahmenbedingungen insbesondere der gemeinnützigen Erwachsenenbildung ein.

Die Leistungen der Kammern für das lebensbegleitende Lernen

Die Sozialpartner und insbesondere die Kammern erbringen vielfältige Leistungen für das lebensbegleitende Lernen im Allgemeinen und für die Erwachsenenbildung im Besonderen:

  • Die Kammern für Arbeiter und Angestellte, die Wirtschaftskammern und die Landwirtschaftskammern sind Träger von Erwachsenenbildungseinrichtungen wie Berufsförderungsinstituten, Volkshochschulen in einigen Bundesländern, Wirtschaftsförderungsinstituten und ländlichen Fortbildungsinstituten. Damit tragen die Kammern entscheidend zur Flächendeckung in der Erwachsenenbildung bei.
  • Die Kammern haben eine wichtige Stimme im Gesetzgebungsprozess zum lebenslangen Lernen und sind in mehreren Gremien tätig, die sich mit Erwachsenenbildung befassen.
  • Die Kammern fördern und unterstützen bildungspolitische Maßnahmen, die die Chancen der Menschen verbessern: die Programme Basisbildung und Pflichtschulabschluss im Rahmen der „Initiative Erwachsenenbildung“, das Programm „Lehre mit Matura“ und die Berufsreifeprüfung.

Schließlich sind noch zahlreiche Fördermaßnahmen der Kammern zu erwähnen, die direkt und motivierend die Teilnahme am Erwachsenenlernen beeinflussen, wie zum Beispiel:

  • die Bildungsgutscheine der Kammern für Arbeiter und Angestellte.

Die zentrale Rolle der Sozialpartner für das lebensbegleitende Lernen in Österreich wird auch von der Europäischen Kommission hervorgehoben, insbesondere deren strategische Arbeit. Die Sozialpartner-Strategie „Chance Bildung“ hat mehrere Maßnahmen und Programme zum lebensbegleitenden Lernen initiiert und wesentlich beeinflusst.

Erwachsenenbildung ohne Sozialpartner schwer machbar

Die Bedeutung der Kammern für die österreichische Erwachsenenbildung wird bei den verschiedenen Förderinstrumenten gut sichtbar. Die österreichweite Datenbank zur Kursförderung listet allein für die Kammern 38 Maßnahmen der Bildungsförderung auf, die von Lehrlingen, Lernenden im Zweiten Bildungsweg (zum Beispiel Berufsreifeprüfung) und von vielen TeilnehmerInnen in der Erwachsenenbildung beansprucht werden können.

Laut einem Informationsblatt der Kammer für Arbeiter und Angestellte wurden im Jahre 2016 mehr als 63.000 Bildungsgutscheine im Wert von 4,6 Millionen Euro ausgegeben, das sind durchschnittlich 72,7 Euro je Bildungsgutschein. Aus vielen Rückmeldungen von Personen, die Bildungsgutscheine in Anspruch genommen haben, wissen wir, dass Individualförderungen entscheidende Treiber für den Besuch von Kursen und Seminaren in der Erwachsenenbildung sind.

Eine Abschaffung dieser vielen Leistungen der Kammern zur Bildungsförderung würde zweifelsohne auch einen Rückgang in der Teilnahme an Erwachsenenbildung bewirken. Dies würde sich in weiterer Folge auf die Qualifizierung und die Innovationsbereitschaft der Arbeitskräfte auswirken und könnte zu Schäden in der Wirtschaft führen. Da Erwachsenenbildung auch auf das persönliche Wohlbefinden wirkt, das wiederum wichtig ist für ein gutes Zusammenleben, sind auch hier negative Auswirkungen zu befürchten.

Schließlich würde eine Reduktion der Ausgaben der Kammern für ihre Bildungsinstitute Auswirkungen auf deren Leistungen haben bzw. infolge zur Verteuerung der Kursgebühren führen, was wiederum die Teilnahme verringern könnte.

Um das bestehende Weiterbildungsangebot aufrechterhalten und auch die Beteiligung halten zu können, wäre es im Worst Case notwendig, dass andere öffentliche Körperschaften „einspringen“. In diesem Fall würde es, wenn wir die Situation in Deutschland betrachten, wahrscheinlich viel stärker als bisher die Länder und Gemeinden sowie Städte mit höheren Ausgaben treffen.

Fazit

Erwachsenenbildung in Österreich wird durch die vielfältigen Aktivitäten und das Engagement der Sozialpartner und insbesondere der Kammern wirksam unterstützt. Diese Unterstützung umfasst die Schaffung von Rahmenbedingungen für die Erwachsenenbildung, durch die in weiterer Folge auch leistbare und qualitätsvolle Bildungsangebote umgesetzt werden können. Die Aktivitäten der Kammern motivieren auch direkt zur Teilnahme an Bildungsveranstaltungen und zum eigenständigen Weiterlernen. Eine Reduktion der Aktivitäten der Kammern und insbesondere in der Erwachsenenbildung würde die Erwachsenenbildung schwächen und es ist zu befürchten, dass dies eine Verringerung der Teilnahme am Erwachsenenlernen zur Folge hat.

 

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