Umverteilung durch den Staat in Österreich – aktuelle Erkenntnisse und Entwicklungen seit 2005

15. März 2024

Wie verändert sich die Einkommenssituation der Bevölkerung in Österreich durch staatliche Umverteilung? Ausgehend von hohen Ungleichheiten bei den Markteinkommen, haben nach den Pensionen Sachleistungen, insbesondere im Bereich Gesundheit und Bildung, den größten Einfluss auf die Verringerung der Ungleichheit. Österreich verzeichnet im internationalen Vergleich eine geringe Einkommensungleichheit, die sich zwischen 2005 und 2019 nur geringfügig verändert hat. Diese Stabilität ist jedoch das Ergebnis gegenläufiger Entwicklungen bei jüngeren und älteren Haushalten.

WIFO-Umverteilungsstudien

Seit 1986 analysiert das WIFO die Einkommenssituation der Bevölkerung in privaten Haushalten vor und nach der Umverteilung durch Einnahmen und Ausgaben des Staates. Aus der eingenommenen Querschnittsperspektive steht die Umverteilung zwischen Privathaushalten innerhalb eines Jahres im Vordergrund. Die Positionen der Haushalte als Leistungs-Nettoempfangende oder -zahlende verändert sich jedoch mit der Zeit bzw. über den Lebenszyklus. Umverteilung findet sowohl zwischen Einkommensgruppen (vertikale Umverteilung) als auch zwischen Haushalten mit unterschiedlichen Merkmalen und ähnlichem Einkommen (horizontale Umverteilung) statt.

Da die Studie auf die Ergebnisse der alle fünf Jahre erscheinenden Konsumerhebung zurückgreift, untersucht die aktuelle WIFO-Umverteilungsstudie die Wirkung von Einkommensteuern, Sozialbeiträgen, indirekten Steuern, öffentlichen monetären Geld- und Sachleistungen im Jahr 2019. Zudem wird die Verteilung der Markteinkommen für die Jahre 2005, 2010, 2015 und 2019 nachgezeichnet.

Hohe Markteinkommensungleichheit

Ausgangspunkt für die Analyse der Umverteilung sind die Markteinkommen, also jene Einkommen, die die Menschen durch Erwerbstätigkeit, Vermögen oder private Zusatzeinkommen am Markt erzielen, bevor Steuern abgezogen werden und staatliche Leistungen hinzukommen. Sie bestehen 2019 zu 77 Prozent aus unselbstständiger Arbeit, zu 11 Prozent aus selbstständiger Arbeit, zu 3 Prozent aus Zinsen und Dividenden, zu 2 Prozent aus Mieteinnahmen und zu 7 Prozent aus anderen Einkommensquellen. Insgesamt beliefen sich die Markteinkommen auf 195,2 Mrd. Euro. Die Verteilung der Markteinkommen zeigt eine starke Polarisierung. Untere Einkommensgruppen haben wenig oder kein Einkommen aus Arbeit oder Kapital. Die 20 Prozent der Bevölkerung mit den geringsten Markteinkommen erhalten nur 1,5 Prozent der Markteinkommen, während auf das obere Fünftel 47,6 Prozent entfallen. Darüber hinaus sind Pensionsbeziehende stark in den unteren Gruppen vertreten.

Neben den Pensionen sind Sachleistungen die dominierende Form der öffentlichen Leistungen

Die in der Studie berücksichtigten öffentlichen Leistungen betragen insgesamt 119,4 Mrd. Euro. Mit 67 Mrd. Euro nehmen die monetären Leistungen einen Anteil von 56 Prozent ein. Davon entfallen 44 Prozent auf öffentliche Bruttopensionen, während sich der verbleibende Anteil auf Leistungen wie Arbeitslosengeld, Notstandshilfe, Familienleistungen, Pflegegeld, Bedarfsorientierte Mindestsicherung, staatliche Unterhaltsvorschüsse und Wohnbeihilfe verteilt. Die berücksichtigten Sachleistungen belaufen sich auf 52 Mrd. Euro und umfassen Leistungen im Gesundheits- und Bildungsbereich, Nutzung von institutionellen Kinderbetreuungseinrichtungen, Kosten für Schulbücher, Schüler:innen- und Lehrlingsfreifahrt sowie Leistungen der aktiven Arbeitsmarktpolitik. Auch der finanzielle Vorteil durch die Nutzung von geförderten Wohnungen oder Wohnungsdarlehen wird hierbei berücksichtigt.

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Großteil der öffentlichen Leistungen ist altersabhängig

Aus einer Querschnittsperspektive – wie in der vorliegenden Arbeit eingenommen – steht die Umverteilung zwischen Privathaushalten innerhalb eines Jahres im Vordergrund. Allerdings sind die meisten öffentlichen Leistungen altersabhängig und zielen darauf ab, über den Lebenszyklus hinweg und zwischen Haushalten mit verschiedenen (nicht-monetären) Merkmalen umzuverteilen. Die gesetzlichen Bruttopensionen nehmen hierbei eine besondere Stellung ein. Sie stellen für den Großteil der Pensionsbeziehenden ein nachgelagertes Markteinkommen dar, für das in der Vergangenheit Pensionsversicherungsbeiträge gezahlt wurden.

Hohes Ausmaß an Umverteilung durch öffentliche Sachleistungen

Die Wirkung der öffentlichen Leistungen und Abgaben auf die Verringerung der Einkommensungleichheit kann wie folgt aufgeschlüsselt werden: 38 Prozent der Umverteilung resultierten 2019 aus öffentlichen Bruttopensionen. Da hier eine signifikante Umverteilung zwischen den verschiedenen Phasen im Lebenszyklus einer Person stattfindet, werden öffentliche Pensionen in der WIFO-Umverteilungsstudie auch getrennt von anderen Geldleistungen dargestellt.

Neben den Pensionen hatten die wohlfahrtsstaatlichen Sachleistungen den größten Einfluss auf die Verringerung der Einkommensungleichheit (33 Prozent). Dabei machten Gesundheitsleistungen knapp ein Fünftel (19 Prozent) aus, Bildungsleistungen 10 Prozent und die verbleibenden Sachleistungen (Familie, Wohnen und Arbeitslosigkeit) 5 Prozent. Abgaben trugen insgesamt 16 Prozent zur Ungleichheitsverringerung bei, wobei die direkten einkommensabhängigen Abgaben (wie etwa die Lohnsteuer) progressiv (22 Prozent Umverteilungsbeitrag) und die indirekten Steuern (Konsumsteuern) regressiv (-6 Prozent) wirken. Öffentliche monetäre Leistungen trugen insgesamt 13 Prozent zur Verringerung der Ungleichheit bei. Leistungen nach dem Versorgungsprinzip (wie direkte Familienleistungen und Pflegegeld), die größtenteils einkommensunabhängig sind, machten 6 Prozent aus. Leistungen nach dem Versicherungsprinzip (einschließlich Leistungen der Arbeitslosenversicherung) trugen 5 Prozent bei. Leistungen nach dem Fürsorgeprinzip (wie die bedarfsorientierte Mindestsicherung bzw. Sozialhilfe) hatten nur einen Beitrag von 2 Prozent zur Umverteilung, erfüllten jedoch eine zentrale Einkommens- und Sicherungsfunktion für betroffene Haushalte.

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Welchen Beitrag leisten die unterschiedlichen Einkommensgruppen in Form von Abgaben?

Die Berechnung der Abgaben erfolgt auf der Individualebene mittels Mikrosimulation, wobei sowohl die Anspruchsvoraussetzungen als auch die Inanspruchnahme von Steuerbegünstigungen auf der Grundlage personen- und haushaltsspezifischer Information simuliert wird. Die Abgabenquote betrug 2019 im Durchschnitt der Bevölkerung 31,7 Prozent. Die Abgabenbelastung variiert abhängig von Höhe und Struktur der Einkommen im Haushalt. Personen im unteren Zehntel der Verteilung der Primäreinkommen (Markt- und Pensionseinkommen) wandten knapp 15 Prozent ihres Bruttogesamteinkommens für indirekte und 4 Prozent für direkte Abgaben auf (insgesamt 20 Prozent des Einkommens), für Personen im oberen Einkommenszehntel betrugen diese Anteile 5 Prozent und 35 Prozent (insgesamt 40 Prozent).


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Zunehmende Einkommenspolarisierung zwischen jüngeren und älteren Haushalten 

Bei einem Blick auf die Entwicklung über den Zeitraum von 2005 bis 2019 fallen zwischen 2005 und 2010 starke Verschiebungen bei Personen in jungen Haushalten (Hauptverdienende bis 35 Jahre) mit Kindern auf. Ihr Anteil im unteren Einkommensdrittel stieg von 46 Prozent im Jahr 2005 auf 58 Prozent im Jahr 2010 und blieb bis 2019 nahezu unverändert. Parallel dazu halbierte sich ihr Anteil im oberen Einkommensdrittel von 19 Prozent (2005) auf 7 Prozent (2019). Diese Veränderungen dürften mit einer schwachen Einkommensentwicklung für diese Gruppe zusammenhängen. Grundsätzlich zeigt sich, dass im Zuge der Alterung immer mehr Menschen in Haushalten mit Hauptverdienenden unter 45 Jahren (mit und ohne Kinder) im unteren Einkommensdrittel zu finden sind. Der Anteil der Bevölkerung in Haushalten mit Hauptverdienenden über 65 Jahren verlagerte sich um 8 Prozentpunkte vom unteren zum mittleren Einkommensdrittel. Obwohl die Umverteilung zu Haushalten mit Kindern diese Trends abmilderte, zeigte sich dennoch eine wachsende Kluft zwischen jüngeren und älteren Haushalten auch bei den Sekundäreinkommen.

Steigende Armutsgefährdung bei jüngeren Haushalten 

Zwischen 2005 und 2019 sank die Armutsgefährdungsquote insgesamt leicht um 0,4 Prozentpunkte. Bei Personen in jungen Haushalten mit Kindern stieg sie um +4,6 Prozentpunkte auf 25 Prozent, während sie bei Personen in Haushalten mittleren Alters um +4,5 Prozentpunkte auf 17 Prozent stieg. Bei Haushalten mit über 65-jährigen Hauptverdienenden hingegen sank die Quote um 6,3 Prozentpunkte auf 11 Prozent. Auch das Armutsrisiko von Kindern in jüngeren Haushalten stieg im Vergleich zu Kindern in Haushalten mit älteren Hauptverdienenden deutlich. Im Jahr 2019 war die Kinderarmut in jungen Haushalten fast dreimal so hoch und in Haushalten mittleren Alters doppelt so hoch wie in Haushalten mit Hauptverdienenden zwischen 46 und 65 Jahren.

In der Struktur der öffentlichen Ausgaben für Familien verringerte sich das Gewicht der monetären Familienleistungen u. a. aufgrund des realen Wertverlusts bei direkten Geldleistungen (11 Prozent) zugunsten der Aufwendungen für institutionelle Kinderbetreuung (mehr als verdoppelt) und für steuerliche Begünstigungen (mehr als verdreifacht; Familienbonus), von denen Familien im mittleren und oberen Einkommensdrittel stärker profitieren. Mit der Valorisierung der Geldleistungen seit 2023 dürfte sich diese Entwicklung etwas abschwächen.

Fazit

Auch die aktuelle Umverteilungsstudie zeigt einmal mehr die Bedeutung des Staates für die Einkommensverteilung in Österreich auf. Die Umverteilung durch öffentliche Leistungen und Abgaben führt zu einer deutlich gleichmäßigeren Verteilung der Ressourcen auf die Bevölkerung – insbesondere zwischen unterschiedlichen Altersgruppen. Neben den Pensionen haben die wohlfahrtsstaatlichen Sachleistungen den größten Einfluss auf die Verringerung der Einkommensungleichheit. Hier haben Leistungen, die von Menschen aus allen Einkommensklassen genutzt werden, wie Gesundheits- oder Bildungsleistungen, den größten Anteil.

Zentrale Erkenntnisse bei der Betrachtung über den Zeitverlauf, wie eine Einkommenspolarisierung zwischen jüngeren und älteren Haushalten sowie eine steigende Armutsgefährdung bei jüngeren Haushalten, sollten Anlass zu weiterer Forschung sowie politischen Diskussionen geben.

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