„Fat Cat Day“: Wenn ein Jahr Arbeit im Jänner erledigt ist

09. Januar 2026

Am 9. Jänner ist „Fat Cat Day“. Ab diesem Zeitpunkt haben die Vorstandsvorsitzenden der größten börsennotierten Unternehmen in Österreich rechnerisch bereits so viel verdient wie ein:e durchschnittliche:r Beschäftigte:r im gesamten Jahr. Der Vergleich macht sichtbar, wie weit sich Spitzengehälter von Arbeitseinkommen entfernt haben.

Was hinter dem Fat Cat Day steckt

Der Fat Cat Day, benannt nach dem gleichnamigen englischen Begriff für besonders wohlhabende und einflussreiche Personen, bezeichnet jenen Tag, an dem das Jahres-Medianeinkommen der österreichischen Beschäftigten durch Vorstandsvorsitzende (CEOs) der 20 Unternehmen des Leitindex der Wiener Börse (ATX) erreicht wird. Als Vergleichsgröße dient das Medianeinkommen laut Hauptverband der Sozialversicherungsträger, das 2024 bei 42.012 Euro brutto lag.

Für die Vorstandsvergütungen werden die durchschnittlichen CEO-Bezüge 2024 herangezogen, wie sie in den Vergütungsberichten und Konzernabschlüssen der ATX-Unternehmen ausgewiesen sind. Die Berechnung folgt der Methodik des britischen High Pay Centre: Ein:e Vorstandsvorsitzende:r arbeitet demnach 12 Stunden pro Tag, an 320 Tagen im Jahr, also 3.840 Stunden.

Vier Tage Arbeit an der Spitze

Auf Basis dieser Annahmen ergibt sich ein durchschnittlicher Stundenlohn von 721 Euro für ATX-Vorstandsvorsitzende. Um das Medianeinkommen eines gesamten Arbeitsjahres zu erreichen, müssen CEOs rechnerisch lediglich 58 Arbeitsstunden leisten – das entspricht vier vollen 12-Stunden-Tagen und weiteren 10 Stunden.

Da der 1. und der 6. Jänner Feiertage sind und das erste Wochenende arbeitsfrei bleibt, erreichen ATX-Vorstandsvorsitzende das Jahres-Medianeinkommen der Beschäftigten am Freitag, dem 9. Jänner, gegen 18 Uhr.

Keine Ausnahme, sondern Struktur

Ein Blick auf die einzelnen ATX-Unternehmen macht deutlich, wie extrem die Einkommensspreizung ausfällt. Mehrere Vorstandsvorsitzende erreichen das Jahres-Medianeinkommen der Beschäftigten innerhalb weniger Arbeitstage. In einem Fall genügen rechnerisch nicht einmal eineinhalb Tage, um jenes Einkommen zu erzielen, für das andere ein ganzes Jahr arbeiten.

Doch auch dort, wo die Vorstandsvergütung am unteren Ende des ATX liegt, bleibt die Relation aus dem Lot: Selbst der geringstverdienende Vorstandsvorsitzende erreicht das Jahres-Medianeinkommen der Beschäftigten in weniger als drei Arbeitswochen.

Der Fat Cat Day ist damit kein Ergebnis einzelner Ausreißer; er ist Ausdruck eines Vergütungssystems, in dem selbst „niedrige“ Spitzengehälter in keinem vernünftigen Verhältnis zu Arbeitseinkommen stehen.

Einkommen in völlig anderen Dimensionen

Im Durchschnitt erhielten ATX-Vorstandsvorsitzende 2024 rund 2,8 Millionen Euro. Damit liegt ihre Vergütung beim 66-Fachen des Medianeinkommens eines bzw. einer österreichischen Beschäftigten. Zwar ist dieser Faktor im Vergleich zum Vorjahr gesunken, die absolute Einkommensdifferenz bleibt jedoch enorm.

Der Vergleich zeigt: Auch wenn Löhne zuletzt gestiegen sind, entwickeln sich Einkommen an der Spitze in völlig anderen Dimensionen.

Ungleich verteilt – auch zwischen den Geschlechtern

Diese Einkommensunterschiede sind dabei nicht geschlechtsneutral verteilt. Die Vorstandsvorsitzenden der ATX-Unternehmen sind nahezu ausschließlich Männer (eine Frau unter 20 Vorstandsvorsitzenden). Frauen sind in den obersten Managementpositionen weiterhin massiv unterrepräsentiert – und damit auch beim Zugang zu den höchsten Einkommen.

Demgegenüber steht ein Medianeinkommen, das wesentlich durch die Erwerbsrealität von Frauen geprägt ist. Frauen arbeiten häufiger in Teilzeit, übernehmen einen größeren Anteil unbezahlter Care-Arbeit und sind überdurchschnittlich oft in Branchen mit niedrigeren Löhnen beschäftigt. Diese strukturellen Unterschiede schlagen sich direkt im Medianeinkommen nieder.

Der Fat Cat Day ist daher nur bedingt dazu geeignet, einen Gender-Vergleich zu ziehen. Er macht jedoch sichtbar, wie sich Einkommens- und Machtstrukturen überschneiden: Spitzengehälter sind überwiegend männlich, während Frauen überdurchschnittlich oft von niedrigeren Einkommen und eingeschränkten Aufstiegsmöglichkeiten betroffen sind.

© A&W Blog


Der Fat Cat Day zeigt: Extreme Einkommensunterschiede sind kein Naturgesetz. Sie sind das Ergebnis konkreter Regeln – und damit auch veränderbar. Aus AK-Sicht braucht es daher klare Korrekturen:

  • Verbindliche Einkommensrelationen zwischen Vorstand und Belegschaft: Aufsichtsräte müssen sicherstellen, dass Vorstandsvergütungen in einem nachvollziehbaren Verhältnis zu den Einkommen der Beschäftigten stehen.
  • Begrenzung variabler Vergütungsbestandteile: Boni und Prämien dürfen nicht länger nach oben offen sein.
  • Mehr Transparenz: Vergütungsberichte müssen verständlich, vergleichbar und vollständig sein, statt immer komplexer und intransparenter zu werden.
  • Nachhaltige Vergütungssysteme: Vorstandsgehälter müssen stärker an soziale Kriterien gekoppelt werden – etwa an Beschäftigungssicherung, Arbeitsbedingungen und Gleichstellung.

Ohne solche Korrekturen bleibt der Fat Cat Day kein Warnsignal, sondern die jährliche Bestätigung einer Schieflage, die sich weiter verfestigt.


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