Unter­nehmens­insolvenzen lassen Gesund­heits­ausgaben steigen

06. Juli 2026

Wenn bei Schließungen von Unternehmen viele Menschen ihre Arbeit verlieren, dann hat das nicht nur arbeitsmarktpolitische Folgen. Eine Studie der Uni Linz im Auftrag der AK OÖ zeigt, dass Massenbeendigungen von Arbeitsverhältnissen die Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen enorm erhöhen. Managementversagen führt daher nicht nur zu Arbeitsplatzverlusten, sondern zu einer Gefährdung und höheren Kosten der Gesundheitsversorgung. Diese stößt aber schon jetzt in vielen oberösterreichischen Bezirken an ihre Grenzen.

Gesundheit wird durch soziale und ökonomische Rahmenbedingungen beeinflusst 

Individuelles Verhalten und der Zugang zu sowie die Qualität von Gesundheitsleistungen beeinflussen die eigene Gesundheit. Wer sich gesünder verhält, wird langfristig auch gesünder sein. Wer Zugang zu hochwertigen Gesundheitsleistungen hat, wird sich besser von Erkrankungen erholen. Entscheidend für die Gesundheit sind aber insbesondere die sozialen und ökonomischen Rahmenbedingungen, in denen Menschen leben. Also im Wesentlichen der Zugang zum bzw. die Stellung am Arbeitsmarkt und der eigene Beruf, das Einkommen, die Ausbildung und soziale Unterstützung bzw. Leistungen des Sozialstaates.

Eine Studie für die USA kommt zum Ergebnis, dass diese Faktoren ca. 40 Prozent des Gesundheitszustandes erklären. Das eigene Verhalten erklärt 30 Prozent, das Gesundheitssystem ein Fünftel und Umweltfaktoren rund ein Zehntel. Auch wenn diese Zahlen für unterschiedliche Länder anders aussehen können, zeigt sich doch der starke Einfluss von sozialen und ökonomischen Faktoren.

Vor allem Erwerbsarbeit hat einen großen Einfluss auf die Gesundheit: Menschen in Beschäftigung sind körperlich und psychisch gesünder als arbeitssuchende Personen. Werden Menschen arbeitslos, verschlechtert sich auch ihre Gesundheit. Der positive Effekt von Erwerbsarbeit kann sich aber bei unsicheren und qualitativ minderwertigen Anstellungen ins Negative verkehren. Die Rahmenbedingungen in der Arbeitswelt sind also zentral. Grund genug, auch beim Thema „Gesundheit“ einen stärkeren Blick auf Arbeitslosigkeit zu richten.

Massenkündigungen wirken sich negativ auf Gesundheit aus

Vor der Arbeitslosigkeit steht die Kündigung. Kündigungen haben demnach nicht nur arbeitsmarktpolitische Auswirkungen. Sie beeinflussen auch die individuelle Gesundheit und das Gesundheitssystem insgesamt. Besonders drastisch und in den Medien viel berichtet sind Massenkündigungen bzw. Massenauflösungen, die oft überraschend und im Zuge von Insolvenzen auftreten, und wenig mit dem individuellen Verhalten von Beschäftigten zu tun haben. Sie belasten die Gesundheit von Beschäftigten.

Belastet werden dabei nicht nur die von den Kündigungen Betroffenen, sondern auch die im Unternehmen verbleibenden Kolleg:innen. Eine Studie aus Frankreich zeigt, dass die Verschreibung von Psychopharmaka für die Belegschaft, die nach einer Massenkündigung im Unternehmen bleibt, in den Folgejahren um 41 Prozent ansteigt. Der Grund für diesen starken Anstieg könnte an einem Mix aus Angst vor Arbeitsplatzverlust und stärkerer Arbeitsbelastung liegen. Auch für Österreich liegen ähnliche Ergebnisse vor: Nach einer Massenauflösung steigen für die verbleibende Belegschaft die Krankenhaustage oder die Verschreibung von Medikamenten. Die Wahrscheinlichkeit, in Psychotherapie zu gehen, steigt um 20 Prozent.

Auch für die Firmen selbst wirken sich Massenauflösungen negativ aus. Vor allem, weil die Krankenstandstage zunehmen und damit die Produktivität sinkt. Auch hier wird als Hauptgrund zunehmender Stress ausgemacht, der im Zuge einer Massenauflösung entsteht. Hauptsächlich betroffen von den hier beschriebenen Effekten sind ältere Arbeiter:innen mit geringen Löhnen bzw. geringerem sozio-ökonomischen Status.

Arbeitsplatzverlust führt zu hohen Gesundheitsausgaben der öffentlichen Hand 

Eine Studie im Auftrag der AK OÖ zeigt, wie sich Massenauflösungen auf die Ausgaben im öffentlichen Gesundheitssystem, also in Krankenhäusern und im niedergelassenen Bereich bei Haus- und Fachärzt:innen, auswirken: Demnach führt eine Massenauflösung bzw. Firmenschließung zu öffentlichen Mehrausgaben von jährlich 391 Euro im Durchschnitt pro Kopf (Stand: 2022). Diese fast 400 Euro entsprechen rund 29 Prozent der durchschnittlichen jährlichen Gesundheitsausgaben im öffentlichen System pro Person. Es zeigt sich also, dass Arbeitslosigkeit mit erheblichen Gesundheitseffekten und steigenden Kosten verbunden ist.

Die in Anspruch genommenen ärztlichen Leistungen im niedergelassenen Bereich steigen um acht Prozent, die Ausgaben für Medikamente je Person um 17 Prozent. Gleichzeitig kommt es zu einem Anstieg der Ausgaben für stationäre Krankenhausbehandlungen um rund 40 Prozent pro Person. Bemerkenswert sind auch die Unterschiede zwischen den Geschlechtern. So steigen die Krankenhausausgaben pro Quartal und versicherter Person für arbeitssuchende Frauen um 133 Euro, bei Männern sind es lediglich rund 35 Euro. Besonders betroffen sind ältere Arbeitnehmer:innen, bei denen mit Eintritt von Arbeitslosigkeit die Gesundheitsausgaben um durchschnittlich 60 Prozent bzw. um 126 Euro steigen.

Arbeitslosigkeit generell geht auch mit einem erheblichen Anstieg der Ausgaben für die Behandlung psychischer Erkrankungen einher. Die Zunahme der Inanspruchnahme von Psychopharmaka beträgt im Durchschnitt 2,3 Euro bzw. fast 64 Prozent.

© A&W Blog


Zahl der Insolvenzen auf einem hohen Niveau

Massenauflösungen gehen oft mit Insolvenzen einher. In den Jahren 2019 bis 2024 blieb die Insolvenzquote in Österreich relativ stabil. Im Jahr 2025 wurden in Oberösterreich 920 Verfahren, die einen Anknüpfungspunkt für eine Antragstellung auf Insolvenz-Entgelt bei der Insolvenz-Entgelt-Fonds-Service GmbH darstellen, eröffnet. Die Anzahl der betroffenen Arbeitnehmer:innen hat sich im Vergleich zu 2024, wenn man die drei Insolvenzen der Firmengruppe KTM am Standort Braunau nicht berücksichtigt, um ein Fünftel erhöht. Bei 384 Betrieben waren insgesamt 3.907 Arbeitnehmer:innen beschäftigt (1.196 Frauen und 2.711 Männer). Die 2025 am meisten von Insolvenzen betroffene Branche in Oberösterreich nach Betriebszahl war das Gastgewerbe, gefolgt vom Handel und der Bauwirtschaft. Insgesamt waren die meisten Arbeitnehmer:innen von Insolvenzen in der Chemiebranche betroffen (AK OÖ; interne Auswertung). 

Laut aktuellem Bericht des KSV1870 ist die Zahl der Firmenpleiten in Österreich im ersten Halbjahr im Vergleich zum Vorjahr leicht gesunken, die Entwicklungen sind aber in angespannten Zeiten wenig vorhersehbar. In Oberösterreich hingegen gab es in der ersten Hälfte des Jahres 410 Firmenpleiten – ein Anstieg um 5,4 Prozent, das entspricht mehr als drei Pleiten pro Gerichtstag

Höhere Insolvenz-Beiträge & ein ausfinanziertes Gesundheitssystem

Massenauflösungen belasten nicht nur die Betroffenen, sondern auch das Gesundheits- und Sozialsystem. Um negative gesundheitliche Effekte zu reduzieren, muss Stress minimiert werden. Das könnte durch eine frühzeitige und umfassende Einbeziehung von Betriebsrät:innen bei geplanten Betriebsänderungen bzw. Insolvenzen erfolgen. Gut abgestimmte Sozialpläne können negative Effekte auf Beschäftigte mildern. Außerdem muss das öffentliche Gesundheitssystem in allen Bereichen weiterhin ausgebaut werden, damit Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen innerhalb kurzer Zeit eine wohnortnahe Versorgung erhalten. 

Im Falle von Insolvenzen werden ausstehende Löhne und Gehälter durch den Insolvenz-Entgelt-Fonds (IEF) gezahlt. Dieser wird über Sozialstaatsbeiträge – sogenannte Lohnnebenkosten – finanziert. Während diese Beiträge 2007 noch 0,7 Prozent des Bruttolohns waren, sind es seit 2022 nur mehr 0,1 Prozent, mit dem Ergebnis sinkender Einnahmen – bei steigenden Ausgaben. Deshalb braucht es eine Wiedererhöhung des Insolvenz-Entgeltsicherungsbeitrags (IESG-Beitrags). Nur so kann das Einkommen der von Insolvenzen betroffenen Mitarbeiter:innen sichergestellt werden.

Da Insolvenzen häufig mit umfangreichen Kündigungen einhergehen, werden erhebliche Kosten auf die Allgemeinheit verlagert. Gerade in Zeiten knapper öffentlicher Budgets sollten solche Folgekosten stärker berücksichtigt und Anreize geschaffen werden, um generell Massenkündigungen sorgfältiger abzuwägen. Die Wiedereinführung einer (2019 abgeschafften) Auflösungsabgabe könnte dabei nützlich sein.



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