Neue Perspektiven auf Ungleich­heit in Öster­reich: Residual­einkommen, soziale Infra­struktur und Zeit­ver­wendung

21. Januar 2026

Ungleichheit zeigt sich nicht nur im Einkommen, sondern entsteht auch durch das Zusammenspiel weiterer Faktoren. Haushalte mit geringem Einkommen müssen einen großen Teil für die Erfüllung von Grundbedürfnissen ausgeben. Das ist in Regionen mit begrenzter sozialer Infrastruktur besonders belastend, da es dort zu längeren Wegen, zusätzlichen Kosten und mehr unbezahlter Arbeit kommt – häufig zulasten von Frauen. Das Re:sI:Ze-Projekt zeigt, wie Einkommen, Lebenshaltungskosten, Infrastruktur und Zeit einander beeinflussen und wo politische Maßnahmen ansetzen sollten.

Drei Perspektiven für ein vollständigeres Bild auf Ungleichheit

Ungleichheit in Österreich lässt sich nicht allein über Einkommensunterschiede erfassen. Deshalb werden im Re:sI:Ze-Projekt (Residualeinkommen, soziale Infrastruktur und Zeitverwendung) Einkommen mit Informationen zu Haushaltsausgaben, Daten zur sozialen Infrastrukturversorgung in den Gemeinden sowie der Zeitverwendung in den Haushalten ergänzt. Jede dieser Dimensionen zeigt einen anderen Aspekt des Alltags und macht sichtbar, wie finanzielle, räumliche und zeitliche Belastungen ineinandergreifen. Fehlen etwa wohnortnahe Angebote wie Kinderbetreuung, Gesundheitsversorgung oder Pflege, entstehen zusätzliche Wegzeiten und höhere private Kosten. Solche Faktoren müssen nicht gleichzeitig auftreten, können sich aber überlagern und so zu Mehrfachbelastungen führen. Erst im Zusammenspiel wird deutlich, wie soziale Infrastruktur, Einkommen und Zeitverwendung die Lebenslagen in Österreich prägen. Ähnliche Ansätze finden sich auch in der internationalen Forschung. Studien aus anderen europäischen Ländern zeigen, dass Einkommensanalysen durch die Berücksichtigung unvermeidbarer Ausgaben für Wohnen, Energie, Mobilität und Versorgung sowie durch Residualeinkommenskonzepte deutlich an Aussagekraft gewinnen und neue Perspektiven auf Ungleichheit und Lebensstandards eröffnen.

© A&W Blog


Residualeinkommen in Österreich: Welcher finanzielle Spielraum bleibt?

Die ärmsten 20 Prozent der österreichischen Haushalte (unterstes Einkommensquintil) verfügten 2019/20 über ein Medianeinkommen von 1.247 Euro pro Monat, das ist weniger als die Hälfte dessen, was die einkommensstärksten 20 Prozent zur Verfügung hatten. Noch aussagekräftiger wird das Bild beim Residualeinkommen, also dem Betrag, der nach Tätigung der notwendigen Ausgaben übrig bleibt. Die unteren 20 Prozent geben rund 60 Prozent ihres Einkommens für Wohnen, Energie, Lebensmittel, Mobilität, Gesundheit und Bildung aus, während dies bei den oberen 20 Prozent nur 17 Prozent ausmacht.


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Dieser Anteil für notwendige Ausgaben steigt im untersten Quintil auf 69 Prozent, wenn nur Mieter:innen betrachtet werden. Allgemein zeigt sich, dass mietende Haushalte in Österreich über weniger finanziellen Spielraum verfügen. Das betrifft vor allem Haushalte in Städten wie Wien, Innsbruck oder Salzburg, wo Mietverhältnisse häufiger sind und Wohnkosten stärker ins Gewicht fallen.

Wie regionale Unterschiede Haushalte belasten

Deutliche Unterschiede zeigen sich auch zwischen den Bundesländern und Gemeinden unterschiedlicher Größe. Wien weist beispielsweise ein niedriges Einkommen und hohe Wohnkosten auf, weshalb das gesamte Residualeinkommen dort besonders niedrig ist. Werden nur Mieter:innenhaushalte betrachtet, weist Wien dagegen das höchste Residualeinkommen auf. In Oberösterreich und Niederösterreich fällt das gesamte Residualeinkommen dagegen höher aus, unter anderem aufgrund höherer Eigentumsquoten und geringerer laufender Kosten. Jedoch sind ländliche Regionen in der Gesamtbetrachtung nicht automatisch günstiger. In kleineren Gemeinden (weniger als 2.500 Einwohner:innen) findet man beispielsweise häufig höhere Mobilitätskosten, weil viele Wege nur mit dem Auto bewältigt werden können. Diese Ausgaben erscheinen in keiner Mietstatistik, verringern aber das verfügbare Einkommen.

Die Daten zeigen damit, dass Haushalte aus unterschiedlichen Gründen unter finanziellen Druck geraten können: in urbanen Regionen durch hohe Wohnkosten, in ländlichen Regionen durch eine geringere Versorgung mit Infrastruktur und höheren privaten Aufwand. Das Residualeinkommen macht diese Unterschiede sichtbar und zeigt, wie eng die finanzielle Lage vieler Haushalte mit regionalen Rahmenbedingungen verknüpft ist. Aperiodische Investitionen wie Wohnungs- oder Hauskäufe sowie Autokäufe werden hier nicht erfasst, da ausschließlich laufende Ausgaben betrachtet werden. Diese Investitionen können sich jedoch zwischen Stadt und Land unterscheiden, etwa durch höhere Eigentumsquoten und Autobesitz im ländlichen Raum. Dies kann die finanzielle Situation von Haushalten langfristig erheblich prägen.

Warum das Einkommen allein nicht reicht: die Rolle sozialer Infrastruktur

In vielen Lebenssituationen werden soziale Infrastrukturen wie Kinderbetreuung, Gesundheitsversorgung, Pflegeangebote oder soziale Dienste benötigt. Wo öffentliche Angebote fehlen, müssen private Lösungen gefunden werden – mit Auswirkungen auf Budget und Zeit. Wer auf individuelle Mobilität, private Gesundheitsversorgung oder informelle Betreuungslösungen angewiesen ist, benötigt ein deutlich höheres Einkommen, als wenn leistbare kollektive Infrastrukturen zur Verfügung stehen. So können zwei Haushalte mit gleichem Einkommen sehr unterschiedliche Belastungen erleben, je nachdem, welche öffentlichen Angebote vor Ort verfügbar sind.

Besonders problematisch ist ein Mangel an sozialer Infrastruktur für Haushalte mit wenig Residualeinkommen, da er bestehende Ungleichheiten verstärkt und zugleich traditionelle geschlechtsspezifische Arbeitsteilungen begünstigt, etwa wenn fehlende Betreuungsangebote dazu führen, dass unbezahlte Sorgearbeit weiterhin überwiegend von Frauen übernommen wird. In diesem Sinne ist eine gut ausgebaute Grundversorgung als gemeinschaftliches Vermögen zu verstehen, das vielen Haushalten finanzielle, zeitliche und soziale Handlungsspielräume eröffnet. Re:sI:Ze zeigt, dass nur 35 Prozent der Haushalte mit sehr hoher finanzieller Belastung in Gemeinden mit guter oder sehr guter Infrastrukturversorgung leben. Die Mehrheit der Haushalte, also die restlichen 65 Prozent, erlebt damit eine doppelte Belastung.

Fehlende soziale Infrastruktur ist besonders häufig in kleinen Gemeinden ein Problem. Gemeinden mit weniger als 2.500 Einwohner:innen weisen österreichweit das niedrigste Infrastrukturangebot auf. Im Bereich der Pflege sind die Unterschiede besonders groß: Rund 90 Prozent der Gemeinden verfügen hier über eine (sehr) geringe Versorgung. Auch Kinderbetreuung, soziale Leistungen und medizinische Versorgung sind vielerorts eingeschränkt. Das betrifft insbesondere Regionen wie Teile Oberösterreichs, der Steiermark oder Tirols. Längere Wege und geringe Öffnungszeiten erhöhen die Abhängigkeit vom Auto und verursachen zusätzliche Kosten, die in Städten nicht in diesem Ausmaß anfallen. Wien sticht hier hingegen hervor, da es in allen Bezirken die beste Infrastrukturversorgung aufweist.

Zeitliche Belastungen zeigen, wie Infrastruktur und Einkommen den Alltag strukturieren

Die dritte Perspektive, die Zeitverwendung, macht sichtbar, welche Folgen geringe Einkommen und unzureichende Infrastruktur für die Organisation des Alltags haben. Die Zeitverwendungserhebung 2021/22 der Statistik Austria zeigt, dass Frauen in allen Bildungs- und Haushaltstypen mehr unbezahlte Sorgearbeit leisten als Männer. Dieser Unterschied ist strukturell, wird jedoch durch regionale Gegebenheiten verstärkt.

In Gemeinden mit schlechter Infrastrukturversorgung leisten Frauen im Durchschnitt über 1,5 Stunden mehr unbezahlte Care-Arbeit pro Tag als Frauen in Regionen mit guter Versorgung. Gründe dafür sind eingeschränkte Öffnungszeiten, fehlende Pflegeangebote, längere Wege zu Dienstleistungen oder die Notwendigkeit, Betreuung privat zu organisieren. Diese zusätzlichen Stunden fehlen für Erwerbsarbeit, Weiterbildung oder Freizeit. Besonders für Haushalte mit niedrigen Einkommen, die auf zwei Erwerbseinkommen angewiesen wären, wirkt sich dieses Zusammenspiel aus sozialer Infrastruktur und Zeit unmittelbar auf die Erwerbschancen aus. Langfristig beeinflusst es auch Karrierewege und spätere Pensionsbezüge.

Fazit

Die Ergebnisse zeigen, dass finanzielle, räumliche und zeitliche Faktoren gemeinsam darüber entscheiden, wie belastend der Alltag für Haushalte in Österreich ist. Politische Maßnahmen sollten daher an mehreren Punkten ansetzen: bei leistbarem Wohnen und der Senkung unvermeidbarer Fixkosten sowie beim Ausbau wohnortnaher sozialer Infrastruktur, insbesondere in kleineren Gemeinden, etwa durch verbesserte Angebote in der Kinderbetreuung, der Gesundheitsversorgung und der Pflege.

Der Ausbau sozialer Infrastruktur ist dabei nicht nur eine Frage der Daseinsvorsorge, sondern auch ein zentraler Hebel zur Verschiebung gesellschaftlicher Machtverhältnisse: Wo leistbare kollektive Angebote fehlen, steigt die Abhängigkeit von individuellem Einkommen, was Verhandlungsspielräume am Arbeitsmarkt einschränkt und bestehende Ungleichheiten, insbesondere zwischen den Geschlechtern, verfestigen kann. Eine starke Grundversorgung wirkt in diesem Sinne als „Vermögen der Vielen“, indem sie finanzielle Abhängigkeiten reduziert und Haushalten mehr zeitliche, ökonomische und soziale Handlungsspielräume eröffnet. Erst das Zusammenspiel dieser Maßnahmen kann dazu beitragen, Mehrfachbelastungen zu reduzieren und die Lebenslagen vieler Haushalte nachhaltig zu verbessern.

Weiterführende Einblicke in das Forschungsprojekt bietet die Projektwebsite Re:sI:Ze Residualeinkommen, soziale Infrastruktur und Zeitverwendung.

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