Österreichs Gesundheitssystem basiert auf einer solidarischen Pflichtversicherung, die fast der gesamten Bevölkerung Zugang zu umfassender Krankenversorgung ermöglicht. Momentan aber sind Versicherte zunehmend mit einer Unterversorgung, langen Wartezeiten und steigenden Kosten konfrontiert. Die Zufriedenheit der oberösterreichischen Arbeitnehmer:innen mit der medizinischen Versorgung ist laut IFES-Befragung stark gesunken und hat einen Tiefstand erreicht. Immer mehr Menschen sehen sich gezwungen, zu teuren Wahl- oder Privatärzt:innen auszuweichen. Die Gesundheitsversorgung ist somit längst eine Frage des Geldes.
Zufriedenheit mit dem Gesundheitssystem sinkt
2025 war nur mehr rund ein Drittel (36 Prozent) der befragten AK-Mitglieder in Oberösterreich mit dem Gesundheitssystem zufrieden. Seit 2023 ist die Zufriedenheit um elf Prozentpunkte gesunken. Gleichzeitig steigt der Anteil jener, die mit dem Gesundheitssystem nicht zufrieden sind: Über ein Viertel (27 Prozent) der Befragten ist wenig bis gar nicht zufrieden, das sind um zehn Prozentpunkte mehr als noch zwei Jahre zuvor.
Die Zufriedenheit mit der Gesundheitsversorgung in Oberösterreich variiert je nach Bereich: Während die Arbeitnehmer:innen mit den Spitälern und der kassenärztlichen Versorgung durch Hausärzt:innen mit jeweils 40 Prozent noch relativ zufrieden sind, fällt die Meinung zur kassenärztlichen Versorgung durch Fachärzt:innen deutlich schlechter aus: Nur 28 Prozent geben an, damit zufrieden zu sein. Besonders kritisch ist die Lage im ländlichen Raum, wo die Zufriedenheit mit 25 Prozent deutlich unter jener in großen urbanen Zentren wie beispielsweise Linz (34 Prozent) liegt.
Steigende Unzufriedenheit – vor allem wenn das Einkommen nicht ausreicht
Einen großen Einfluss auf die Zufriedenheit mit der Gesundheitsversorgung hat das Einkommen. So zeigt sich, dass rund jede zweite Person (48 Prozent), deren Einkommen nicht ausreicht, mit dem Gesundheitswesen unzufrieden ist. Das ist ein Anstieg um 13 Prozentpunkte innerhalb eines Jahres. Im Vergleich dazu liegt die Unzufriedenheit unter den Befragten, die angeben, sehr gut von ihrem Einkommen leben zu können, bei 18 Prozent.
Auch das Bildungsniveau spielt bei der Zufriedenheit eine Rolle. 30 Prozent der Arbeitnehmer:innen ohne Matura bewerten das Gesundheitssystem negativ, das sind um sieben Prozentpunkte mehr als im Vorjahr. Hingegen sind es bei jenen Befragten mit Matura oder Hochschulabschluss 20 Prozent, die unzufrieden sind.
Besonders kritisch sehen das Gesundheitssystem Menschen, die an chronischen Erkrankungen leiden: Ein Drittel (34 Prozent) von ihnen sind unzufrieden. Das sind deutlich mehr als bei Personen ohne chronische Beschwerden, wo dieser Anteil bei knapp einem Viertel (23 Prozent) liegt. Im Vergleich zur Befragung 2024 hat die Unzufriedenheit bei den Personen mit chronischen Erkrankungen um neun Prozentpunkte zugenommen.
Diese Ergebnisse zeigen, dass gerade jene Menschen, die unser Gesundheitssystem am meisten benötigen, und jene, die weniger Geld zur Verfügung haben, am unzufriedensten damit sind. In unserem solidarischen Gesundheitssystem darf jedoch die Versorgung und somit auch die Zufriedenheit nicht von der finanziellen Situation abhängig sein.
Geduldsprobe Gesundheitssystem
Lange Wartezeiten oder gar keinen Termin zu bekommen sind jene Problemlagen, mit denen viele Arbeitnehmer:innen konfrontiert sind. Rund sechs von zehn Befragten (57 Prozent) in Oberösterreich fühlen sich stark oder sehr stark durch langes Warten auf einen Termin bei einer Fachärztin bzw. einem Facharzt für eine Untersuchung oder für eine Operation belastet. Besonders betroffen von den langen Wartezeiten sind Personen, deren Einkommen nicht ausreicht (70 Prozent). Die Hälfte der Befragten (51 Prozent) war sogar (sehr) stark davon betroffen, gar keinen Termin zu bekommen, weil keine neuen Patient:innen mehr aufgenommen werden.
Darüber hinaus fühlt sich mehr als die Hälfte der oberösterreichischen Arbeitnehmer:innen sehr stark oder stark davon betroffen, lange in der Krankenhausambulanz (55 Prozent) bzw. in Wartezimmern von Ordinationen (53 Prozent) warten zu müssen.
OP-Wartezeiten sind großes Problem
Ein großes Problem stellen die Wartezeiten auf Operationen dar. Fast die Hälfte der Befragten (46 Prozent), die in den vergangenen zwei Jahren einen OP-Termin hatten, haben länger als drei Monate auf diesen gewartet. Auch auf Termine bei Augenärzt:innen und Hautärzt:innen mussten 37 bzw. 36 Prozent der betroffenen Patient:innen länger als drei Monate warten. Von den langen Wartezeiten auf Termine und Untersuchungen sind auch fast alle anderen Fachrichtungen betroffen. Die langen Wartezeiten auf Arzttermine und Operationen sind für die Arbeitnehmer:innen oft sehr belastend und führen zu Frustration und Unsicherheit.
Gesundheit – eine Frage des Geldes?!
Die langen Wartezeiten im öffentlichen Gesundheitssystem führen dazu, dass immer mehr Versicherte auf Wahl- und Privatärzt:innen ausweichen oder Zusatzversicherungen abschließen. Bei der Entscheidung für eine Wahlarzt- oder Privatordination spielen für die Befragten terminliche Gründe die wichtigste Rolle: 56 Prozent geben an, dadurch schneller einen Termin bekommen zu haben. Auch die erwartete Behandlungsqualität ist für viele Befragte ein Grund.
Immerhin 28 Prozent der Befragten haben keinen Termin in einer Kassenordination erhalten und deshalb eine Wahlarzt- oder Privatordination in Anspruch genommen. Das verdeutlicht, dass Menschen aufgrund von langen Wartezeiten und Angebotsdefiziten in kostspielige private Versorgungsangebote gedrängt werden – oft, um überhaupt zeitnahe versorgt zu werden. Gleichzeitig zeigt sich eine soziale Schieflage: Menschen, die sich diese zusätzlichen Kosten nicht leisten können, erhalten häufig keine zeitnahe oder optimale medizinische Versorgung. Wichtige Untersuchungen finden damit oft spät oder gar nicht statt und Gesundheit wird zur Frage des Einkommens.
Für gerechte Gesundheit: Handeln statt Abwarten
Die IFES-Erhebungsdaten für Oberösterreich zeigen deutlich, woher die wachsende Unzufriedenheit mit dem Gesundheitssystem kommt: Seit Jahren sind die Wartezeiten auf Operationen und Facharzttermine zu lange und die Menschen sind darüber hinaus mit einer Vielzahl weiterer struktureller Probleme konfrontiert. Diese Entwicklungen führen dazu, dass immer mehr Menschen auf teure Wahlärzt:innen ausweichen, um zeitnahe behandelt zu werden. Private Haushalte werden durch die Zusatzkosten für Gesundheit immer mehr belastet. Die privaten Gesundheitsausgaben sind sehr hoch und machen mittlerweile fast ein Viertel der gesamten Gesundheitsausgaben aus. Damit entwickelt sich der Zugang zu medizinischer Versorgung zunehmend zu einer Frage des Geldes und verschärft eine „Zwei-Klassen-Medizin“. Das führt zu Ungleichheiten im Gesundheitssystem und wirkt sich negativ auf die Versorgungssicherheit aus.
Dabei gilt: Alle Menschen in Österreich haben Anspruch auf eine qualitativ hochwertige Gesundheitsversorgung – unabhängig von Bildungsstand, Einkommen oder sozialem Status. Damit dieser Anspruch eingelöst wird, braucht es entschlossenes Handeln: eine rasche Nachbesetzung der offenen Kassenstellen, den konsequenten Ausbau der kassenärztlichen Versorgung und der Primärversorgungszentren sowie spürbare Verbesserungen bei den Wartezeiten in allen Bereichen des öffentlichen Gesundheitssystems.