Die Konsequenzen der Entmachtung der Arbeitnehmer:innenvertretung in der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK) werden immer spürbarer. Beschäftigte werden von der Wirtschaftsvertretung öffentlich unter Generalverdacht gestellt, ihren Krankenstand zu missbrauchen, und es wird ihnen vorgeworfen, dass die Fehlzeiten „aus dem Ruder“ laufen. Damit einher geht die Forderung, die ersten Krankenstandstage als unbezahlten Urlaub zu deklarieren. Krankenstandstage haben nichts mit Missbrauch zu tun, sondern sie spiegeln die Arbeitsrealitäten wider: Steigende Belastungen, zunehmender Druck und eine älter werdende Erwerbsbevölkerung prägen die Situation in vielen Betrieben. Statt noch mehr Druck braucht es bessere Arbeitsbedingungen und eine passende betriebliche Gesundheitsförderung.
Krankenstände leicht rückläufig
Ein Blick auf die letzten Jahre zeigt, dass die Krankenstandstage langfristig und auch im Vergleich zum Vorjahr zurückgegangen sind. Laut Fehlzeitenreport 2025 (WIFO) waren unselbstständig Beschäftigte in Österreich im Jahr 2024 durchschnittlich 15,1 Tage im Krankenstand – ein leichter Rückgang gegenüber dem Jahr 2023. Das aktuelle Krankenstandsniveau liegt damit auf ähnlichem Niveau wie im Jahr 1990. Der Höchstwert wurde 1980 mit 17,4 Tagen erreicht, der niedrigste Wert 2006 mit 12 Tagen. Bis zum Jahr 2021 pendelten die Krankenstände um die 13 Tage pro Jahr, seit Corona hat sich das Niveau etwas erhöht. Die Krankenstandstage pro Kopf schwankten in den vergangenen Jahren leicht, ein langfristiger Anstieg der Fehlzeiten lässt sich aber nicht erkennen.
Gute Absicherung führt nicht zu mehr Fehltagen
Im Ländervergleich für 2022 zeigt sich, dass Österreich mit 14,9 bezahlten Fehltagen aufgrund von Erkrankungen im Mittelfeld der OECD-Staaten liegt. Die meisten Fehltage werden in Deutschland (24,9 Tage) verzeichnet, gefolgt von Lettland (20,4 Tage) und Tschechien (19,2 Tage). Bemerkenswert ist, dass gerade jene Länder, in denen Beschäftigte im Krankheitsfall Lohneinbußen oder eine geringere Lohnfortzahlung hinnehmen müssen – etwa Lettland, Tschechien oder Spanien – vergleichsweise hohe Fehlzeiten aufweisen. Daraus lässt sich klar schließen: Eine gesicherte Entgeltfortzahlung führt nicht zu mehr Fehltagen.
Das wahre Problem heißt „Präsentismus“
Wenn etwas Anlass zu Sorge gibt, dann nicht vermuteter Missbrauch von Krankenständen oder die Krankenstandszahlen – sondern das Gegenteil: Immer mehr Beschäftigte arbeiten, obwohl sie krank sind. Dieses Phänomen wird als Präsentismus bezeichnet.
Eine Analyse des AK-Arbeitsklima-Index macht deutlich, dass fast 6 von 10 Beschäftigte in Österreich (59,1 Prozent) in den letzten sechs Monaten krank in die Arbeit gegangen sind. Ein alarmierender Trend, der in den letzten Jahren stark zugenommen hat. Im Jahr 2015 lag der Anteil noch bei rund 30 Prozent und hat sich damit innerhalb von zehn Jahren nahezu verdoppelt. Diese Entwicklung steht sinnbildlich für eine Arbeitswelt, die zunehmend von Effizienzsteigerung, Gewinnmaximierung und steigendem Leistungsdruck geprägt ist.
Angst vor Konsequenzen
Die Gründe für Präsentismus sind vielfältig. Die Mehrheit der Beschäftigten (55 Prozent) gibt an, aus Pflichtgefühl gegenüber den Kolleg:innen krank zur Arbeit zu gehen. Fast 41 Prozent tun es, weil die Arbeit sonst liegen bliebe, und rund ein Drittel berichtet, keine Vertretung zu haben.
Hinzu kommt ein weiterer besorgniserregender Faktor: die Angst vor negativen Konsequenzen. Viele Beschäftigte befürchten durch Fehlzeiten ein schlechtes Betriebsklima, Ermahnungen durch Vorgesetzte oder sogar drohende Kündigung. Daran zeigt sich, dass Präsentismus selten eine freiwillige Entscheidung ist. Vielmehr ist er das Ergebnis von Existenzängsten, struktureller Überlastung, Personalmangel, organisatorischen Versäumnissen oder der Sorge, Kolleg:innen und Vorgesetzte zu enttäuschen.
Hohe Arbeitsbelastung macht krank
Häufig sind es die Arbeitsbedingungen selbst, die krank machen: Fast 30 Prozent aller Arbeitnehmer:innen in Österreich fühlen sich durch starken Zeitdruck belastet und weitere 24 Prozent geben an, (sehr) stark von ständigem Arbeitsdruck betroffen zu sein. Die Folgen sind dramatisch, denn die Beschäftigten leiden deutlich häufiger an körperlichen Beschwerden wie Herzproblemen, Kopfschmerzen, Verdauungsstörungen oder Schlafproblemen. Auch die psychische Gesundheit ist in Gefahr: Fast drei Viertel (74,7 Prozent) der Personen mit starkem Zeitdruck geben an, unter Depressivität zu leiden – im Vergleich zu 34 Prozent jener ohne hohen Zeitdruck.
Hohe Arbeitsbelastung führt nicht nur zu gesundheitlichen Problemen, sondern treibt auch Präsentismus an. In Österreich gehen mehr als 80 Prozent der Beschäftigten, die unter starkem Zeitdruck stehen, krank zur Arbeit.
Schutz der Gesundheit statt Vorwürfe
Die Vorwürfe und das Misstrauen gegenüber den Beschäftigten gehen an der Realität vorbei. Immer mehr Menschen leiden unter den Mängeln in der Gesundheitsversorgung: langen Wartezeiten auf Untersuchungen und Operationen oder Schwierigkeiten, überhaupt eine Hausärztin oder einen Hausarzt für eine Krankschreibung zu finden – seit der Kassenfusion steht unser Gesundheitssystem an der Kippe.
Die zunehmende Tendenz, trotz Krankheit zur Arbeit zu gehen, ist ein ernstzunehmendes Problem. Wer krank ist, muss sich erholen können – ohne Existenzängste oder Druck durch Vorgesetzte. Überlegungen, die ersten Krankenstandstage nicht zu bezahlen oder dafür Urlaubstage zu verwenden, sind klar abzulehnen. Es darf zu keiner Verschlechterung bei der Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall kommen. Zudem braucht es einen Kündigungsschutz während des Krankenstandes, um den Beschäftigten die Angst vor Arbeitsplatzverlust zu nehmen.
Statt Beschäftigte unter Druck zu setzen, sollte die Gestaltung von Arbeitsbedingungen, ausreichende Personalausstattung sowie Investitionen in Prävention und betriebliche Gesundheitsförderung in den Fokus rücken. Das Ziel muss sein, die Beschäftigten zu schützen und ihre Gesundheit langfristig zu erhalten.