Langzeit­arbeitslosigkeit: Was Beratungs- und Beschäftigungs­projekte bewirken und brauchen

28. Oktober 2026

Wer längere Zeit ohne Beschäftigung ist, braucht oft gezielte Unterstützung für den Wiedereinstieg. Arbeitsmarktbezogene soziale Dienstleistungen begleiten Menschen dabei, Barrieren abzubauen und neue Perspektiven zu entwickeln. Doch steigende Arbeitslosigkeit trifft auf knapper werdende Mittel. Umso wichtiger ist die Frage, wie Versorgungssicherheit, Qualität und ein niederschwelliger Zugang auch künftig gewährleistet werden können. Eine Studie für Niederösterreich geht dieser Frage nach.

Steigende Arbeitslosigkeit trifft auf knappe Budgets

Träger arbeitsmarktbezogener sozialer Dienstleistungen kämpfen mit knapper werdenden Förderbudgets. Gleichzeitig verschärft sich die Lage am Arbeitsmarkt. Die Zahl der Arbeitslosen und Schulungsteilnehmer:innen steigt seit 2023 kontinuierlich. Beide Werte liegen bereits über dem Niveau von 2019. Besonders stark steigt die Zahl der Langzeitarbeitslosen: 2025 um ein Viertel auf knapp 45.000.

Für Menschen, die den (Wieder-)Einstieg nicht allein schaffen, gibt es drei zentrale Angebotsformen. Beratungs- und Betreuungseinrichtungen (BBE) klären Problemlagen und begleiten bei der Jobsuche. Gemeinnützige Beschäftigungsprojekte (GBP) und Sozialökonomische Betriebe (SÖB) bieten befristete Transitarbeitsplätze am sogenannten zweiten Arbeitsmarkt.

Das Zentrum für Nonprofit-Organisationen und Social Impact der WU Wien hat diese Projekte in Niederösterreich im Auftrag der AK NÖ im Rahmen einer Studie untersucht. Grundlage ist zunächst eine Bestandsaufnahme aller Projekte, die 2024 vom AMS Niederösterreich finanziert wurden. Dazu kommen 24 leitfadengestützte qualitative Interviews mit Leitungspersonen, Mitarbeiter:innen und Kund:innen von sieben Trägern. Eine quantitative Online-Befragung, an der sich 32 Trägerorganisationen beteiligten, ergänzt das Bild.

Problemlagen werden komplexer

2024 betrieben 28 Träger insgesamt 32 Beschäftigungsprojekte mit fast 2.700 Teilnahmen an Transitarbeitsplätzen. Dazu kamen 44 Beratungsprojekte von 32 Trägern mit knapp 30.000 Teilnahmen.

Die Kund:innen stehen häufig weit vom Arbeitsmarkt entfernt. In den Beschäftigungsprojekten haben 41,8 Prozent gesundheitliche Einschränkungen. Mehr als ein Drittel (35,2 %) ist älter als 50 Jahre. Fast drei Viertel (73,6 %) haben höchstens einen Pflichtschulabschluss.

Die Interviews zeigen: Die Problemlagen werden komplexer. Vor allem psychische Belastungen haben seit der Pandemie deutlich zugenommen. Dazu kommen fehlende Kinderbetreuung, eingeschränkte Mobilität im ländlichen Raum und mangelnde digitale Kompetenzen. Beratung verschiebt sich damit zunehmend in Richtung Sozialarbeit und Case Management.

Typisch für das flächengrößte Bundesland Niederösterreich ist die Kleinteiligkeit der Trägerstruktur. Es gibt zahlreiche kleine, regional verankerte Träger, deren Angebote nah an den Kund:innen ausgerichtet sind.

Die Projekte wirken – nicht nur bei der Vermittlung

Ideal wäre ein individueller, stufenweiser Weg in die Beschäftigung. Beratung klärt zunächst Problemlagen und stabilisiert. Danach folgt geschützte Arbeit in einem Beschäftigungsprojekt, später die Erprobung in einem Betrieb am ersten Arbeitsmarkt. Wer wo einsteigt, hängt von der individuellen Situation ab.

In der Praxis entstehen jedoch immer wieder Bruchstellen, die meist systembedingt sind. Schon bei der Zuweisung kann es zu Problemen kommen. AMS-Berater:innen haben meist wenig Zeit pro Person, und das Angebot sei unübersichtlich. So kommt es zu Fehlzuweisungen und Mehrfachbuchungen. Die Kund:innen müssen dann neu anfangen und neu Vertrauen aufbauen.

Endet eine Maßnahme, bevor die Integration in den Arbeitsmarkt gelingt, droht der sogenannte Bumerangeffekt. Die Betroffenen landen im nächsten Projekt, Befragte sprechen von „Projekthoppern“. Beim Drehtüreffekt wiederum wandern Zuständigkeiten zwischen AMS, Pensionsversicherung und Gesundheitskasse hin und her. Eine dauerhafte Lösung bleibt aus. Auch beim Wechsel des Trägers entstehen Lücken, weil Informationen aus Datenschutzgründen verloren gehen. Mehr als die Hälfte der befragten Träger (53,1 %) bestätigt das.

Besonders klar ist das Urteil zur Dauer der Transitarbeitsplätze. 80,6 Prozent der Träger sagen, viele Teilnehmende bräuchten längere Transitarbeitsplätze. Ein Interview bringt es auf den Punkt: „Zeit, einfach Zeit, mehr Zeit.“

Sehr positiv bewertet werden betriebsnahe Modelle wie Praktika, Arbeitstrainings und Überlassungen. Über 90 Prozent der Träger halten sie für besonders wirksam. Dabei lernen Betriebe und Kund:innen einander im geschützten Rahmen kennen und können Vorbehalte abbauen. Eine Schlüsselrolle spielen Outplacer:innen, die Kontakte zu Unternehmen pflegen und die ersten Wochen im neuen Job begleiten können.

Schwierige Rahmenbedingungen: Unsicherheit als Dauerzustand

Finanziert werden die Projekte großteils über das Arbeitsmarktförderbudget des AMS. Bei den Beratungsprojekten liegt der AMS-Anteil bei 87,6 Prozent, bei Beschäftigungsprojekten bei 55, Prozent. Damit verbunden sind umfangreiche Vorgaben zu Integrationsquoten, Beschäftigungsdauer und Zielgruppen. Konzepte, Finanzpläne und Berichte brauchen viel Zeit, die dann in der Arbeit mit den Kund:innen fehlt. Hoher Vermittlungsdruck fördert zudem das sogenannte „Creaming“: Um Quoten zu erreichen, werden leichter vermittelbare Personen bevorzugt, Menschen in schwierigen Lebenslagen geraten aus dem Blick.

Noch schwerer wiegt die Planungsunsicherheit. Förderverträge laufen meist nur ein Jahr und werden oft erst kurz vor Jahresende zugesagt. Rücklagen für Krisenzeiten dürfen die Träger nicht bilden. Kürzungen erfolgen zudem oft kurzfristig und unabhängig von Leistung und Zielerreichung. Mit jeder Projektschließung geht aufgebautes Wissen verloren. Eine Teamleitung schildert: „Wir wissen tatsächlich bis kurz vor Weihnachten nicht, ob wir den Job [im nächsten Jahr] noch haben.“ Erfahrene Fachkräfte wechseln deshalb in stabilere Branchen.

Dazu kommt: Die Träger fühlen sich kaum eingebunden. Entscheidungen über Kürzungen oder Schließungen fallen aus ihrer Sicht intransparent und oft von einem Tag auf den anderen.

Vier Reformansätze für eine wirksame Integration

Das System hat Potenzial, doch die Rahmenbedingungen bremsen es. Gefragt sind vor allem das AMS sowie Bund und Länder als Geldgeber. Aus der Studie lassen sich vier Reformansätze ableiten.

Erstens brauche es mehr Zeit, wo sie nötig ist. Transitarbeitsplätze sollten in der Praxis leichter verlängert werden können. Die Evaluierung der Aktion 20.000, die Langzeitbeschäftigungslosen staatlich geförderte Arbeitsplätze von bis zu zwei Jahren ermöglichte, zeigt, dass sich das lohnt: Nach vier Jahren waren die Teilnehmenden mit 43 Prozent höherer Wahrscheinlichkeit in nicht-geförderter Beschäftigung.

Zweitens sollten Beratung und Beschäftigung enger zusammengeführt werden. Größere, hybride Trägerstrukturen und verbesserte Kommunikationskanäle können Bruchstellen verringern. Regionale Standorte sollten dabei aber erhalten bleiben.

Drittens lohne sich der Ausbau betriebsnaher Modelle wie Überlassungen, Praktika und Arbeitstrainings. Dabei kommt es auch auf die Ausgestaltung an. Stellt ein Betrieb eine Person ein, die er ohnehin genommen hätte, verpufft die Förderung als Mitnahmeeffekt. Bekommt die geförderte Person eine Stelle, die sonst eine andere Arbeitsuchende erhalten hätte, entsteht ein Verdrängungseffekt. Wirksam sind solche Modelle dort, wo sie Betrieben die Scheu nehmen, Menschen mit Brüchen im Lebenslauf überhaupt eine Chance zu geben, und zusätzliche Anstellungen ermöglichen.

Viertens brauche es mehr Planungssicherheit. Dazu gehören ein gemeinsames Zielbild von AMS und Trägern, mehrjährige Förderverträge und die Möglichkeit, Rücklagen zu bilden. Außerdem sollten die Träger transparent in Förderentscheidungen eingebunden werden.

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