Fünf Jahre Fabrik­besetzung fürs Klima und bessere Arbeits­bedingungen

07. Juli 2026

Ökologische Transformation oder gute Arbeitsbedingungen? Das Fabrikkollektiv in Campi Bisenzio bei Florenz will beides. Seit fünf Jahren besetzen die Arbeiter:innen und ihre Unterstützer:innen den Autozulieferer, nachdem der Besitzer die gut 500 Arbeiter:innen entlassen wollte. Wo vorher Autoteile hergestellt wurden, sollen nun Lastenräder und Solaranlagen produziert werden. Dabei wird erprobt, wie eine Produktion aussehen könnte, die demokratisch organisiert, ökologisch nachhaltig und nach gesellschaftlichen Bedürfnissen ausgerichtet ist.

Ein klassischer Arbeitskampf?

© https://insorgiamo.org/germany


Das bekannteste Bild des Kampfes um die längste Fabrikbesetzung in der jüngeren Geschichte Italiens zeigt etwa 200 Arbeiter in einer Halle ihrer Fabrik. Mit verschränkten Armen und zornigem Gesichtsausdruck blicken sie in die Kamera. Im Hintergrund sind Teile gewaltiger Produktionsanlagen zu erkennen. Erste Assoziationen: Männlichkeit, Metall, Maschinen – das klassische Bild eines Arbeitskampfes. Bei genauerem Hinsehen fällt jedoch auf, dass Kinder auf dem Bild sind, einige sitzen allein, andere auf dem Schoß eines Arbeiters. Sichtbar wird eine Bewegung, in der Sorgearbeit nicht ausgelagert, sondern zum Kern der kollektiven Organisierung gehört. Geprägt ist sie von einer Vielfalt solidarischer Beziehungen, die weit über die Belegschaft hinausreichen.

Kurze Geschichte eines langen Kampfes

An einem sommerlichen Freitag im Juli 2021 erhielten gut 500 Arbeiter:innen des Autozuliefererbetriebs GKN plötzlich ihre Kündigung. Die Belegschaft rief eine permanente Betriebsversammlung ins Leben, um gegen diese unrechtmäßigen Entlassungen zu protestieren – und besetzte die Fabrik. Mit Erfolg: Die Besetzung dauert bis heute, fünf Jahre danach. Die Kündigungen wurden dabei vor Gericht erfolgreich bekämpft, bis 2025 rechtmäßige Kündigungen ausgesprochen wurden. Doch was durch die Massenentlassung ausgelöst wurde, war schnell mehr als ein Kampf um Arbeitsplätze. Von Anfang an schlossen sich zahlreiche Bewegungen an, wodurch das Collettivo di Fabbrica weit über die Belegschaft hinaus mobilisieren konnte: An Demonstrationen nahmen in Spitzenzeiten mehr als 40.000 Menschen teil. Im Mittelpunkt der Mobilisierung steht dabei bis heute die Idee einer Fabrik, die sich daran orientiert, was sozial notwendig und ökologisch nachhaltig ist. Damit reiht sich die Fabrik in eine längere Tradition von Betrieben ein, die von ihren Beschäftigten übernommen und in Selbstverwaltung weitergeführt werden, wie beispielsweise die Fabrik Rimaflow bei Mailand.

Die Produktion soll dabei demokratisch gestaltet sein. 2024 gründete das Kollektiv zudem die Genossenschaft „GKN for Future“ (GFF), um für die Produktion von Lastenrädern und Solaranlagen das nötige Kapital zu erlangen. Zudem wurde nach Druck von unten 2024 vom Regionalparlament der Toskana eine rechtliche Grundlage geschaffen, die es dem Staat erlaubt, das Grundstück zu enteignen. Bisher ist dies jedoch noch nicht geschehen – die Regierung spielt auf Verzögerung, nichtsdestotrotz hält die Bewegung an.

Wurzeln des Widerstands

Schon in den Jahren vor den Entlassungen hat sich die Belegschaft zusammengeschlossen, um sich für bessere Arbeitsbedingungen und mehr Betriebsräte einzusetzen – insbesondere ab 2018, als der Investmentfonds Melrose Industry die Firma aufkaufte. Besonders aktive Beschäftigte gründeten in dieser Zeit das Collettivo di Fabbrica, welches die Partizipation und den Zusammenhalt unter den Arbeiter:innen stärken wollte. Das Kollektiv arbeitet mit gewerkschaftlichen Strukturen zusammen, agiert jedoch autonom. Diese Vernetzung untereinander führte dazu, dass die Belegschaft extrem stark organisiert war: Ein Pfeifen als Signal genügte und die Produktion stand still.

Nicht nur innerhalb der Fabrik waren enge Beziehungen vorhanden, sondern auch zu den Menschen in der Umgebung und politischen Gruppen. Schon vor den Entlassungen vernetzten sich einzelne Arbeiter beispielsweise mit Klimagerechtigkeitsgruppen oder die Belegschaft von GKN unterstützte andere Arbeiter in ihren Streiks. Die Bewegung konnte dabei auf das politische Konzept des „territorio“ zählen: die Umgebung, welche untrennbar mit der Fabrik verbunden ist. Ein Verständnis, das in der italienischen Arbeiter:innen-Bewegung stark verankert ist.

Kämpfe verbinden

Als die Massenentlassung ausgesprochen wurde, konnte auf diesen bestehenden Beziehungen aufgebaut werden. Schon ab dem ersten Tag der Besetzung unterstützte das Netzwerk an kulturellen Zentren (der ARCI) mit dem täglichen Kochen warmer Mahlzeiten – für Hunderte Arbeiter:innen. Weitere Kontakte wurden geknüpft, beispielsweise nahm ein Teil der Belegschaft schon 2021 an Klimastreiks teil. Neben der praktischen Solidarisierung hat das Collettivo di Fabbrica auch bald inhaltlich Verbindungen gesucht. Nicht nur ökologische Zerstörung wurde thematisiert, sondern auch die Ausbeutung von trans Personen oder der Genozid in Palästina. Diese Praxis der gegenseitigen Unterstützung und das Selbstverständnis als Kollektiv fassen die Menschen vor Ort mit dem Begriff des „mutualismo“. Aufkommende Probleme werden dabei nicht als Probleme von Einzelnen verstanden, sondern das Kollektiv reagiert geschlossen darauf. Dies wird auch als gegenseitiges „Beschützen“ verstanden, wie eine Unterstützerin beschreibt:

„Die Fabrik beschützt das territorio, wirft ein Licht auf andere Kämpfe […], und das territorio beschützt die Fabrik, beteiligt sich an Demonstrationen und unterstützt stets die Entwicklung des Kampfes.“

Die Fabrik als Labor

Die Fabrik veränderte damit schlagartig ihre Funktion: Was zuvor dem Profit der Automobilindustrie gedient hatte, wurde nun zum Labor für neue Arten des Lebens und Sich-in-Beziehung-Setzens. So gab es wöchentliche Versammlungen, die für alle offen waren, wo die nächsten Schritte diskutiert und Entscheide demokratisch gefasst wurden. Oder neue Formen des Sich-Kümmerns wurden ausprobiert – die Reproduktion wurde aus dem Privaten, der Familie, herausgeholt und in die Fabrik und das Kollektiv gebracht. Beispielsweise wurde füreinander gekocht und die Mitglieder des Kollektivs boten sich gegenseitig emotionale Unterstützung. Des Weiteren wurde die Art und Weise der Produktion neu gedacht. Besonders fruchtbar war dabei der Austausch mit sozialen Bewegungen wie der Klimabewegung. So erzählte ein Arbeiter:

„Wir hatten die Schichten, um die Fabrik zu verteidigen, wobei immer auch Aktivist:innen von außen kamen. Diese begannen, ihre Ideen mit denen der Arbeiter:innen zu mischen. Diese Situation – die Arbeiter, volle Löhne, befreit von ihrer Arbeit, mit Zeit, zu denken, […] mit der Beeinflussung der sozialen Bewegungen – ermöglichte, dass Metallarbeiter, die zuvor nie über Umweltprobleme nachgedacht hatten, begannen zu denken: Wieso nutzen wir […] die Fabrik zukünftig nicht zur Produktion ökologischer Produkte?“

Zwischen Utopie und Marktzwang

Dieses Ausprobieren und Erleben von anderen Verhältnissen rund um die Fabrik wird von den Beteiligten als enorm wertvoll und bestärkend wahrgenommen. Klar wird jedoch auch, dass dieses Labor inmitten kapitalistischer Verhältnisse steht – und dadurch auch an seine Grenzen stößt. Besonders dass das Grundstück weiterhin einem externen Besitzer gehört, verunmöglicht die Wiederaufnahme der Produktion an diesem Standort: Mehr als Prototypen konnten noch nicht hergestellt werden.

Fünf Jahre Besetzung verlangen den Beteiligten viel ab. Viele der Arbeiter:innen haben inzwischen andere Arbeitsstellen angenommen. Zwar besteht das Kollektiv weiterhin und organisiert regelmäßig Veranstaltungen und Mobilisierungen, doch die Frage, wie der Kampf langfristig fortgeführt werden kann, bleibt offen. Und sollte die Produktion dann endlich beginnen, wissen die Arbeiter:innen um die Gefahr, von den kapitalistischen Zwängen vereinnahmt zu werden. Dem wollen sie entgegenwirken, indem sie soziale Bewegungen dazu auffordern, Genossenschaftsanteile zu kaufen und damit ein Gegengewicht zum Druck des Marktes zu bilden. Sie wollen zudem ihre Unterstützer:innen ermutigen, eigene Kämpfe zu führen – mit Erfolg: So trat etwa eine Theatergruppe nach der Zusammenarbeit mit den Fabrikarbeiter:innen selbst für bessere Arbeitsbedingungen in den Streik.

„Sich zusammenschließen, um sich zu erheben – sich erheben, um sich zusammenzuschließen“

Die Stärke und Resilienz dieser Bewegung entstehen in großen Teilen dadurch, dass Verbindungen auf eine ehrliche und solidarische Art geschlossen werden. Das Knüpfen emanzipatorischer Beziehungen ist ein zentraler Bestandteil für den Kampf und wird zugleich durch ihn ermöglicht. Ein zentraler Slogan des Fabrikkollektivs lautet denn auch „convergere per insorgere e insorgere per convergere“ (sich zusammenschließen, um sich zu erheben – sich erheben, um sich zusammenzuschließen). So werden Netzwerke gesponnen, die nicht nur die Kraft haben, bestehende Verhältnisse umzustürzen, sondern auch neue zu schaffen.

Das Fabrikkollektiv braucht jetzt deine Hilfe!

Der Kampf rund um das Fabrikkollektiv ist ein Leuchtturmprojekt, das Menschen in ganz Europa beweist: Eine andere Welt ist möglich! Ebendieses Projekt ist jedoch nun gefährdet. Um zu verhindern, dass das Projekt bald zu Ende geht, brauchen die Kolleg:innen Unterstützung:

Alle Infos auf Deutsch findest du unter http://insorgiamo.org/germany/

Dieser Blogbeitrag ist das Ergebnis einer Masterarbeit, welche durch Interviews und teilnehmende Beobachtung den Kampf rund um die besetzte Fabrik untersuchte.

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