Mehr Respekt für Berufslenker:innen

18. Januar 2023

Ohne Berufslenker:innen funktioniert die Versorgung mit Gütern des täglichen Bedarfs nicht. Wer liefert zukünftig unsere Lebensmittel, wenn die Fahrer:innen immer weniger werden und keine Nachwuchskräfte zu finden sind? Schätzungen gehen EU-weit von derzeit bis zu 600.000 fehlenden Fahrer:innen aus. Was es braucht, sind strukturelle Verbesserungen bei den Arbeitsbedingungen und bessere Löhne. Auch eine Imagekorrektur des Berufsbildes könnte helfen. Ein kleiner, aber wesentlicher Meilenstein im Straßengüterverkehr ist die Schaffung von menschenwürdigen Rastplätzen für die Lenker:innen.

Rastplätze ermöglichen Ruhezeiten

Keinen Parkplatz zu finden ist für Autofahrer:innen mitunter ärgerlich. Für Berufslenker:innen in Lkws bedeutet dies auf ihren langen Routen aber puren Stress. Denn ohne Lkw-Parkplätze auf Autobahnen können sie die gesetzlichen Mindestregelungen bei Lenk- und Ruhezeiten nicht einhalten. Damit werden die Arbeitsbedingungen für Berufslenker:innen, aber auch die Verkehrssicherheit aller auf den Straßen sichergestellt. Bei Nicht-Einhaltung müssen sie mit hohen Verwaltungsstrafen rechnen. Aber die besten Regelungen laufen ins Leere, wenn Rastplätze für Lkw-Lenker:innen auf Autobahnen nicht in ausreichender Menge vorhanden sind. Hier gibt es erheblichen Handlungsbedarf.

 „Wanted!“: Rastplätze in Österreich und Europa

In Europa hat der Ausbau von Rastplätzen mit dem Wachstum des Straßengüterverkehrs nicht Schritt gehalten. Laut einer Studie im Auftrag der Europäischen Kommission fehlen 100.000 Parkplätze nur für die Nachtruhe von Berufslenker:innen auf Autobahnen. Darüber hinaus sollten 400.000 Parkplätze Sicherheitskriterien erfüllen und einen gewissen Mindeststandard aufweisen. Die Europäischen Sozialpartner, die International Transport Union (IRU) und die Europäische Transportarbeitergewerkschaft (ETF) teilen diesen Befund. Das letzte Wort beim Ausbau von Rastplätzen haben aber die Mitgliedsstaaten. Sie entscheiden, in welcher Anzahl diese notwendige Infrastruktur entlang der Autobahnen errichtet wird. In Österreich ist die Situation entschieden besser. Die ASFINAG bemüht sich, ausreichend Angebot auf hohem Niveau zu schaffen. Trotzdem gibt es vor allem auf stark frequentierten Strecken (A1, A2, A4, A10) heillos überparkte Rastanlagen. Also auch hier ist noch Luft nach oben.

Lebensumstände müssen dringend verbessert werden

Berufslenker:innen im grenzüberschreitenden Güterverkehr übernachten unter der Woche regelmäßig auf Autobahn-Rastanlagen in ihrer Lkw-Kabine. Manche sogar am Wochenende. Deswegen ist ein Minimum an sozialer Infrastruktur notwendig. Vor allem eine warme Dusche, ein sauberes WC, aber auch WLAN, Kochgelegenheiten sowie warmes Essen und Trinken zu erschwinglichen Preisen sind essenziell. Vergessen wird auch oft die Sicherheit und das subjektive Sicherheitsempfinden von Berufslenker:innen. Wer in einer Lkw-Kabine auf einer Autobahn-Rastanlage übernachtet, ist ungeschützt. Darüber hinaus sind Berufslenker:innen angehalten, Fahrzeug und Ladung gegen Diebstahl und Überfall zu sichern. Laut einer AK-Studie verbringt mehr als die Hälfte aller Fahrer:innen keine angstfreie Nacht auf einer Autobahn.

Nur ausgeruhte Berufslenker:innen sind sicher unterwegs

Stundenlanges Fahren auf Autobahnen, kaum Abwechslung oder Ansprache ist monoton. Übermüdete Lkw-Lenker:innen sind besonders gefährdet, wie die Auswertung von Zahlen der Unfallstatistik zeigt: Unfälle mit Lkw auf Autobahnen sind überrepräsentiert und der Anteil mit tödlichen Folgen ist fast viermal so hoch wie bei Pkw. Risikominimierung erfolgt hier nur durch ausgeruhte Berufslenker:innen. Aber: Berufslenker:innen können mit einem 16,5 Meter langen Sattelanhänger nicht „irgendwo“ eine Regenerationspause einlegen, sie brauchen ausreichende Rastanlagen auf Autobahnen, die verlässlich zur Verfügung stehen. „Wildes Parken“ entlang der Straße abseits der Autobahn ist weder für die Lkw-Fahrer:innen noch für die Verkehrssicherheit eine Alternative.

Arbeitszufriedenheit und Berufsbedingungen attraktiver gestalten

Für Arbeitnehmer:innen sollte es selbstverständlich sein, dass sie an ihrem Arbeitsplatz kostenlos ein WC benützen dürfen oder bei akuten Schmerzen zum Arzt gehen können. Berufslenker:innen können davon nur träumen, weil sie auf Raststationen für den Gang zum WC bezahlen und eine Wochentour „just in time“ erfüllen müssen. Dieses Beispiel ist symptomatisch für Arbeitsbedingungen, die von jungen Männern und Frauen nicht mehr akzeptiert werden. Gefordert werden daher neben besserer Entlohnung flexiblere Arbeitszeitmodelle, um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu verbessern und damit auch endlich Frauen für diesen Beruf zu gewinnen.

Held:innen unserer Versorgung nicht vergessen

Der Lkw liefert viele Konsumgüter des täglichen Lebens, die wir für unseren Alltag brauchen. Während der Pandemie gefeiert, sind sie für viele auf Autobahnen jetzt wieder nur ein lästiges Hindernis bei Überholvorgängen. Ein Beispiel ist die Lebensmittellogistik, die beim Transport auf jedem Kilometer eine temperaturgesteuerte Kühlkette einhalten muss. Am Rastplatz heißt das, dass in den Nachtstunden ein Dieselaggregat die Energie für die Kühlkette bereitstellen muss. Ihre Nachtruhe verbringen Fahrer:innen quasi neben einem Rasenmäher, da dieser Lärmpegel mit den Geräuschen des durchlaufenden Motors vergleichbar ist. Einfache Stromanschlüsse sind auf Rastplätzen leider immer noch nicht Standard.

Wer soll das bezahlen?

Die EU-Kommission setzt auf private Rastplatzbetreiber:innen und einen „Kulturwandel“ in der Transportindustrie. Der Fahrermangel fordert die Unternehmen zusätzlich und sollte sie dahingehend motivieren, sich bei dieser Thematik für ihre Mitarbeiter:innen starkzumachen. Es ist nicht zu erwarten, dass sich allein dadurch etwas ändert, da die bestehenden EU-Fördermöglichkeiten in Höhe von 250 Millionen Euro bis dato nicht abgerufen wurden. Aus Sicht der Arbeitnehmer:innen ist es unverzichtbar, dass ausreichende und menschenwürdige Rastanlagen Bestandteil einer vernünftigen und zukunftsfitten Verkehrsinfrastruktur sind. In Österreich erhält die ASFINAG mit jährlich rund 1,6 Mrd. Euro Einnahmen aus der Lkw-Maut ausreichend Geld, um diese Daseinsvorsorge zweckmäßig zu erfüllen.

Was ist zu tun?

Aus interessenpolitischer Sicht sollten den Lenker:innen folgende Dienstleistungen und Möglichkeiten kostenlos angeboten werden:

Nachhaltige Verbesserungen und eine notwendige Imagekorrektur der Branche erfordern Abstimmung und Zusammenarbeit quer durch die EU und auf allen Ebenen. Nur so lassen sich Änderungen langfristig und sinnvoll erreichen.

Hinweis: Die AK Wien und die Gewerkschaft vida halten am 27. Jänner 2023 eine Veranstaltung zu diesem Thema ab. Nähere Details sind hier zu finden.