Zählen und schätzen: Wie sich die Demografie zur Ratgeberin der Politik entwickelte

Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde. Und diese Schätzung war die allererste und geschah zu der Zeit, da Cyrenius Landpfleger in Syrien war. Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeglicher in seine Stadt.“ Aus dem Neuen Testament wissen wir, dass die Demografie mindestens so alt ist wie die Christenheit, denn das Ergebnis dieser „Schätzung“ fiel mit Christi Geburt zusammen. Wir wissen aber auch, dass die Zählung der Köpfe kein Selbstzweck war; Kaiser Augustus ließ seine Untertanen schätzen, das heißt, er wollte ihre Steuerleistung ermessen.

Vielleicht klingt in dem Wort „schätzen“ auch noch an, dass es sich nicht nur um eine genaue Zählung handelt, sondern um eine Hochrechnung. Demografie gibt es also schon lange, und sie dient verschiedenen Zwecken, jedenfalls aber ist sie ein Instrument der Politik, der Macht und, wie jede Wissenschaft, ein Kind des Denkrahmens ihrer Zeit.

Ökonomische Demografie

Soll heißen, christliche Zeiten, christliche Demografie; ökonomisch ausgerichtete Zeiten, ökonomische Demografie. Das ist vielleicht etwas einfach ausgedrückt, trifft aber auf die Anfänge der Demografie im deutschen Sprachraum jedenfalls zu. Die Wirtschaftspolitik der absolutistischen Ära, also des 16. bis 18. Jahrhunderts, erkannte die Bedeutung einer zahlreichen Bevölkerung. Viele Leute, viel Absatz für Produkte. Wohl auch: Viele Leute, viel Macht, denn die Armee musste bemannt werden. Das statistische Interesse der absolutistischen Herrscher war erwacht. Ihre Denkweise nannte man später Populationismus. Der Populationismus sieht Macht und Wohlstand in der Mehrung der Bevölkerung eines Landes.

Auch die Probleme waren evident: Wie viele Leute kann ein Staat ernähren? Luther, wie immer optimistisch, sagte: „Gott macht Kinder, der wird sie wohl auch ernähren.“ Unter den ersten neuzeitlichen Demografen befanden sich – zumindest in Deutschland – viele Pastoren. Pfarrer zu werden, war eine populäre Möglichkeit, an Bildung zu kommen.

Jedenfalls war das gesellschaftliche Interesse an der Bevölkerung erwacht. In England entwickelten sich erste Ansätze zu Statistik und Arithmetik. Der Pastor J. P. Süßmilch begründete in Deutschland die wissenschaftliche Bevölkerungsstatistik. Schon der Titel seines Hauptwerks „Die göttliche Ordnung in den Veränderungen des menschlichen Geschlechts aus der Geburt, dem Tode und der Fortpflanzung derselben erwiesen“ (1741) zeigt, worauf es ihm ankam, auf den „biometrischen Gottesbeweis“.

Süßmilchs auf Taufbücher und Sterbebücher gestützte Untersuchungen wollten Konstanten nachweisen, in denen er göttliches Wirken erkannte. Die Untersuchung widmete er dennoch dem Preußenkönig Friedrich II. Und er legte die Grundsätze fest, die dieser für den Aufstieg seines Staates zu berücksichtigen hatte: Beseitigung aller Hindernisse für Ehe- und Fruchtbarkeit, Vorsorge für die Erhaltung des Lebens der Untertanen, Verhinderung von Auswanderung, Beförderung von Einwanderung.

Damals herrschte eben die Überzeugung, es könne nicht genug Bevölkerung geben. Das Entsetzen über deren Wachstum, gar die Furcht vor Einwanderung gehören zu anderen Zeiten. Demografie bedeutete, den Herrscher davon zu überzeugen, dass Volksreichtum mit Reichtum insgesamt gleichzusetzen sei. Noch der Chefberater Maria Theresias und Josephs II., Joseph von Sonnenfels (1733–1817), schrieb: „Die Vergrößerung der Gesellschaft enthält also alle untergeordneten einzelnen Mittel in sich, welche gesammelt die allgemeine Wohlfahrt befördern …“ Jede vom Herrscher getroffene Maßregel sollte danach geprüft werden, ob sie dem Ziel, das bürgerliche Bevölkerungswachstum zu mehren, entsprach.

Der Bruch

Der Bruch mit diesen Aufassungen konnte radikaler nicht sein. Der Engländer Thomas Malthus, ebenfalls ein Pfarrer, allerdings ein anglikanischer, brach in seinem „Essay on the Principles of Population“ (1798) mit allem, was vor ihm gedacht worden war. Seine These war ebenso schlicht wie effektiv. Die Bevölkerung wachse geometrisch, die Nahrungsmittel aber nur arithmetisch (man könnte auch sagen, exponentiell und linear). Somit setze die langsamere Zunahme der Nahrungsmittel der Zunahme der Bevölkerung eine natürliche Grenze. Wir können nicht alle ernähren, die wir hervorbringen können.

Dahin war Luthers Optimismus und auch dessen Gottvertrauen. Nun entschied die Biologie. Kein Wunder, dass Malthus auch Charles Darwins Thesen anregte: Die Entwicklung jeder Art beruht auf den Möglichkeiten, sie zu ernähren. Malthus inspirierte die Evolutionstheorie, aber auch die Wirtschaftswissenschaft in Gestalt des Ökonomen David Ricardo, die Eugenik und in der Folge die Rassentheorien. In der Praxis folgte aus Malthus Ideologie die Geburtenkontrolle; in der Theorie dauerte es nicht lange, bis ihm widersprochen wurde. Karl Marx leugnete überhaupt die Existenz von Populationsgesetzen und konzentrierte seine Analyse auf die kapitalistische Produktionsweise und die Theorie des Mehrwerts. Der „Kathedersozialist“ Lujo Brentano hielt fest, dass – was Malthus nicht berücksichtigt hatte – zunehmender sozialer und kultureller Reichtum einer Gesellschaft zu einem Rückgang der Geburtenzahlen führen und dass rationale Planung einer Familie möglich ist und als Kulturleistung praktiziert wird.

Das Wachstum der Bevölkerung im 19. Jahrhundert zeigte die abstrakten Beschränkungen der Demografie. Die Industrialisierung führt die Annahme, die Nahrungsmittel nähmen nur linear zu, ad absurdum. Das Zeitalter der Dampfmaschine und der Chemie machte exponentielles Wachstum auch da möglich, wo man es nicht für möglich gehalten hätte, auf dem Acker. Die Bevölkerungen wuchsen in bisher ungekanntem Maß.

Verwissenschaftlichung demografischer und statistischer Methoden

Das führte zu einer Verwissenschaftlichung demografischer und statistischer Methoden; später führte es auch zu bisher ungekannten Massenkriegen. Man hielt nun Volkszählungen ab (die erste natürlich 1816 in Preußen). Der Nationalsozialismus zeigte, wie man ihre Ergebnisse pervertieren konnte: Indem man auch Fragen nach „Volkszugehörigkeit“ und „Rasse“ erhob.

Das Problem der Demografie ist das Problem fast jeder Wissenschaft. Mag sie ihre Methoden auch noch so sehr verfeinern, gerade aufgrund ihres unmittelbaren Nutzens für das Handeln von Regierungen fällt es ihr schwer, einfach nur deskriptiv zu bleiben. Ihre Ergebnisse können nie distanziert zur Kenntnis genommen werden, sie drängen immer zum Alarm: Wir müssen handeln, denn wir sterben aus. Oder: Wir müssen handeln, denn unsere Bevölkerungen nehmen so stark zu, dass wir ersticken, verhungern, verelenden.

Die Instrumentalisierung der Demografie

Die Instrumentalisierung der Demografie durch die biopolitischen und biologistischen Interessen der Nationalsozialisten spricht ebenso wenig gegen die Demografie wie die Indienstnahme der Justiz durch die Nazis. Aber es macht uns, das Publikum von deren Ergebnissen, etwas skeptischer gegen diese Ergebnisse. Vor allem, wenn sie uns als Evangelium verkündet werden, das uns Handlungsbedarf aufzwingt.

Im Deutschland des späten 20. Jahrhunderts begründeten die regierenden Sozialdemokraten Gerhard Schröder und Franz Müntefering ihre heute von vielen als fatal betrachtete Agenda 2010 so: „Wir Sozialdemokraten haben in der Vergangenheit die drohende Überalterung unserer Gesellschaft verschlafen. Jetzt sind wir aufgewacht. Unsere Antwort heißt: Agenda 2010! Die Demografie macht den Umbau unserer Sozialsysteme zwingend notwendig“ (Franz Müntefering).

Der deutsche Demograf Gerd Bosbach hat, provoziert durch solche Aussagen, die statistisch- demografischen Grundlagen dieser Prognose untersucht. Seine Argumente sind so exemplarisch, dass wir sie an den Schluss dieses kleinen Streifzugs stellen.

Kaffeesudleserei

Erstens, sagt Bosbach, sind 50-Jahres-Prognosen notwendigerweise Kaffeesudleserei. Sie können entscheidende Entwicklungen nicht berücksichtigen, weil sie nichts von ihnen wissen. Wer etwa 1950 etwas über die Bevölkerung von 2000 sagen hätte wollen, hätte die Antibabypille, die Arbeitsmigration, den Trend zum Singledasein und zur Kleinfamilie und die Öffnung der Ostgrenzen (2,5 Millionen Deutsche wanderten ein) voraussehen müssen.

Zweitens sind Modellannahmen durch die Politik beeinflussbar. Sie legt fest, wie viel Zuwanderung stattfindet, und sie kann die Kinderanzahl pro Frau beeinflussen (Frankreich steigerte diese Zahl von 1993 bis 2000 durch Förderungen um 14 Prozent).

Drittens schwanken die Prognosen der Bevölkerungszunahme äußerst stark, nämlich für Deutschland um beinahe 15 Millionen Menschen. Für Österreich gibt es ähnlich irritierende Beispiele.

Viertens beziehen statistische Argumente, die sich nur auf Ältere konzentrieren, die Tatsachen nicht mit ein, dass auch die Jüngeren (unter 14) ernährt werden müssen. Selbst wenn deren Zahl nicht zunimmt, wovon die Statistiker ausgingen, halbiert sich die Dramatik, denn doppelt so viele Alte bedeuten nicht zugleich doppelt so viel zu Ernährende!

Fünftens und sechstens führen statische Betrachtungen zu Unsinn: Natürlich ergibt sich bei längerer Lebenserwartung ein späterer Pensionseintritt. Und natürlich steigt die Produktivität von Arbeit, im digitalen Zeitalter übrigens exponentiell. Und Siebentens, so Bosbach, sei mit 2050 das bewusst dramatischste Jahr ausgewählt worden. Wolle man seine Politik danach ausrichten, wäre es so, als hätte in Österreich Bundeskanzler Julius Raab Maßnahmen für 2010 getroffen.

Es kommt hinten heruas, was man vorne hineintut.

Natürlich sind Statistik und Demografie seriöse Wissenschaften. Ohne sie können weder Unternehmen noch Organisationen noch die Politik sinnvoll mit der Gesellschaft rechnen. Zu berücksichtigen ist dabei immer, dass Prognosen problematisch sind, vor allem, was die Zukunft betrifft.

Wie bei allen Wissenschaften kommt auch bei der Demografie hinten heraus, was man vorne hineintut. Es handelt sich eben nicht nur um Daten, sondern um Annahmen. Das könnte egal sein, ginge es nur um Prognosen und würde deren hypothetischer Charakter angemessen dargestellt. Es ist aber nicht egal, weil Demografie eben die Grundlage jener Schätzungen bildet, auf denen Politik jenes Sozialsystem gestaltet, das die Lebensumstände der meisten Menschen betrifft. So gesehen ist Demografie oft nur ein anderes Wort für Politik.

Dieser Beitrag, erschien gemeinsam mit dutzenden anderen in der 64-Seiten-Pensions-Sonderbeilage der Stadtzeitung Falter 27/2015 (in Kooperation mit der AK Wien). Die Beilage ist Teil der Reihe „Ökonomie – Eine eine kritische Handreichung“.