Ökonomische Krisen als Krankheiten und Katastrophen?

Die Bedeutung von Sprache bzw. den darin verwendeten Sprachbildern in öffentlichen Debatten wird oft unterschätzt. Durch das Reden von „heilenden Kräften des Marktes“ oder „ökonomischen Tsunamis“ durch ökonomische ExpertInnen in wirtschaftspolitischen Diskursen werden einerseits dominante Denkmuster offenbart. Andererseits ist damit aber auch eine massive politische Wirkung verbunden, da solche Bilder von wirtschaftlichen Prozessen als Argumentationsgrundlage für ökonomische Austeritätsprogramme zur Kürzung von Staatsausgaben dienen und ein klarer Blick auf die systemische Krisenanfälligkeit des Kapitalismus verdeckt wird.

 

Mehr als fünf Jahre nach dem Ausbruch der Finanzkrise befinden wir uns weiterhin in der schwersten und andauerndsten Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit. Nicht zuletzt wegen anhaltend schlechter Konjunkturprognosen wird daher in Anlehnung an die Great Depression der 1930er-Jahre von Great Recession gesprochen. Betrachtet man allerdings den medialen Diskurs im Zeitverlauf so wird offenbar, dass mittlerweile der dominante Terminus zur Charakterisierung der momentanen Krise der der „Staatsschuldenkrise“ und nicht mehr der der „Finanzkrise“ ist. Es ist also zu einer sprachlichen Neudefinition gekommen, die gleichzeitig eine Umdeutung oder Neudeutung der Krise an sich zur Folge hatte. Auch ohne eine detailliertere Analyse der Argumentationsstrategien zur Ursachenbeschreibung der Great Recession impliziert die konsequente Verwendung einer Terminologie rund um „Staatsschulden“, dass durch diese Sprachfigur die Aufmerksamkeit der EmpfängerInnen auf die (in diesem Fall klar negativ konnotierte) Rolle des Staates in der Krise gelenkt wird.

Von der Finanz- zur Staatsschuldenkrise

In Folge der veränderten sprachlichen Rahmung der wirtschaftspolitischen Debatte steht „Staatsschuldenkrise“ nun einerseits gleichsam als Analogie zur Great Recession. Andererseits dient die Neudefinition der Krise aber auch als Argumentationsgrundlage dafür, dass in der Erklärung der Ursachenzusammenhänge für den Ausbruch der Krise der Finanzkrise stetig weniger an Bedeutung zugemessen wird. Die Great Recession wird somit in mehrere Teilkrisen unterteilt, deren kausale Bedingtheiten verschwiegen werden. Betrachtet man allerdings die Staatsschulden der EU, Österreichs oder des Euroraums vor der Krise so wird schnell klar, dass diese in der Zeit von Mitte der 1990er Jahre bis 2007 rückläufig sind und erst nach dem Ausbruch der Krise tatsächlich stark ansteigen (vgl. Jahoda-Bauer-Institut 2013: Krise).  Erst die Krise in Form von Steuerverlusten und die Reaktionen auf die Krise in Form von Konjunktur- und Rettungspaketen hat also den Anstieg der Staatsschulden verursacht – der kausale Zusammenhang zwischen Finanzkrise und „Staatsschuldenkrise“ ist also offensichtlich.

Sprachbilder von ÖkonomInnen im medialen Diskurs

Nachdem also klare empirische Evidenz dafür gegeben ist, dass die Ursache für die Große Krise nicht in zu hoher Staatsverschuldung zu suchen ist, soll in Folge der Frage nachgegangen werden weshalb es einerseits zu dieser Neu- und Umdeutung kam, aber auch welche potentiellen Wirkungen von Sprachbildern, Metaphern und Narrativen im wirtschaftspolitischen Diskurs – und dabei insbesondere in Krisenzeiten – ausgehen können. Interessant scheinen in diesem Zusammenhang vor allem die medial transportierten Einschätzungen und Argumentationsmuster von VolkswirtInnen als ExpertInnen für ökonomische Prozesse zu sein. Dazu wurde im Rahmen des Forschungsprojekts ÖkonomInnen in der Finanzkrise“ (Finanzkrise)  mit Hilfe einer Diskurs- und Metaphernanalyse des öffentlichen Diskurses von ÖkonomInnen in meinungsbildenden deutschsprachigen Medien analysiert. Dabei wurde untersucht, welche dominanten Sprachfiguren, Metaphern und Bilder ÖkonomInnen für die Beschreibung der Finanzkrise verwendeten und auf welche „Weltbilder“ von Wirtschaft, Märkten und Wirtschaftskrisen sich daraus schließen lässt.

Der kognitiven Metapherntheorie (aufbauend auf Lakoff/Johnson „Leben in Metaphern“) folgend sind konzeptionelle Metaphern, auf die diese „Weltbilder“ basieren, von enormer Bedeutung, weil die in Sprache verwendeten Bilder menschliches Denken prägen. Menschen denken also in Bildern und die verwendete Sprache offenbart (oft unbewusst) gleichzeitig auch zentrale Denkmuster der SprecherInnen.

Betrachtet man nun also die öffentliche Debatte von deutschsprachigen ÖkonomInnen zur Finanzkrise im Zeitraum von Herbst 2008 bis Winter 2009 so können folgende fünf konzeptionelle Metaphern extrahiert werden:

  • Die Finanzkrise als Krankheit, die die Wirtschaft angesteckt hat
  • Die Finanzkrise als Naturphänomen oder Katastrophe mit verheerenden Auswirkungen
  • Der (Finanz)-Markt als sensibler Akteur, dem menschliche Eigenschaften zugeschrieben werden
  • Ökonomisches Handeln erfordert eine spezifische ökonomische Moral
  • Die Finanzkrise als Pech im ökonomischen Spiel

Quantitativ betrachtet stellen sich dabei vor allem die ersten beiden als zentral heraus, weshalb diese in Folge auch eingehender beschrieben werden.

Die Krise als Krankheit

Die erste prägende Metapher im ÖkonomInnendiskurs über die Finanzkrise ist die Krankheitsmetapher. So wird etwa davon gesprochen, dass „der Patient Deutschland“ einen „schweren Infekt“* habe oder dass sich die deutsche Wirtschaft „angesteckt“ habe. Ein anderes Bild beschreibt das Problem von Kreditknappheit folgend: „Die Arterien der Wirtschaft (…) sind verstopft“ und daher „kommt es zum Infarkt“. In anderen Zusammenhängen werden die Finanzkrise als „Fieber“, „Überhitzung“, staatliche Interventionen gegen die Krise als „Cholera“ (in Abgrenzung zur noch schlimmeren „Pest“) beschrieben. Die „Ansteckungsgefahr“ durch außen wird drastisch auch noch einmal in der Beschreibung dargestellt, dass „sich die Krise durch die gesamte Euro-Peripherie fressen …“ und schließlich „auch das Zentrum erreichen“ werde. In all diesen Bildern wird die Krise als krankhafter Zustand des Wirtschaftssystems beschrieben, wobei dem angegriffenen Gesundheitszustands des „Körpers Wirtschaft“ als Referenzfolie ein „gesunder Körper“ einer funktionierenden Wirtschaft gegenübergestellt werden kann. Aus der dichotomen Beschreibung einer von außen wirkenden Krankheit leitet sich für ÖkonomInnen als ExpertInnen für den „Körper Wirtschaft“ die Rolle der medizinisch-fachlichen Behandlung ab. Die Bedeutung fachlicher Expertise wird in diesem Zusammenhang auch mehrmals betont. So wird etwa gemahnt: „es hilft nichts, sich über das Thermometer aufzuregen, wenn man das Fieber nicht mag.“ Und es besteht Hoffnung: Auch wenn der „Körper Wirtschaft“ gerade eine „schwere Krankheit“ durchlaufe, sei er dennoch robust, „ganz einfach, weil Marktwirtschaften generell robuste Systeme sind“. Und noch klarer: Man müsse lediglich auf die „heilenden Kräfte des Marktes“ vertrauen.

Die Krise als Naturphänomen oder -katastrophe

Die zweite prägende konzeptionelle Metapher zur Finanzkrise ist die Natur- oder Katastrophenmetapher. So wird die „amerikanische Krise“ als „ökonomischer Tsunami“ beschrieben, der auf „Deutschland zurolle“. Die Auswirkungen der Krise werden „tektonische Verschiebungen“ auf den Märkten gleichgesetzt, die wie „Schocks“ oder „ein Erdbeben“ wirken würden. Oftmals wird auch das Bild eines externen und zugleich potentiell verheerenden Bedrohungsszenarios gezeichnet: „Die Einschläge kommen näher“ oder „wie in der Kernphysik kann ein Kreditderivat zur Massenvernichtungswaffe werden“. Das Verhalten einzelner AkteurInnen im Finanzsystem führe zu einem „Brechen des Damms“ und „dann gibt es kein Halten mehr“. Durch die Verwendung von Natur- und Katastrophenmetaphern wird generell eine äußere Gefahr beschrieben, die auf das eigene System wirke. Es wird damit einer Krisenerklärung Vorschub geleistet, die die Ursachen der Krise einer „externen“ Bedrohung, sei es ein „Tsunami“, „Erdbeben“ oder „Überflutungen“, zuschreibt. Im Gegenzug dazu „schwimmen (wir, Deutschland, Anm. SP) wie die Korken auf den Wogen der Weltkonjunktur“.

Natur- und Katastrophenmetaphern verhindern also einerseits die Zuschreibung von Verantwortung für schlechte Prognosen von ÖkonomInnen. Andererseits, was für die Wirkung von Krisenerklärungen noch von wesentlich größerer Bedeutung ist, wird damit die Krise nicht endogen oder systemisch, sondern exogen, durch „externe Schocks“ erklärt. Diese Beschreibung der Krise als externes und außergewöhnliches Ereignis verkennt damit die permanente Krisenanfälligkeit des Finanzsystems, wie auch des Kapitalismus an sich. Die politische Forderung, die sich auf solch ein Bild der Krise stützt, kann dann die Unterstützung des an sich ja stabilen und funktionierenden Systems der Wirtschaft bzw. des Marktes sein. Finanz- und Wirtschaftskrisen werden in diesem Zusammenhang lediglich als „außergewöhnliche Ereignisse“ verstanden, die zwar schwerwiegende Auswirkungen haben können, denen man aber letztlich wie Naturkatastrophen ohnmächtig ausgeliefert ist. Aus sich heraus könnte der Kapitalismus in diesem Verständnis ohnehin keine Krisen produzieren.

Ökonomische Normalität vs. die Krise als außergewöhnliches Ereignis

Zusammenfassend kann also festgestellt werden, dass im Diskurs von ÖkonomInnen die Dominanz eines reduzierten Verständnisses von Normalität zu konstatieren ist. Trotz graduellen Unterschieden der metaphorischen Analogien bei Krankheits- wie bei Natur- und Katastrophenmetaphern – die die dominanten Bilder von ÖkonomInnen im Reden über die Finanzkrise waren – wird die Finanzkrise in beiden Fällen als außergewöhnliches Ereignis verstanden, das von außen auf die Wirtschaft wirkt. In den Gegensatzpaaren gesunder/kranker Körper, stiller Ozean/Tsunami, stabiles/wankendes Gebäude oder funktionierende Maschine/externer Angriff zeigt sich dieses dichotome Verständnis.

Es ist aus dieser Perspektive betrachtet wenig verwunderlich, dass mittels politischer Argumentation, die auf so einem Normalitätsverständnis ökonomischer ExpertInnen aufbaut sehr schnell versucht wurde „zur Normalität zurückzukommen“. Da die Finanzkrise überwiegend nicht als systemische Krise des Kapitalismus interpretiert wurde, sind Austeritätsprogramme in der EU-Krisenpolitik nur die logische Folge. Das marktradikale, neoliberale Denken, das sich in diesem vorherrschenden Normalitätsverständnis widerspiegelt, macht es daher möglich die Finanzkrise, wie aber auch die ansatzweise keynesianisch orientierten staatlichen Konjunkturprogramme 2008/09 als außergewöhnlich zu betrachten. Austeritätsprogramme zur Bekämpfung der „Staatsschuldenkrise“ passen dagegen gut in den Rahmen wirtschaftspolitischer „Normalität“.

Die Macht der Sprache in öffentlichen ökonomischen Debatten

Abschließend soll noch einmal betont werden,  dass hinter der Verwendung spezifischer Metaphorik kein intendierter Prozess der Beeinflussung öffentlicher Meinung zu verstehen ist. Allerdings werden in der Sprache und insbesondere in den darin verwendeten Bildern spezifische Denkmuster offenbart. Damit steht die dominante Metaphorik in enger wechselseitiger Beziehung zu polit-ökonomischen Machtverhältnissen. Betrachtet  man etwa die quantitative Verteilung der „ÖkonomInnen“, die im hier beschriebenen Zeitraum in meinungsbildenden Medien über die Finanzkrise zu Wort kamen, findet man nur zwei Tabelle_PühringerÖkonomen (unter den ersten 15 finden sich keine Ökonominnen), die eher der keynesianisch-progressiven Denkrichtung zuzuordnen sind (Bofinger und Horn, siehe Tabelle). Sprache und Metaphorik sind also nicht von polit-ökonomischen Machtverhältnissen zu trennen, dennoch kommt ihnen in der Konstruktion von Wirklichkeit eine bedeutendere Rolle zu als oftmals angenommen wird. Dass diese Bedeutung schrittweise immer mehr erkannt wird, zeigt sich nicht zuletzt auch in der 2012 erschienenen BEIGEWUM-Publikation „imagine  economy. Neoliberale Metaphern im wirtschaftspolitischen Diskurs.“ (beigewum).

* aus Gründen besserer Lesbarkeit wurden die Einzelnachweise für Kurzzitate von ÖkonomInnen weggelassen. Beim Institut für Gesamtanalyse der Wirtschaft  (icae) finden Sie eine ausführliche Aufarbeitung des Diskurses von ÖkonomInnen über die Finanzkrise mit den genauen Angaben.