Brexit, Bourdieu und Bildung

03. Februar 2017

Nach den Volksentscheiden Brexit, österreichische Bundespräsidentenwahl und amerikanische Präsidentenwahl lohnt sich ein Blick auf die Sozialfeldtheorie nach Pierre Bourdieu: Wie erklärt der Bildungsstand Bruchlinien in der Gesellschaft und was kann Bildungspolitik beitragen, um diese Spaltung zu überwinden?

 

Volksentscheide zeigen neue gesellschaftliche Bruchlinien auf

Der Brexit war im Jahr 2016 der erste Volksentscheid, der eine neue Bruchlinie in der Gesellschaft offenlegte: jene zwischen Menschen in urbanem Umfeld, mit höherer formaler Bildung und mit positiven Zukunftsperspektiven und Menschen in eher ländlichen Regionen, mit eher niedriger formaler Bildung und eher pessimistischen Zukunftsaussichten. Dieses Muster wiederholte sich dann bei der österreichischen Bundespräsidentenwahl und bei der amerikanischen Präsidentenwahl. Dazu kam noch ein unterschiedliches Wahlverhalten von Frauen und Männern sowie jungen und älteren Menschen.

Die Bildungsexpansion hat dazu geführt, dass vor allem jüngere Menschen heutzutage über höhere formale Bildungsabschlüsse verfügen als früher. Die Statistik Austria belegt dies jährlich mit entsprechenden Zahlen: Am Beispiel von Wien sieht man, dass vor allem Städte diese Menschen anziehen. Weiters können wir in der Statistik feststellen, dass ein höherer Bildungsabschluss vor Arbeitslosigkeit schützt, die Wahrscheinlichkeit eines höheren Haushaltseinkommens befördert und auch vor Armut schützt. Darüber hinaus absolvieren Menschen mit höheren Bildungsabschlüssen auch mehr Fort- und Weiterbildung.

Bildung als Sozialkapital im Sozialfeld nach Bourdieu

Der französische Soziologe Pierre Bourdieu hat einen Ansatz vorgeschlagen, in dem die Gesellschaft als sozialer Raum oder soziales Feld gesehen wird. Damit wird es möglich, nicht nur die Standorte der einzelnen Gruppen (Milieus), sondern auch deren Beziehungen untereinander zu analysieren. Dabei gibt es die Tendenz, dass sich die soziale Ordnung reproduziert.

Anhand verschiedener Kapitalformen kann dieser soziale Raum nun strukturiert werden. Die verschiedenen Akteure investieren nach Rentabilitätsüberlegungen in die jeweiligen Kapitalformen. Bourdieu unterscheidet vier Typen von Kapital: ökonomisches, kulturelles, soziales und symbolisches Kapital.

Die Position der Akteure im Sozialraum hängt vom Volumen und der Struktur ihres Kapitals ab. In der Darstellung des Sozialraums befinden sich unten die Akteure bzw. gesellschaftlichen Gruppen, die über wenig, und oben jene, die über viel Kapital verfügen. Auf der linken Seite dominiert das kulturelle (insbesondere in Form von Bildungsabschlüssen) und auf der rechten Seite das ökonomische Kapital. So verfügen beispielsweise in der Übersicht links unten Facharbeiter insgesamt – abgesehen von ihrer besonderen Qualifikation – über wenig Kapital. Rechts oben sind dagegen die Eigentümer von Industrie- und Handelsbetrieben zu finden. Links oben dominieren Gruppen, die über viel kulturelles Kapital in Form von Titeln und Wissen, aber über relativ wenig ökonomisches Kapital verfügen (z. B. Führungskräfte, freie Berufe …).

Alte und neue Trennlinien entlang der Kapitalausstattung

Bisher funktionierte der soziale Aufstieg auf der linken Seite im sozialen Feld vor allem über Bildung, indem sozusagen in kulturelles Kapital investiert wurde. Bourdieu hat in seiner Darstellung auch die Trennlinie zwischen der traditionellen politischen Linken und Rechten im Wesentlichen zwischen den Feldhälften gezogen, in denen das kulturelle und das ökonomische Kapital dominieren (schwarze Linie in der Darstellung).

Sozialfeld nach Bourdieu (vereinfacht)

Dekoratives Bild © A&W Blog
© A&W Blog

Überträgt man das Abstimmungsverhalten der letzten Volksentscheide auf das Sozialfeld von Bourdieu, fällt eine neue Trennlinie auf: Die Gesellschaft teilt sich nunmehr in jene Menschen, die insgesamt über viel Kapital verfügen (zur Erinnerung: urban, höherer Bildungsstand, optimistische Zukunftsperspektive), und jene, die insgesamt über wenig Kapital verfügen (zur Erinnerung: eher ländlich oder Städte im Niedergang, niedriger formaler Bildungsstand, pessimistische Zukunftsperspektive). Diese Trennlinie kann man sich im Sozialfeld somit als ungefähr waagrechte Linie vorstellen (siehe rote Linie in der Darstellung). Während die Gesellschaftsgruppen durch ihre höhere Kapitalausstattung in der Lage sind, Investitionen zu tätigen, fallen die anderen zurück. Entscheidende „Investitionsstrategien“ im sozialen Feld sind zum Beispiel die Vererbung von Vermögen, der Besuch von hochwertiger Aus- und Weiterbildung und die Auswahl der besten Schulbildung für die eigenen Kinder.

Der Beitrag der Bildung zum Zusammenhalt der Gesellschaft

Bildung ist einerseits ein wesentliches Mittel für den gesellschaftlichen Aufstieg und eine gute Platzierung im sozialen Feld. Andererseits kann Bildung aber auch ein wesentlicher Faktor der Abgrenzung zu anderen Gesellschaftsschichten sein. Bildung ist daher ein entscheidender Faktor für mehr Chancengerechtigkeit, wobei es allerdings sehr darauf ankommt, wie diese ausgestaltet ist und welcher Bildungsbegriff zu Grunde liegt.

Bildungspolitik für mehr gesellschaftlichen Zusammenhalt

Bildungspolitik, die allen gesellschaftlichen Gruppen den Zugang zu hochwertigen Bildungsabschlüssen ermöglicht, verringert demnach die gesellschaftliche Spaltung. Bildungspolitik, die auf Elitenbildung oder Zugangsbeschränkungen aufgrund sozialer Herkunft abzielt, verbreitert die Spaltung hingegen. Folgende Maßnahmen gehören damit zu einer Bildungspolitik, die hilft, die neu entstandene Trennlinie in der Gesellschaft wieder zu überwinden:

  • Der kostenlose und gleiche Zugang zum Kindergarten eröffnet Kindern – und deren Eltern – aus allen Gesellschaftsgruppen eine Möglichkeit, sich über Milieugrenzen hinweg schon sehr früh sehr selbstverständlich zu begegnen. Frühkindliche Betreuung und Förderung – auch die Sprachförderungen – haben tiefgreifende und langfristige Auswirkungen, die mit späteren Maßnahmen nicht mehr so einfach erreicht werden können.
  • Die Bildungswegentscheidung muss in Österreich im Alter von 10 Jahren getroffen werden. Der viel bessere Weg ist hier die gemeinsame Schule der 10- bis 14- bzw. 15-Jährigen. Die Schule ist ein Ort des Lernens und der Begegnung. Hier sollen die Kinder aller Gesellschaftsgruppen gleichberechtigt und miteinander in den Genuss von zeitgemäßer Pädagogik kommen.
  • Der Idealfall ist, wenn die gemeinsame Schule in verschränkter Ganztagesform angeboten wird. Das löst nicht nur das Betreuungsproblem der Eltern, sondern hat zuallererst pädagogische Vorteile.
  • Für die Bildungswegentscheidungen bedarf es eines flächendeckenden Beratungsangebots und einer ausgebauten Berufsorientierung.
  • Die Biografien der Menschen sind vielfältiger und beweglicher geworden. Es ist damit oft erforderlich, auch im Erwachsenenalter noch formale Schulabschlüsse nachzuholen. Es muss möglich sein, diese kostenlos auch im Erwachsenenalter nachzuholen.
  • Lernen braucht Erfolgserlebnisse und Anerkennung. Hier setzt die „Anerkennung von non-formal und informell erworbenen Kompetenzen“ an. Menschen lernen im Leben das meiste aus Erfahrung: in der Arbeit, in Vereinen, in der Familie. Diese Fähigkeiten sollen sichtbar, anerkannt und auf formale Bildungsabschlüsse anrechenbar werden.
  • Um den Hochschulzugang nicht von der finanziellen Leistungskraft abhängig zu machen, bedarf es eines weiteren Ausbaus des Stipendiensystems. Gegen gedankliche Hürden und Hemmschwellen von Menschen aus bildungsfernen Milieus hilft hier ebenfalls eine gut ausgebaute Studienberatung.